Vom Scientologen bis zum Studi: Die Typologie unserer Nachhilfelehrer

Wenn die Schule nachmittags zu Ende ist, hört das Lernen noch lange nicht auf. Dann machen wir uns auf, unsere anderen Lehrer zu treffen: Die, die uns zeigen, wie man den Tennisschläger richtig hält. Jene, die versuchen, aus unseren Wurstfingern Pianistenhände zu formen und die, die uns endlich beibringen sollen, wie das mit dem Prozentrechnen geht. Tatsächlich wird der Nachhilfemarkt in Deutschland immer größer: Im Westen hat jeder Vierte Nachhilfeunterricht und sogar Tchibo verkauft schon Nachhilfegutscheine. Das ist sehr fragwürdig, findet yvonne-gamringer in ihrem Aufsatz. Sie schreibt, warum Nachhilfe nicht zur festen Einrichtung werden darf. Hier nun: die Typologie unserer Nachmittags- und Nachhilfelehrer. Da wären die Sportlehrer, die echten Nachhilfelehrer und die Musiklehrer. Die Autoren sind kristin-matousek, barbara-wopperer und max-scharnigg
max-scharnigg

Der Tennislehrer

Über ihn wird seit Jahren die Information weitergeflüstert, dass er mal die 92 in der Weltrangliste war, der tschechische Tennisverband ihn dann aber nicht weiter gefördert hat. Den Frust darüber investiert er jetzt in einem süddeutschen Vorort-Tennisverein auf den Plätzen sieben und acht in Beschimpfungen. „Dei Rückhand is Scheiß!“ oder „leg schläger weg, liegestütz!“. Weil er den ganzen Sommer ununterbrochen Unterricht gibt, ist er bemüht, seinen Bewegungsapparat zu schonen. Er patrouilliert deswegen überwiegend gemächlich auf der Grundlinie auf und ab und macht dabei kleine Dehnübungen, während seine Schüler den Großteil der teuren Stunde damit beschäftigt sind, die verschossenen Bälle wieder in den Balleimer zu befördern. Seinen Günstling schickt er beim Vereinswirt Apfelschorle holen, wenn auf dem Nachbarplatz eine Damenpartie eröffnet. Und er lässt sich dazu herab - „Ihr zwei Flaschen gegen mich“- ein paar Bälle in die roten Gesichter seiner Schüler zu dreschen. Oder er zeigt sein einziges Kunststück: schnippt mit dem Schlägergriff die Bälle in den Eimer. Wenn ihn im Fortgeschrittenenkurs das junge Talent herausfordert, lässt er es gar nicht erst zu einem Ballwechsel kommen sondern spielt nur noch baumhohe Loop-Bälle und verkauft das als Witz. „Musste du laufen üben! – Hahaha“. Professionell wirkt er nur, wenn goldbehängte Mütter ihren pummeligen Marcel zur ersten Stunde an den Platz begleiten, dann geht es um „Beinarbeit“ und „Ballgefühl muss ganz früh trainiert werden“ und natürlich geht es dann auch um den freien Platz im Ehebett, wenn Marcel und sein Papa demnächst ins Tenniscamp nach Malta fahren. Und dann: Der Fußballtrainer


