Vom coolen Trainer zum Facebook-Rassisten

Tobi stand als Coach einer multinationalen Fußballmannschaft jahrelang für seine Jungs ein. Jetzt inszeniert er sich auf Facebook als Ausländerfeind. Ein Brief an einen, von dem unser Autor viel gelernt hat - und den er heute nicht mehr versteht.
jetzt-redaktion

Illustration: Julia Schubert





Der Name unseres Autors und die Vornamen aller genannten Personen wurden geändert.

Lieber Tobi,

wenn ich mich an meine A-Jugend-Zeit erinnere, erscheint da zuerst das Bild von meinem ersten Training. Du bist der Trainer, du stellst mich vor. Kahil sieht meine dünnen Beine, lacht und sagt: "Ich dachte, wir suchen Verstärkungen". Da ist das Bild vom ersten Spiel, von meinem ersten Tor. Wie Nadim sich das Bein bricht und heult. Wie die rote Karte zum Leitmotiv einer Saison wird. Der Schiedsrichter, der in den letzten Minuten alles versucht, damit nicht wir, "die Ausländer", gewinnen, sondern die andere Mannschaft, "die Deutschen". Der mit roten Karten um sich wirft, bis wir nur noch zu acht sind, bis in zehn Minuten Nachspielzeit aus einem 2:1 ein 2:3 wird. Der Schiedsrichter, der anschließend bestürmt und beschimpft wird, der in die Kabine flieht, sich einsperrt und die Polizei ruft. Der Verein will unsere Mannschaft danach abmelden. Du nimmst uns in Schutz, du verteidigst uns.

Und sagst jetzt, sieben Jahre später, dass wir in Deutschland nicht genug Platz haben, dass Deutschland missbraucht wird, dass es jetzt reicht mit der Zuwanderung.

Mein Gedächtnis ist wie ein alter Fußball, der in der Garage liegt und immer mehr Luft verliert. Ich kann mich an keinen Satz erinnern, den du damals gesagt hast; aber da sind noch viele Bilder. Und immer bist du auf unserer Seite.

Da ist Cem, der aus seinem Tor über den ganzen Platz rennt. Ein Zuschauer hat jetzt schon fünfmal "Scheißkanacken" gerufen, aus sicherer Entfernung. Der Motor seines Mopeds läuft schon. Cem kriegt ihn nicht.

Da sind wir, sitzen zusammen im Auto, auf der Rückfahrt vom Flutlicht-Auswärtsspiel. Kahil hat heute noch nichts gegessen, nichts getrunken, wegen Ramadan. "Jansen", sagt er zu mir, wegen Marcell Jansen, der ist auch blond, deswegen ist das mein Name. "Willst du Kuchen?"

Da ist das Bild von einem Freistoß: Am Sechzehner haben sich alle aufgestellt. Einer von den Gegnern boxt Thomas in den Unterleib, und Kahil rennt hin, zieht ein Bein vor, liegt in der Luft und tritt den Typen mit voller Wucht. Spielabbruch.

Und da ist mein letztes Spiel. Ich komme direkt von der Abiturfeier. 2:2 kurz vor Schluss, dann gibt es Freistoß für uns. "Willst du schießen?", fragt mich Milan.

Das ist das letzte Bild.

Du musst gemerkt haben, dass Arschlöcher aus Marokko und und aus Deutschland kommen, und dass gute Menschen aus Marokko und aus Deutschland kommen.

Du warst der Trainer dieser Mannschaft, meiner einzigen Fußballmannschaft. Fünfzehn Leute im Kader, sechs bis acht im Training. Thomas und ich: Deutsche. Thomas hat rote Haare, ich blonde. Die weiteren Spieler: ein Marokkaner, drei Portugiesen, ein Peruaner, ein Ecuadorianer, zwei Italiener, ein Spanier, ein Pole, zwei Türken, ein Algerier. Die hatten, glaube ich, alle schwarze Haare. Das war nicht wichtig. Du hast nie erwähnt, wer aus welchem Land kommt, oder besser, aus welchem Land welche Eltern, welche Großeltern kommen.

Alle haben dich gemocht und du hast uns gemocht. Du hast mal geheult, als Kahil ausgerastet ist und wieder vom Platz geflogen ist, weil du enttäuscht von ihm warst. Das heißt, dass du ihn gemocht hast. Kahil hat mal gesagt, dass er sich jetzt endlich in den Griff kriegen muss, weil er dich nicht mehr enttäuschen darf. Das heißt, dass er dich gemocht hat.

