Wählen wie Mama und Papa

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Sonntag, 15. September, 18.10 Uhr:
Die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl liegen vor. Sieht fast so aus, als hätte König Horst die Bayern überzeugt und könne nun als Alleinherrscher ganz ohne Koalitionspartner regieren. Neuer Rekord für die CSU, nicht überraschend eigentlich im schwarzen Bundesland Bayern. Aber mal abwarten, wie das Endergebnis genau aussieht, und vor allem, wie die Erstwähler sich dieses Mal so entschieden haben.  

Schon einmal die Horst-Seehofer-Pose üben, bevor Lisa zur Straßenumfrage loszieht.

Montag, 16. September, 11.03 Uhr:
Bei der Redaktionskonferenz sind die Wahlergebnisse Gesprächsthema Nummer eins. Vor allem die Tatsache, dass so viele Erstwähler sich für die CSU entschieden haben, bereitet uns etwas Kopfzerbrechen. Denn irgendwie kennt niemand in der jetzt.de-Redaktion junge Leute, die sich offen zur CSU bekennen. Wer also sind die 41 Prozent der Jungen, die bei ihrer ersten Landtagswahl schwarz gewählt haben? Wo kommen die her? Wo finden wir sie? Das wollen wir herausfinden. Dürfte doch eigentlich nicht so schwer sein, bei der Menge. Für den Fall, dass einige der jungen Wähler ihr Gesicht nicht online wiederfinden wollen, basteln wir sogar noch eine Seehofer-Maske. Hinter der können sie sich dann notfalls verstecken.

12.15 Uhr:


Unser erstes Ziel ist die FOS in der Lindwurmstraße 90. Der Schüler Max Schneider, 18, ist der erste, der auf unsere Frage hin zu nicken beginnt. Ja, er habe CSU gewählt und und das aus gutem Grund: „Ich war von den anderen Parteien nicht so überzeugt und meine Eltern sind auch schon immer eher für die CSU gewesen. Außerdem erwarte ich mir von Seehofer mehr als zum Beispiel von einer Claudia Roth. Die CSU steht für wirtschaftliche Stärke – unter ihrer Leitung ging es im Gegensatz zur SPD-Zeit aufwärts. Und auch wenn es um Schulbildung und Renten geht, vertraue ich auf die CSU.“ Bei der Bundestagswahl am 22. September würde er die Union vermutlich aber eher nicht wählen. Fürs Foto posiert er trotzdem gern in Seehofer-Manier.  

13.05 Uhr:


Draußen wird es bereits während der Unterhaltung mit Max immer ungemütlicher, es fängt an zu regnen. Zeit, die Suche nach drinnen zu verlegen. Zwischen vielen Nichtwählern und 16-Jährigen findet sich doch noch einer, der mit uns über die Motive für seine Wahl reden möchte. Maximilian Wald, 19, begründet „seine“ Entscheidung so: „Ich habe die CSU gewählt, weil mich meine Eltern sozusagen gezwungen haben.“ Auf die Frage, ob er sich auch mit den Inhalten der ihm aufgezwungenen Partei beschäftigt hätte, grinst er nur und sagt: „Ne, damit hab ich mich noch nicht befasst.“  

13.30 Uhr:
Wir sind inzwischen vor der Berufsoberschule in der Prankhstraße 2, nahe der Hackerbrücke. Wer gestern als Erstwähler bei der CSU sein Kreuzchen gemacht hat, will ich wissen. Freundlich bleiben sie alle, aber auch etwas reserviert. Vor allem die Mädels verweisen aufs Wahlgeheimnis und die Jungs, na ja, die haben entweder gar nicht oder eine andere Partei gewählt oder wollen sich nicht vor laufendem Aufnahmegerät äußern, geschweige denn ein Foto machen lassen. Nicht einmal mit Seehofer-Maske. Umsonst war der Ausflug trotzdem nicht. Auf die Frage, warum er die CSU gewählt habe, wollte ein blonder BOS-Schüler zwar nicht antworten, auf dem Weg Richtung Klassenzimmer konnte er sich ein kurzes Statement dennoch nicht verkneifen und verkündete grinsend: „Ich sag nur so viel. Bayern bleibt schwarz und das ist auch gut so.“

14.15 Uhr:  
Vielleicht warten die Antworten beim Passantenfang in der Kaufingerstraße. Neben Touristen („Sorry, I don´t speak German“) und unmotivierten Jungwählern, die nichts von der Wahl mitbekommen haben, laufen mir noch ein paar CSU-Sympathisanten über den Weg. Größtenteils weiblich, gerade fleißig am Shoppen, meistens sehr schick gekleidet und doch gleichzeitig ein bisschen das süße Mädchen von nebenan. Über ihre Beweggründe, wenn es sie denn gab, sagen sie nichts. Sich öffentlich dazu bekennen, will auch keine.

15.00 Uhr:
Beim Warten auf die S-Bahn begegnen wir noch einem Mädchen, das sich nach kurzem Nachbohren als CSU-Wählerin outet. Im Anschluss an ihr Bekenntnis betont sie lächelnd, es habe sich nur um eine Art Verlegenheitswahl gehandelt: „Seehofer war einfach das kleinere Übel“  

15.35 Uhr:
Etwa drei Stunden und 100 Passanten später haben wir noch immer keine Antwort auf die Ausgangsfrage gefunden, eher noch mehr Fragen: Wie kann es sein, dass die CSU Rekordwerte einfährt, aber keiner will sie gewählt haben? Warum stehen die meisten nicht zu ihrer Wahl? Vielleicht, weil die Beweggründe, "Meine Eltern wählen auch die CSU" und "das kleinere Übel" eigentlich keine Gründe sind, die man im Hinterkopf haben sollte, wenn man in der Wahlkabine sein Kreuzchen macht.


Text: lisa-freudlsperger - Fotos: lisa-freudlsperger

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