„Oh, Africa. Let us help them“, verkündet Alex Antwi pathetisch zu Beginn des Films vor interessierten Ghanaern. Er leitet heute das deutsch-ghanaische Projekt „Adopted“. Kurz darauf sieht man ein blondes Mädchen, das euphorisch ein Bild ihrer neuen Großfamilie auspackt. „I got a family! They look so nice. They look exactly like the perfect happy ghanaean family that I wanted to be a part of.“ In Berlin war es der isländischen Studentin zu hektisch, zu viel Leben nach Fahrplan.

Die Isländerin Thelma bei ihrer neuen Familie

Auch der Mittdreißiger Ludger, der in Wirklichkeit Niels Bormann heißt, war Deutschland überdrüssig. In Accra, sagt er, „ist die Welt, wie sie wirklich ist. Nichts ist versteckt, alles ist da. Der Tod, der Dreck, der Gestank, und das Laute.“ Es berührt und befreit ihn, das Schöne und das Hässliche nebeneinander zu sehen. Deutschland ist für ihn falsch, Ghana ehrlich.

Es irritiert, dass ausgerechnet diejenigen helfen, die als hilfsbedürftig gelten. Angefangen hat alles im Briefkasten der 44-jährigen Konzeptkünstlerin Gudrun Widlok. Dort lagen Heftchen von Patenschaftsorganisationen, „die mit den vielen traurig guckenden Kindern aus Afrika, Asien, Südamerika“. Sie wollte das klassische Verhältnis vom weißen Helfer und schwarzen Geholfenen künstlich umkehren und mit den Sehgewohnheiten brechen.

Dazu gab sie sich in mobilen Installationen als Europabeauftragte der fiktiven Organisation „Adopted“ aus, die Europäer nach Ghana vermittelt. Ihre Ausstellungen stießen sowohl in Deutschland als auch in afrikanischen Ländern wegen ihrer Ungewöhnlichkeit auf eine große Resonanz. „Über die Jahre haben sich die Leute dann wirklich beworben und ich habe mich darauf eingelassen – das Spiel weitergeführt.“

Auch ghanaische Familien waren schnell gefunden, die sich über Familienzuwachs aus einer fremden Kultur freuten. „Lass uns sie nehmen. Für Opa. Dann hat er Gesellschaft“, sagt eine Frau in einer Szene und zeigt auf das Bild der verwitweten Rentnerin Gisela. Alle lachen. „Ihr lasst mich außen vor!“, beschwert sich besagter Opa und tritt in den Raum, „Das ist gar nicht nett.“ Als die vierköpfige Familie ihm erklärt, dass Gisela seine Partnerin wird, weil er immer so einsam ist, wenn alle arbeiten gehen, grinst der 83-Jährige verlegen und willigt ein. Es ist eine irre lustige Szene.

 

Von diesen Szenen gibt es viele. Gemeinsam mit Filmemacher Rouven Rech begleitet die Künstlerin drei ausgewählte Europäer verschiedener Generationen, die sich symbolisch adoptieren lassen. Ein Kamerateam dokumentiert das Einleben in die Familien, Kulturschocks und Diskussionen über Religion, das Alter und wahres Glück. Nichts, was im Film geschieht, ist inszeniert. Die Idee von einem Drehbuch wurde schnell verworfen. 

Die Dreharbeiten machen die Utopie der Künstlerin zur Realität. Alex Antwi, der in Ghana zunächst nur für den Film die Vermittlungsarbeit übernahm, fand die Idee so gut, dass er das Projekt nun weiterführt. Über die Internetseite von „Adopted“ kann man ihm unverbindliche Anfragen senden. Gebühren fallen für eine Vermittlung nicht an, weil familiäre Liebe nicht käuflich ist. Aus einem Kunstprojekt wurde so eine echte, soziale Organisation.

 

An dieser Stelle endet die Arbeit von Gudrun Widlok, die seit zwei Jahren selbst in Accra lebt: „Mit dem Ende der Dreharbeiten war für mich der kreative Prozess abgeschlossen.“ Sie widmet sich als Künstlerin nun anderen Projekten in Ghana.

 

Durch diese zieht sich der rote Faden des Kulturkontakts. Die Künstlerin stört das Bild des armen Afrika. Das ist ein Bild, das gebrochen werden muss: „Natürlich ist nicht alles schön, aber auch hier ist das Leben lebenswert.“ Die mediale Darstellung verfälscht das Afrikabild. Es erschreckt Widlok manchmal, wenn sie sieht, wie wenig die Deutschen teilweise über den Kontinent wissen. „Manche halten Afrika für ein Land, und nicht für einen Kontinent mit über fünfzig Ländern.“ Ihr geht es aber nicht darum, Stereotypen ein anderes Bild entgegenzusetzen: „Ich will den Blick öffnen für Sachen, die auch existieren. Ich will eine neue Möglichkeit oder ein neues Denken eröffnen.“

 

Widlok scheut dabei keine Klischees. Wer bei „Adopted“ einen politisch korrekten Film erwartet, wird spätestens bei Giselas Motivation enttäuscht. Bei einem Telefonat fallen Warnungen vor „Stämmen“, Gisela spricht von „Naturvölkern“, und die männliche Stimme am anderen Ende der Leitung stellt klar: „Man kann auch im größten Schweinestall Menschen finden, die einem das Leben erträglich machen.“ Gisela lässt sich nicht beirren. Sie sagt: „Ich möcht’ zu armen Menschen gehen, die aber strahlen können.“

 

Die ehrlichen Stimmen sind ein wichtiger Teil von Gudrun Widloks künstlerischer Arbeit: „Die Klischees kommen ja von irgendwo her. Ich finde es gar nicht schlimm, sie aufzugreifen, darüber zu reden oder Witze zu machen und sich gegenseitig damit aufzuziehen. Das war mir auch wichtig im Film. Ich spiele mit Klischees, um anzusprechen. Schweigen bewirkt keine Veränderungen.“