Viele machen Party, um zu verdrängen: Das Leben in Beirut drei Monate nach dem Krieg

Über drei Monate ist es jetzt her, dass die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon beendet wurden, die mit der Entführung zweier israelische Soldaten durch die Hisbollah im Juli ausgelöst worden waren. Vor Kriegsausbruch hatte Beirut einen regelrechten Hype erlebt und wurde in vielen Magazinen als neue Party- und Tourismusmetropole gefeiert. Nach dem Mord an Industrieminister Pierre Gemayel vor einer Woche haben zudem die Spannungen im Libanon zwischen antisyrischer Parlamenstmehrheit und prosyrischer Hisbollah noch einmal zugenommen. Wie lebt es sich seit dem Krieg in Beirut? Wie hat sich die Stadt und die Stimmung in der Stadt verändert? jetzt.de hat mit Marc (27), Rayya (22) und Ziad (35) gesprochen.
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Marc Codsi, 27, ist Gitarrist und Soundmacher bei der Beiruter Elektropunkband Lumi Ich habe am Wochenende viel an den Stücken meiner Band Lumi gearbeitet. Am Donnerstag spielen wir in einem Elektro-Club namens „Basement“. Er befindet sich in einem alten Fabrikgebäude aus Backstein. Es ist kein Underground-Club, wie ihr in Europa welche habt. Im „Basement“ trinken und tanzen eigentlich nur Leute, die Geld haben, auch wenn ich vielleicht ein bisschen übertreibe. Es ist ganz nett dort und es legen oft gute DJs auf. Was das Weggehen betrifft, hat sich durch den Krieg nicht viel geändert. Die Beiruter müssen einfach raus und Party machen. Auch während des Kriegs hatten einige Clubs geöffnet und trotz der Bomben waren sie gut besucht. Nach Kriegsende sind die Menschen sofort wieder weggegangen, genau wie vorher.

Die Band Lumi Der einzige Teil von Beirut, der nicht mehr derselbe ist, ist die Vorstadt im Süden. Da leben die Familien der Hisbollah-Aktivisten und -Sympathisanten. Alles ist komplett zerstört. Ich kenne diesen Teil von Beirut nicht besonders gut. Obwohl meine Wohnung gar nicht so weit entfernt liegt, war ich nur ein paar Mal da. Sie haben aber angefangen, alles wieder aufzubauen und machen große Fortschritte. Direkt nach dem Krieg waren viele Leute einigermaßen optimistisch. Sie haben gehofft, dass der Konflikt mit Israel nun endlich beendet werden könnte, dass wir unsere Gesellschaft von Grund auf erneuern, ihr ein stabileres Fundament geben können. Dass das der letzte Krieg war. Mittlerweile haben wir aber kapiert, dass es nicht so einfach ist und die Probleme immer noch riesig sind. Als in der vergangenen Woche unser Industrieminister ermordet wurde, habe ich gerade mit einem Label über die Veröffentlichung eines Albums verhandelt. Wir haben übers Fernsehen von dem Attentat erfahren und das Gespräch abgebrochen. Die Moral der Leute ist erschüttert. Aber ich denke, das ist momentan einfach eine Übergangsphase und die sind ja bekanntlich immer schwierig. Dieser Sommer sollte eigentlich großartig werden, auch für den Tourismus im Libanon. Die Stimmung war sehr gut. Wir hatten ein wichtiges Konzert vor uns und haben bereits nachgedacht, welche Songs wir spielen und welche Klamotten wir auf der Bühne tragen sollen. Und von einem Tag auf den anderen war plötzlich alles ganz anders, nur noch das Überleben war wichtig. Wir waren sehr frustriert, weil wir das Gefühl hatten, dass der Krieg uns alles nimmt. Wir hatten uns diese neue Situation ja nicht ausgesucht, wir wollten voranschreiten und etwas erreichen und dann kam dieser brutale Bruch. All das haben wir in einem Song namens „Not Our War“ verarbeitet, den wir am Donnerstag zum ersten Mal live spielen werden. Als Künstler verspüren wir die Konsequenzen aus dem Krieg, vor allem weil momentan kein Geld in Kunst oder Musik investiert wird. Man kann keine Sponsoren für Kulturveranstaltungen finden. Während des Sommers sollten eigentlich ein paar Musikfestivals stattfinden und es wurde viel darüber gesprochen, welche Bands aus dem Ausland spielen könnten. In den letzten Jahren waren zum Beispiel Massive Attack oder Placebo da. Die Veranstalter haben viel Geld investiert, um Künstler zu buchen, und nachdem dann alle Festivals abgesagt wurden, haben sie viel verloren. Für mich persönlich hat sich finanziell nicht besonders viel verändert. Ich hatte vor dem Krieg nicht besonders viel Geld und jetzt auch nicht. Hier kannst du dir Musik von Lumi anhören. Foto: myspace.com/lumisounds