Der Fußballtrainer Das mit dem Sport ist ihm gar nicht so wichtig, es geht ja um Fußball. Und das ist in dem kleinen Ort in dem er trainiert eher eine amtliche Einrichtung, er selbst deswegen so etwas wie ein Bürgermeister der jungen Leute, die ihn freilich nicht wählen, denn er war ja immer schon da, schon vor seinem Bauch. Mit den jungen Leuten wiederum hat er es eigentlich auch nicht so. Deswegen müssen die ihn erstens Herr Danninger nennen und zweitens zieht er sich immer zwei von den Älteren als Co-Trainer, die mit den Kids Lininensprints machen, während er an einem kleinen Tisch am Spielfeldrand sitzt und Spielerpässe überprüft. Da ist er nämlich penibel, auch wenn seine Funktionärsarbeit keiner so richtig würdigt. Wenn die Sprinterei vorbei ist, betritt er mit seinen vergilbten Beckenbauer-Adidas-Stollen O-beinig das Feld und dirigiert mit der Trillerpfeife die nächsten Übungen – geübt wird nur Passen und Tore schießen. Irgendwas neumodisches mit Fähnchen und Pulsmessen kommt überhaupt nicht in Frage, überhaupt: das Wichtigste ist auf dem Platz. Beim sonntäglichen Spiel im Nachbardorf geht er in der Rolle des Trainers, kaum seinem Mercedes entstiegen, voll auf und begrüßt die angereisten Spielerväter per Handschlag während er gleichzeitig den jungen Schiedsrichter ermahnt: „Reiß dich zsam Bürscherl, ich hab’ schon deinen Vater trainiert.“ Zur Halbzeit ist Truppenmotivation nicht sein Ding, stattdessen nimmt er sich seinen Stürmer, gibt ihm einen Schluck Weizenbier und versucht ihn mit einem gespeichelten „Du Andi, du bist jetzt mei’ Ass!“ zu einem Tor zu bewegen. Der Andi ist auch Lehrling bei ihm im Autohaus. Versager würdigt er natürlich keines Blickes und die beiden Türkenbürscherl, die mal da waren, hat er auch bald wieder rausgestaubt. Angeblich weil „die meinten, die müssten sich hier aufführen“. Dass die beiden jetzt im Nachbarverein sind und ihm bei jedem Derby elf Tore einschenken, gehört zu den stillen Niederlagen, die der Fußballtrainer täglich verkraften muss. Nach einem Herzinfarkt beim Skat gibt er „schweren Herzens“ die Arbeit mit den jungen Menschen ab und kümmert sich fortan um die Vereinskneipe. Und jetzt: Der Rudertrainer
Der Rudertrainer Mann, hat der ein super Mountainbike! Hat er selber zusammengebaut mit Teilen aus den USA, wo er auch studiert hat. Und damit radelt er immer von ganz weit weg zum Training an den See, während seine schwächlichen Schüler von Müttern in Renault-Vans angeliefert werden. Als erstes zieht er dann sein T-Shirt aus, denn es wäre doch schade, wenn sein mega-sehniger muskulöser Oberkörper nicht zu sehen wäre, während er allein die Ruderboote ins Wasser setzt. Er ist so lustig und nett und heißt Tom - aber alle, auch die Mütter, dürfen ihn Tommy nennen. Wenn einer dick ist, kümmert er sich um den besonders und möchte ihm das Gefühl geben gleich integriert zu sein. Wenn einer nicht mehr kann, darf er zu ihm ins Motorboot. Nur Mittelmäßige hasst er. Wegen Tom gibt es auch einen Mädchenvierer, der alle Landesmeisterschaften gewinnt. Nach der gewonnen Meisterschaft ist es „Kult“, dass Tom von den „Mädels“ ins Wasser geworfen wird und hinterher alle im Bootsschuppen feiern. Ob der mittelmäßige Jungsvierer da auch dabei war, könnte Tom, der keinen Alkohol trinkt, am nächsten Tag nicht mehr sagen. Egal, Hauptsache er ist jetzt mit Britt zusammen, obwohl die erst 17 ist. Die beiden sitzen einen Sommer lang jeden Nachmittag gemeinsam im kleinen Vereinshaus am Wasser, träumen irgendwie von Hawaii und warten die Boote. Wenn Tom mal nicht da ist, scheißt Britt stellvertretend den mittelmäßigen Jungsvierer zusammen, weil nicht genug Geld in der Kasse für den Getränkekühlschrank ist. Irgendwann später sitzt sie heulend auf den Skulls, weil Tommy nach dem letzten Training doch mit Meli geknutscht hat, obwohl es eigentlich „aus“ war. Und dann kommen die echten Nachhilfelehrer. Wir beginnen mit dem Scientologen.
Der Scientologe

Verbirgt sich hinter der schnicken Fassade eines Ladenlokals, dessen große Glas-Fenster mit schnittigen Worten wie „Gute Noten!“ und „Erfolgreich in der Schule!“ beklebt sind. Es gibt einen Empfangs-Desk, der Nachhilfe-Lehrer trägt Schlips und Anzug in gedeckter Farbe und spricht vor der ersten Stunde davon, dass es vor allem darauf ankomme, die bisher blockierten Energien freizulegen. Statt der binomischen Formeln spricht der Scientologe lieber die Atemtechniken an. Selbst Arbeitsverweigerung seines Schülers kann den Scientologen nicht schrecken – schließlich ist er ja Titan des 12. Grades und damit über solcherlei irdisch Ding` hinaus. Weil er eigentlich nicht mehr als Materie, sondern nur noch ätherisch unterwegs ist Der typische Satz: „Zapfe den inneren Quell deines Selbstbewusstseins an!“ „Ich finde, du blockst mich und meine Bemühungen. Das stimmt mich traurig.“ Auf der nächsten Seite: Der Streber-Nachhilfelehrer


