War da irgendwas? Ein Jahr Rauchverbot in Deutschland

Vor einem Jahr wurde in Deutschland das Rauchverbot eingeführt. Die Aufregung damals war gro&sz
christina-waechter

Wo ist jetzt das Problem? Ich rauche die Hälfte meines Lebens. Tagsüber wenig (in letzter Zeit auch manchmal gar nicht), abends mehr, mit Alkohol ziemlich viel. Eigentlich rauche ich abends beim Trinken eine nach der anderen. Alkohol und Zigaretten passen noch besser zusammen als Kaffee und Zigaretten, weil: Zum Espresso kann man eine Zigarette rauchen, die zweite schmeckt dann irgendwie nach Aschenbecher. Beim Bier aber kann man zwei, drei, manchmal sogar vier Zigaretten rauchen. Die dritte Zigarette schmeckt dann zwar immer noch nicht nach Prärie und Cowboyhut, dafür aber nach Ich-mach-was-ich-will und Steckt-mein-Körper-locker-weg. Tut er natürlich nicht, der Körper. Aber das sagt er immer erst am nächsten Tag, nie währenddessen. Vor einem Jahr habe ich mir ziemlich Gedanken über das Rauchverbot gemacht. Ich fragte mich: Was ist mit der Gemütlichkeit? Werde ich überhaupt noch in Bars gehen? Muss ich jetzt ins innere Exil? Kommt als nächstes das Alkoholverbot? Sind wir auf dem Weg in den Faschismus? Auch wenn ich gar nicht wollte, musste ich über das Rauchverbot reden. Weil alle darüber sprachen und man ständig die Frage: „Was hältst jetzt du vom Rauchverbot?“ beantworten musste. Eigentlich wurde wesentlich mehr geredet als geraucht. Und dann saß ich vor meinem Bier in einer rauchfreien Bar. Ich trank, redete, trank, hörte zu und trank wieder. Dann bestellte ich das zweite Bier, trank und redete und hörte zu. Nach dem dritten ging ich eine rauchen und nach dem vierten nach Hause. Was war passiert? Nichts. Alles war wie immer. Nur am nächsten Morgen fühlte sich alles anders an. Besser. philipp-mattheis