Rayya Badran, 22, arbeitet ehrenamtlich für die Hilfsorganisation „Mowatinun“ Ich bin kurz nach Anfang des Kriegs ganz spontan zur Aktivistin geworden. Ich habe am dritten oder vierten Tag zusammen mit ein paar Freunden damit begonnen, in einer Schule Sandwiches für die obdachlosen Menschen zuzubereiten. Aus dieser kleinen Gruppe ist dann „Mowatinun" enstanden, díe mittlerweile eine richtige Organisation geworden ist, mit Leuten, die sich um IT-Management, Design oder die Verwaltung der Lieferungen kümmern. Während des Kriegs haben sich 150 Freiwillige zwölf Stunden täglich engagiert. Unser Hauptanliegen ist es, den Bürgersinn zu stärken. Während des Kriegs wollten wir den Obdachlosen zeigen, dass wir da waren, um ihnen zu helfen, einfach als Bürger, nicht als Angehörige einer bestimmten Glaubensrichtung oder sonstigen gesellschaftlichen Gruppe. Wir haben im Süden verschiedene Projekte initiiert und Kindern zum Beispiel Schulsachen besorgt. Nach dem Krieg hat sich das Engagement dann noch verstärkt, weil die Dringlichkeit und Gefahr weg war und wir besser vorausplanen konnten.

Momentan denken wir vor allem darüber nach, wie wir die Arbeiter unterstützen könnten, die in einer großen Fabrik für Milchprodukte im Süden von Beirut beschäftigt waren. Die Fabrik wurde während des Kriegs sehr heftig bombardiert und ist völlig zerstört. Wir sprechen mit dem Industrieverband, um einen Plan zu entwerfen, wie man den Arbeitslosen helfen könnte, und sei es nur dadurch, dass wir sie mit Lebensmittelspenden versorgen. Leider sind wir mit den Überlegungen ganz am Anfang, weil alle Mitglieder meiner Organisation seit Kriegsende tagsüber ja wieder ihre ganz normalen Jobs machen. Ich selbst arbeite für die Arab Image Foundation, eine Stiftung, die das fotografische Erbe der arabischen Welt sammelt und schützt. Wir würden gerne immer neue Projekte an den Start bringen, aber können das leider nicht mit Höchstgeschwindigkeit tun. Dazu kommt, dass wir seit der Ermordung des Industrieministers Pierre Gemayel schlecht voraussehen können, wie sich die politische Situation entwickeln wird. Alles dauert ein bisschen länger. Die Menschen im Libanon haben eine unglaubliche Fähigkeit, weiter zu machen mit ihrem Leben. Du willst nicht zurückschauen, sondern nach vorne, obwohl du gleichzeitig weißt, dass das, was passiert ist, real war und sehr intensiv und für manche Menschen sehr schrecklich. Ich persönlich brauche wohl noch etwas Zeit, bis ich wirklich begriffen habe, dass ich einen Krieg miterlebt habe. Viele Leute machen momentan einfach Party, weil sie die politische Spannung nicht an sich heranlassen wollen, und ich kann das nachvollziehen. Aber ich habe ganz gemischte Gefühle. Ich habe nach dem letzen Mord zum ersten Mal in den letzten zwei Jahren wirklich kapiert, wie fragil die Situation ist. Ich war davor wohl etwas gleichgültig. Jetzt aber weigere ich mich, zu allem immer „Na und!“ zu sagen.“ Hier und hier könnt ihr mehr über die Arbeit von Mowatinum erfahren. Foto: privat