Der junge Streber Weil ihn die Atomphysik-Neigungsgruppe und die Uni-Vorlesungen in Stochastik, die er freiwillig neben der Schule besucht, nicht auslasten, gibt der junge Streber noch Nachhilfe. Gerne im Bereich der Naturwissenschaft – die neue Endstufe für seinen Power-PC will schließlich verdient sein. Er trägt Ringelpullover in psychedelischen Farben, immer die gleiche Kordhose und bringt, nur für alle Fälle, auch zur Nachhilfe ein Butterbrot in der Pausenbox mit. Da normalerweise niemand etwas mit ihm zu tun haben will, kostet er die Momente, in denen er seinen Nachhilfeschüler durch die Wunder der Physik peitscht, genüsslich aus. Aber wehe, wehe, dreimal wehe, wenn er keinem Schüler, sondern einer Schülerin Nachhilfe geben muss – Hormone lassen sich nun mal nicht berechnen. Der typische Satz: „Das habe ich dir doch schon dreimal erklärt, dass du hier die zweite Ableitung der Zeit-Raum-Funktion herleiten musst.“ „Nein, Freitagabend habe ich nie Zeit. Da läuft Astronomie im Telekolleg.“ Auf der nächsten Seite: Die alte Jungfer
Die alte Jungfer Französisch hat sie noch von Sartre persönlich gelernt, als sie als junges Mädchen nach Paris ging, um auch mal ein kultiviertes Land kennen zu lernen. Seitdem schwärmt sie von savoir vivre und Weichkäse, sieht alles mit der Brille von „La Grande Nation“ und spricht nur deswegen mit einem winzigen deutschen Akzent, damit sie ihre Nachhilfeschüler überhaupt verstehen. Sie trägt gerne strenge Kleidung und Single ist sie, wie sie sagt, aus Überzeugung. In Wahrheit hängt auf ihrer Toilette ein Poster von Alain Delon. Andere Fächer als Französisch hält sie für unnütz, wenn nicht sogar schädlich, deswegen verzeiht sie es ihren Schülern augenzwinkernd, wenn sie „wegen der vielen Hausaufgaben in den anderen Fächern“ mal wieder nicht dazu gekommen sind, ihre irregulären Verben und den Subjonctif zu wiederholen. Der typische Satz: „Allez, mon cher, lass uns beginnen!“ „Also nein, nun fällt mir schon wieder nicht das deutsche Wort ein!“ Auf den folgenden Seiten nun: Die Kohorte der Klavierlehrer. Typ eins: Der pensionierte Gymnasial-Musiklehrer.
Der pensionierte Gymnasial-Musiklehrer:

Deine Eltern haben sich nach deiner musikalischen Früherziehung dazu entschlossen, dein Talent weiter zu fördern. Weil sie aber auch keinen Geldscheißer haben - wie dein Vater immer zu sagen pflegt – geht es bei der Wahl des ersten Lehrers eher praktisch zu. Gut soll er sein, günstig soll er sein. So landest du bei einem pensionierten Gymnasiallehrer. Er ist ein solider Klavierspieler, man könnte ihn aber auch uninspiriert nennen. Den pensionierten Musiklehrer suchst du in seinem Haus auf. Er wohnt dort alleine mit seinem Hund. Seine Frau ist früh verstorben und die zwei Kinder sind schon lange ausgezogen. Früher saß er an diesem Klavier mit seinem Sohn, obwohl der nie Klavier hatte lernen wollen. Im Grunde fühlt der Lehrer immer noch wie damals, weshalb er sich sein spärliches, verbliebenes Haar auch über die Stirn kämmt, anstatt anzuerkennen, dass er alt ist und eine Glatze hat. Irgendwann merkst du: Das Klavier klingt immer verstimmter und dein Lehrer bemerkt es nicht mehr. Dann weist du deine Eltern darauf hin, dass sie sich nach jemand neuem umsehen sollten. Der typische Satz: "Wir können auch zwei Stunden machen. Ich hab Zeit." Und nach der Werbung das Finale: Der Musikstudent.


Der Musikstudent Meist trägt er eine braune Cordhose und längeres Haar ohne Haarschnitt. Er sieht auch ein wenig ungesund aus, als ob er den ganzen Tag über Noten brütet, an Kompositionen bastelt. Damals aber, da sind dir vor allem seine langen, schlanken Finger aufgefallen – Klavierspielerhände eben – und dass er so ein wenig geheimnisvoll war, weil er sich mit einer solchen Hingabe in dieser Musikwelt bewegte, die für dich ja doch eher lästiges Hobby war. Wenn er dir von Bach vorschwärmte schlug dein Herz tatsächlich ein wenig schneller. Kann aber auch an seinen dunkelbraunen Augen gelegen haben. Auf die Stunden warst du immer gut vorbereitet, weil er sich so gefreut hat, wenn du ein Stück, das ihm wichtig war mit viel Ausdruck gespielt hast. Dann kam dein erster Freund und nach endlosen Diskussionen hattest du deine Eltern überzeugt, ihr Geld besser in die musikalische Fortbildung deiner kleinen Schwester zu investieren. Der typische Satz: "Ich bin zu spät. Ich musste üben." Grafiken: dirk-schmidt

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