Im inneren Exil Irgendwas war im Frühsommer 2008 anders. Und zwar da, wo sonst immer alles gleich ist, nämlich in meinem Zimmer. Der Baum vor dem Fenster hatte lindgrüne Blätter, aber über meinem Schreintisch roch es nach Rauch. Nicht nur ein bisschen aus dem Treppenhaus, sondern so richtig stammtischmäßig. Auf dem Balkon war es noch schlimmer. Am ersten Abend, an dem man draußen sitzen konnte saß ich nach einer halben Stunde wieder drinnen. Das Rauchergrüppchen vor dem kleinen Italiener unten schräg links hatte mich mit geballter Emission vertrieben. Nie hatte dieses Restaurant irgendwie gestört – jetzt trieben jeden Abend die Rauchschwaden der Verbannten direkt bis unter meine Decke. Ich konnte nur bei günstigen Windverhältnissen draußen sitzen. Als Folge saß ich immer öfter in der Lieblingskneipe zwei Straßen weiter, wo auch ein netter kleiner Koch nette Kleinigkeiten kocht. Ich speiste, während die anderen draußen andere Balkone einnebelten. Das war immerhin gerecht. Eines Tages aber wedelte die Kellnerin mit Rauchclub-Ausweisen. Ich zahlte zwei Euro dafür, dass ich jetzt dort beim Essen wieder eingeraucht werden darf. max-scharnigg
Rausch ohne Rauch Es war im Sommer und alles war gut. Wir saßen am Fluss und tranken Bier aus Flaschen. Es wurde geredet, gegrübelt und gelacht - und ich glaube es wurde auch geraucht. Das war aber nicht wichtig, es war - wie gesagt - alles gut. Es wurde zu einem Problem, als wir wenig später an einem Ort Bier aus Flaschen trinken wollten, an dem diese über einen Tresen gereicht werden. Vor den Tresen durfte nämlich nur treten, wer vorher Mitglied in einem Raucherclub wurde. Dafür händigte man uns Zettelchen aus, wir unterschrieben auf einer Liste und traten in einen Raum aus Rauch und Menschen. Es war ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Denn an diesem Sommerabend im Jahr 2008 bemerkte ich - frisches Mitglied eines Raucherclubs - wie wunderbar dieses bayerische Rauchverbot ist. Ich stellte fest, wie viel besser das Bier schmeckt, wie viel schöner sich ein Rausch anfühlen kann, wenn er ohne Rauch zustande kommt und wie weit die Zeit entfernt ist, in dem jede Kneipe ein Raucherclub war. Sehr weit weg! dirk-vongehlen
Da hat sich doch nichts geändert Im Oktober saß ich in einer Kneipe in München und wunderte mich, als um Punkt 21 Uhr die Kellnerin am Tisch vorbei kam und einen Aschenbecher abstellte. Als folgten sie dem Läuten eines Weckers, zündete sich brav die Hälfte aller Kneipengäste eine Zigarette an und innerhalb weniger Minuten war alles wie früher. Neblig. Aha, dachte ich: Rauchverbot also. In meiner Wahrnehmung existiert das Rauchverbot zumindest in Bayern nicht wirklich. Die Szene mit dem Aschenbecher, der wie ein Angebot auf den Tisch gestellt wird ist nur Teil einer Reihe von Szenen, die mir im Lauf des vergangenen Jahres klar gemacht haben, dass das Verbot in Bayern eines der am nachlässigsten umgesetzten Gesetze sein muss. Das fing ja schon damit an, dass Günther Beckstein (die Jüngeren erinnern sich, war mal Ministerpräsident in Bayern) zwecks Wählerbeglückung die Idee durchsetzte, das Oktoberfest Raucherzone bleiben zu lassen. Und ging weiter damit, dass bald jede zweite Wirtschaft als Raucherclub firmierte, in dem man fröhlich wie bisher seinem Genuss nachgehen kann. Sicher, die Ecken zum netten Schmauchen sind weniger geworden, aber ich habe im ganzen Jahr nur wenige Hardcore-Dampfer getroffen, denen das Verbot richtig auf den Senkel geht. Die Menschen, glaube ich, wären auch mit einer strengen Auslegung des Gesetzes zurecht gekommen. Mit den möglichen Abschwächungen (Raucherclubs, in Festzelten erlaubt, ab 21 Uhr Rauchen erlaubt) tun sie sich nun noch leichter. Das bisschen Freiheitsverlust und das Frieren vor Restaurants geht, denke ich, für die meisten in Ordnung. Denn Verbot hin oder her: Dass beim Essen nicht geraucht wird, ist in meinen Augen eine Anstandsfrage, die sich so oder so nicht gehört. peter-wagner
Früher ist mir nie wirklich aufgefallen wer in meinem Bekanntenkreis eigentlich raucht und wer nicht. Im letzten Jahr allerdings hat sich das drastisch gerändert. Plötzlich konnte ganz eindeutig unterschieden werden zwischen denen, die sich alle halbe Stunde wissend zunickten und vor die Tür verschwanden und den Anderen, die achselzuckend, mitleidig lächelnd, zurück blieben. Ungeachtet der sonstigen sozialen Vernetzung, kam es durch die gesetzlich angeordnete, örtliche Trennung von Rauchern und Nichtrauchern zu ganz ungewohnten Konstellationen. So fand ich mich regelmäßig mit unbekannten Nikotinfreunden auf windigen Gehsteigen und in stickigen Raucherzelten wieder. Frierend oder schwitzend aneinandergedrängt, umhüllt von der soeben gemeinsam produzierten Rauchwolke. Gemütlich oder angenehm sind die für Raucher ausgewiesenen “Zonen“ in den seltensten Fällen, doch so offensichtlich ausgeschlossen vom gesunden Rest der Gesellschaft, stellt sich fast zwangsweise ein Gefühl der Verbundenheit ein. Für die Dauer einer verglühenden Zigarette entstehen zwischen Menschen Gespräche, die es ohne das gemeinsame Laster wohl nie gegeben hätte. Verschwörerisch kehrt man dann zurück ins Warme, wo einen die Rauchverweigerer schon ungeduldig erwarten und fast ist man heimlich froh, dass es das gibt, dieses Rauchverbot. nathalie-berner
Das ist kein Lebensgefühl, das ist eine Sucht Ich rauche. Seit genau einem Jahr weiß ich, dass das keine lässliche Sünde, kleines Laster, etwas ungeile Angewohnheit, meine Privatsache oder sonst etwas ist, sondern: eine Sucht. Klar war mir das schon vorher bewusst. Aber ich konnte es sehr viel besser verdrängen, wenn ich dabei in einer Kneipe saß, den Aschenbecher in angenehmer Reichweite aufgestellt in einem Raum mit Dutzenden anderen Rauchern. Seit dem Rauchverbot muss ich zum Rauchen raus gehen. Und wenn ich dann also aufstehe, mir eine Jacke anziehe und vor die Türe gehe, ist da kein bisschen Lässigkeit oder Coolness dabei, sondern das Eingeständnis einer Sucht, die ich jetzt befriedigen muss, damit es nicht zu Entzugserscheinungen kommt. Unglamouröser geht’s nicht. Gemeinsam mit den anderen Rauchern stehe ich also vor der Türe, zünde mir zitternd eine Zigarette an, luge in die warme Bar hinein und bewundere all die starken Menschen, die da im Warmen sitzen und es gut haben. Weil sie nicht rauchen. Schön blöd, dass ich mal damit angefangen habe. Ich will mich aber nicht beschweren. Ich kann ja aufhören.

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