Ziad Nawfal, 35, ist DJ bei Radio Liban und Plattenhändler Ich habe auch während des Kriegs mit meinen Radiosendungen weitergemacht, zumindest solange die Bombardements nicht zu heftig waren, und das obwohl die Sendeanlagen zerstört waren und mich praktisch niemand hören konnte. Das war sehr frustrierend. Jetzt am Wochenende bin ich mit einer Freundin durch Beirut gefahren, um zu sehen, in welchen Stadtteilen man meine Sendungen wieder empfangen kann. Das Signal ist meistens ziemlich gestört, vor allem im Auto ist es sehr schwierig, zuzuhören. Es ist nicht so schlimm wie während des Kriegs, aber sie haben halt noch nicht alles repariert.

Einige Musiker haben Songs während des Kriegs geschrieben, Lumi zum Beispiel oder die Scrambled Eggs. Dann gibt es noch den Comiczeichner und Jazztrompeter Mazen Kerbaj. Er hat während des Kriegs noisige Ambientsounds aufgenommen, im Hintergrund hört man die Bomben. Er hat auch mit den Scrambled Eggs ein paar Songs gemacht, aber ich kann sie im Radio nicht spielen. Das ist einfach improvisierter Free Jazz. Es gibt im Libanon seit ein paar Jahren eine sehr aktive junge Künstlerszene, Musiker, Filmemacher oder Schriftsteller, eine Art künstlerische Renaissance auf all diesen Feldern. Durch den Krieg hat das Land eine riesige internationale Aufmerksamkeit bekommen. Und das hat all diese Künstler motiviert und ihnen bewusst gemacht, dass sie ein Publikum haben. Wir haben jetzt die Gelegenheit, unser Zeug rauszubringen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sind die internationalen Medien bereit, zuzuhören, Neues zu entdecken und darüber zu schreiben. Das französische Musikmagazin „Les Inrockuptibles“ hat kürzlich zum Beispiel ein großes Special gebracht. Und viele der Musiker gehen jetzt in anderen Ländern auf Tour oder geben Konzerte. Letztlich hat der Krieg da sehr geholfen, auch wenn das sehr zynisch ist. Ich finde aber nicht, dass die Normalität wieder in unser Leben zurückgekehrt ist. Zwischen dem Ende des Kriegs und der Ermordung des Industrieministers war die Stimmung sehr angespannt. Jeder war gestresst und hat darauf gewartet, dass irgendwas in die Luft fliegt. Es gab kleinere, isolierte Vorfälle, von denen die ausländische Presse wahrscheinlich gar nicht berichtet hat. Irgendwo ist ein Molotowcocktail explodiert oder eine kleine Bombe, zum Beispiel in einem Gebäude im christlichen Viertel. Es schien so, als ob bestimmte Leute im Land Interesse daran hätten, eine gewisse Spannung zu erzeugen. Seit dem Attentat herrscht die totale Stagnation. Wir leben oberflächlich so wie immer. Ich gehe jeden Tag in den Plattenladen, mache meine Radiosendung, arbeite im Restaurant und organisiere Konzerte im „Club Social“. All das findet weiterhin statt, aber das Grundgefühl ist immer, wozu machen wir das eigentlich. Im Plattenladen verkaufen wir sehr wenig, die finanzielle Situation ist schlecht. Für mich persönlich ist das sehr verheerend. Aber gleichzeitig wäre es auch schwierig, wegzugehen und alles hinter mir zu lassen, vor allem in meinem Alter. Die Vorstellung, ganz von vorne anzufangen, macht mir Angst. Hier habe ich immerhin etwas, ich habe ein paar Jobs und mache, was mir Spaß macht. Ich befinde mich in einer Maschine und die Maschine läuft. Aber vielleicht bin ich auch einfach ein Feigling. Hier geht es zu Radio Liban. Foto: privat

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