Warmes Bier für ältere Herren: Die Kellnerkolumne (6) im Vereinsheim

In der letzten Folge der Kellnerkolumne erzählt jetzt.de-Userin hummely, 29, wie es ist, Kundschaft über 60 zu bedienen. Sie arbeitet in einem Vereinsheim
jan-stremmel

1. Was macht einen angenehmen Gast aus? Er konsumiert gern und viel, ist nett, weiß das er sich in einer Ausflugsgaststätte befindet, macht auch mal Spaß mit und gibt Trinkgeld. 2. Rauchverbot – was denkst du darüber? In unserer Kneipe wäre ein striktes Rauchverbot schlichter Blödsinn. Die alten Herren sind derart an ihren Stammtisch mit Bier und Zigarette/Zigarre gewöhnt, da würde uns glatt die Hälfte der Kundschaft und des Umsatzes wegbrechen. Nichtraucherecken organisieren sich unsere Gäste eigentlich selbst, für Feiern steht ein separater Raum zur Verfügung, der auch vom normalen "Mulm" des Gastraumes nicht betroffen ist. 3. Wirst du oft angemacht? Ja, das kommt schon vor. Aber da unsere Kundschaft im Schnitt 60 Jahre und älter ist, find ich das eher niedlich und unterhaltsam, als dass es mich stören würde. Einer meiner liebsten Stammgäste nennt mich immer "seine Praline".

Sabine alias hummely mit warmem Bier. Foto: privat 4. Gibt es Konsum-Trends oder neue Tendenzen im Ausschank, die du beobachtest? Unsere Gäste setzen lieber auf Altbewährtes. Sie lieben es besonders, wenn sie reinkommen und ihr bevorzugtes Getränk an ihrem angestammten Platz bereits auf sie wartet. Meist ist das ein Bier, gern auch eine regionale Spezialität. Zum Beispiel ein Kellertrübes der ortsansässigen Brauerei. Und natürlich ein Kaffee für die Ehefrau. Wichtig und gern gesehen ist auch, wenn man weiß, wer sein Bier gern angewärmt trinkt. Das ist unter älteren Herren weit verbreitet. 5. Die höchste Zeche, die du je kassiert hast? Das war neulich bei einer feucht-fröhlichen Familienfeier. Die Rechnung belief sich auf 996,- Euro. 6. Der Satz, den du nicht mehr hören kannst? Der alte Schenkelklopfer: "Bringen Sie mal bitte Geld, ich will zahlen." 7. Schon mal Prominente bedient? Wie war's? Einmal war bei einer Familienfeier ein Lokalpolitiker aus Sachsen anwesend, dessen Name mir allerdings schon wieder entfallen ist. 8. Was lernt man beim Kellnern? Ruhe bewahren, Lächeln in jeder Lebenslage, fünf Gläser in der einen und drei Teller in der anderen Hand zu balancieren. 9. Dein typischer Gast? Mein typischer Stammgast ist männlich, zirka 65 Jahre alt, trinkt am Abend fünf 0,4l Bier, isst eine Gulaschsuppe und diskutiert mit seinen Stammtisch-Kumpels über Sport, Politik und den neuesten Klatsch aus unserer Gegend. Mein typischer Gast am Tage ist ein Spaziergänger oder Radfahrer, der für ein Radler einen Zwischenstopp einlegt - unsere Kneipe liegt mitten im Wald. 10. Wie viel Trinkgeld gibst du selbst? Ich bemühe mich, die goldene Regel von 10 Prozent einzuhalten, weil ich ja weiß, wie wichtig und gern gesehen das Trinkgeld ist. Ich bin allerdings auch kritisch: Wenn mir eine Bedienung mal überhaupt nicht zusagt, gibt's auch weniger. 11. Was machst du, wenn du dich über einen Gast ärgerst? Ich verzieh mich für zwei Minuten knurrend in die Küche, dann geht's wieder. Das ist aber nur sehr selten nötig, meist lachen meine Kollegen und ich gemeinsam über denjenigen und malen uns aus, was wir gern mit ihm machen würden. 12. Wie sieht deine Arbeitskleidung aus? Jeans, schwarze Bluse, schwarze Kellnerschürze und vor allem: bequeme Schuhe. 13. Was verdienst du in der Stunde? Zu wenig. Hier in der Gegend bekommt man zirka fünf Euro die Stunde. 14. Der beste Wochentag zum Arbeiten? Warum? Freitag und Samstag, da finden die meisten Feiern statt. Das sind bei uns meistens Klassentreffen, Abschlussfeiern, Hochzeiten oder Trauergesellschaften. 15. Wie sieht dein Wunsch-Restaurant / -Kneipe aus? Ich mag amerikanische Diner, bunt, leuchtend und immer sauber. Da würde ich auch ohne Scheu im Petticoat bedienen. 16. Hast du dich schon mal in einen Gast verliebt? Nein, dafür sind die alten Herren alle viel zu niedlich. 17. Dein größtes Missgeschick? Zum Glück ging meine bisherige Arbeit mit wenig Pannen einher. Einmal ist mir eine Sektflasche explodiert und hat ein paar Gläser zerstört - Aber nichts, was meinem Chef nicht auch schon passiert ist. 18. Bekommst du genug Trinkgeld? Die meisten Gäste würdigen mich mit Trinkgeld. Klar, es könnte immer mehr sein, aber im großen und ganzen ist es schon okay. 19. Wer ist dein Stammgast? Wie gut kennst du ihn? Ich kenne ungefähr 80 Prozent unserer Stammgäste mit Namen und Getränk. Das sind etwa 50 Leute. Die Abendkundschaft besteht bei uns fast nur aus Stammgästen. Das liegt auch daran, dass sich abends kaum noch einer zufällig am Stadtrand in den Wald verirrt. 20. Hast Du schon mal von einer Bestellung abgeraten? Nein, eigentlich nicht. Es kommt vor, dass ich bei kleinen Kindern oder schmalen älteren Damen zur halben Portion rate, sonst war ein Abraten bisher aber nicht nötig. 21. Wie rufe ich einen Kellner, ohne dass es unhöflich wirkt? Ich hab es am liebsten, wenn man mich beim Namen ruft. Das ist bei den meisten Stammgästen auch kein Problem. +++ Folge 1 der Kellnerkolumne: Laura bedient im Studentencafé Folge 2 der Kellnerkolumne: Patrick schenkt im Atomic Café ein Folge 3 der Kellnerkolumne: Maria serviert im Edelrestaurant Folge 4 der Kellnerkolumne: Anette bedient im Löwenbräukeller Folge 5 der Kellnerkolumne: Anja arbeitet in der Nachtgalerie

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