Du hast Milan zu deinem Kapitän gemacht, nicht Thomas, weil Milan der beste Spieler war. Nur der Trainer von der Herrenmannschaft, der wollte lieber Thomas, wenn sie mal einen aus der A-Jugend brauchten. Es gab Arschlöcher im Verein und es gab Arschlöcher in unserer Mannschaft. Es gibt überall Arschlöcher. Du musst damals gemerkt haben, dass Arschlöcher aus Marokko und aus Italien und aus Deutschland kommen, und dass gute Menschen aus Marokko und aus Italien und aus Deutschland kommen.

>>> "Du bist stolz, Deutscher zu sein, du liebst deine Heimat. Du musst also ahnen, wie das ist, wenn man in seiner Heimat nicht mehr leben kann."


Das alles ist jetzt viele Jahre her und wir sind nur noch auf Facebook Freunde. Da teilst du Fotos von "Aufwachen Deutschland", beschwerst dich über Asylmissbrauch und sagst, dass wir Gewalt von Migranten nicht akzeptieren müssen. Ein Bild von Trümmerfrauen, darunter steht: "Man stelle sich vor, nach dem Krieg wären unsere Väter und Mütter einfach abgehauen. Wie ehrlos." Du siehst nicht, dass die Menschen, die zu uns kommen, ihre Heimat verlassen, weil sie sich nicht sicher fühlen, weil sie nicht sicher sind, weil sie Angst haben um ihre Frauen und Männer, ihre Kinder.

Als dein erstes Kind auf die Welt gekommen ist und lange auf der Intensivstation behandelt werden musste, hast du dir große Sorgen gemacht. Du musst also wissen, wie das ist, wenn man Angst hat. Du bist stolz, Deutscher zu sein, du liebst deine Heimat. Du musst also ahnen, wie das ist, wenn man in seiner Heimat nicht mehr leben kann. Ich weiß, dass du viel arbeitest und nicht viel Geld hast; dass du deinen Kindern aber das beste Leben ermöglichen willst. Du musst also ahnen, wie das ist, wenn man nicht weiß, wie man seine Kinder ernähren soll.

Kahil ist ausgerastet, wenn Thomas in die Eier geboxt wurde. Nicht weil der Deutsche angegriffen wurde, sondern sein Freund.

Angst ist in uns allen. Angst vor Veränderung, vor dem Ungewohnten, vor dem Fremden. Die Reserviertheit gegenüber Fremden wird oft Fremdenfeindlichkeit genannt, aber es ist eher so etwas wie ein Fremdenskeptizismus, der nicht unbegründet ist: Von den Menschen, die wir kennen, die so aussehen wie wir, glauben wir zu wissen, was wir von ihnen erwarten können: Wir vertrauen ihnen eher. Damals, im Verein, warst du bestimmt auch skeptisch, ob das alles funktioniert, mit den ganzen Fremden. Aber irgendwann war nicht mehr wichtig, wer fremd aussah. Wir wussten, was wir voneinander erwarten konnten, weil wir uns kennengelernt hatten, weil wir nicht mehr fremd waren. Wir haben füreinander gekämpft, und Kahil ist ausgerastet, wenn Thomas in die Eier geboxt wurde. Nicht weil der Deutsche angegriffen wurde, sondern sein Mitspieler, sein Freund.

Vor drei Jahren habe ich Nadim in der Straßenbahn getroffen. Nadim hat mir erzählt, dass er bald abgeschoben wird, wenn er nicht endlich einen Ausbildungsplatz findet. Ich weiß gar nicht, wie lange Nadim schon in Deutschland lebt. Aber in Algerien, das hat er mir gesagt, kennt er keine Sau. Zwei Haltestellen weiter habe ich draußen Kontrolleure gesehen, die ich noch aus der Schulzeit kannte. Wir hatten beide keine Fahrkarte. Wir sind aufgestanden und rausgerannt, zusammen noch eine Haltestelle gegangen, dann musste Nadim in die andere Richtung weiter. "Mach's gut, Jansen".

Du hast letztens ein Foto gepostet, da stand: „Vom Aussterben bedroht: der dankbare Mensch“. In deinem Fall stimmt das vielleicht sogar. Weil du so gar nicht dankbar bist. Dass du hier leben darfst. Dass du nicht flüchten musst. Und dass du nette (fremde) Menschen kennengelernt hast.

Mach's gut, Tobi.

Dein Dominik

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