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Eigentlich ist ein Studium doch so gedacht: Man wählt ein Fach, das einen interessiert, und hat von da an drei bis sechs Jahre Zeit, sich so viel man möchte damit zu beschäftigen. Sich hineinzuwühlen, daran abzuarbeiten und eine ganze Menge darüber zu lernen. Und das alles in einem Rahmen, der geschützt ist und dennoch maximale Freiheit bietet. Man ist raus aus der von Autoritäten bestimmten Schule, muss sich aber auch noch nicht im Arbeitsleben behaupten, dem Chef gehorchen oder netzwerken. Die einzigen Verpflichtungen, die man hat, hat man sich selbst gegenüber, und sie belaufen sich auf irgendwann einen Studienabschluss und vorher eine Menge Spaß haben.  

In der Realität ist das oft etwas anders und man selbst weniger frei. Man ist keine Insel, sondern eine Tochter oder ein Sohn und hat Eltern, die sich wünschen, dass man eine gute Ausbildung genießt. Die vielleicht die Wahl des Faches beeinflussen. Die einen mit Geld unterstützen und die man weder ideell noch finanziell enttäuschen will. Man ist außerdem ein Student, der vor Dozenten bestehen muss, von denen einige mehr sind als bloße Mittelsmänner auf dem Weg zum Abschlusszeugnis. Auch das Studiensystem nimmt einem seit der Bolognareform mehr in die Pflicht als früher. Je nach Fach gerät das Studium dadurch zu einem bloßen Abhaken einzelner Module und dem Eintragen von Leistungspunkten auf einem Zettel, bis sie zusammengerechnet die Summe ergeben, die die Studienordnung vorgibt. Dabei muss man gleichzeitig auch noch den Arbeitsmarkt im Blick haben, denn dahin strebt man ja und dort muss man später mal beeindrucken – am besten mit guten Noten und einer Menge praktischer Erfahrung. Um das Studium zu finanzieren wird man zudem oft zu einem Nutznießer verschiedener Geldgeber. Der Staat zahlt BAföG und erwartet dafür, dass man kein Langzeitstudent wird. Stiftungen vergeben Stipendien, für die man teils regelmäßig Bericht über das Studium abgeben oder sogar seine Leistungen offenlegen muss. An der Universität Hildesheim wurde im vergangenen Jahr mit einer besonderen Form der finanziellen Förderung  begonnen, die eine Art Zuspitzung der anderen ist: Das Deutschlandstipendium, das bisher immer von Unternehmen gestiftet wurde, wird zunehmend auch von Privatpersonen getragen. Dadurch bekommen Studenten monatlich 150 Euro vom Staat und 150 Euro von einem ihnen bis dahin unbekannten Menschen, der gerne einen jungen Akademiker unterstützen möchte und ihnen zugeteilt wurde. Es ist erwünscht, dass Mentor und Mentee sich kennenlernen und regelmäßig treffen. Und apropos regelmäßig treffen: Ein Student hat ja auch soziale Verpflichtungen, vielleicht auch ein bestimmtes Bild vom „Studentenleben“, dem er genügen möchte, vielleicht Kommilitonen, vor denen er nicht mit einer „Lass mal, ich muss noch lernen“-Einstellung einknicken will.  



So öffnen sich nach vielen Seiten Verpflichtungskanäle und man ist längst nicht so unabhängig, wie man sich das vorgestellt hat. Aber wie viel Druck von außen braucht ein Studium? Wie viel Aufsicht und fremder Einfluss, der sich daraus ergibt, ist gut? Und führt das nicht dazu, dass man seine Motivation weniger aus sich selbst, sondern mehr aus einem fast katholischen Pflichtgefühl gewinnt? Dass man ein Student wird, wie andere ihn sich wünschen? Aus der Furcht davor, diese anderen zu enttäuschen?  

Natürlich kann der sorgenvolle Blick der Mutter oder die interessierte Nachfrage des Mentors ein Ansporn sein. Arbeiten ohne Druck ist nicht immer leicht und das Gefühl, sich beweisen zu müssen, und die Vorfreude auf den Stolz in der Brust, wenn man es geschafft hat, ist oft eine gute Triebfeder. Aber vielleicht verkommt sie durch zu viele Erwartungen von außen zu einer Triebfeder, um fremde Ziele zu erreichen. Je mehr verschiedene Seiten verschiedene Erwartungen an einen stellen, desto eher läuft man Gefahr, dass all der eigene Ansporn darunter begraben wird. Papa will gute Noten sehen, der Staat will ein Studium in der Regelzeit sehen, die nette Mentorin möchte Geschichten aus dem heutigen Studentenleben hören – und bestimmt auch einen fleißigen Mentee neben sich wissen, obwohl sie das nicht sagt. Unter Umständen wählt man also ein Fach oder ein Seminar, von dem man weiß, dass man es am einfachsten wird meistern können, und nicht den Studiengang und die Veranstaltung, die einen wirklich interessieren. Um die richtigen Noten abzustauben und um nebenher auch noch das vielbeschworene Leben eines Studenten zu führen.  

Sicher gibt es Menschen, die sagen, dass es doch egal ist, mit welcher Motivation man seine Ausbildung bewältigt – Hauptsache am Ende kommt etwas Gutes dabei heraus. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass es immer mehr werden, die etwas lernen, das andere von ihnen erwarten. Weil die Verpflichtungskanäle mehr werden. Weil man mehr Möglichkeiten hat, zu viele vielleicht, und am Ende die wählt, mit der man alle glücklich macht, und sie so zu Ende bringt, dass alle glücklich bleiben. Die fünfzig Prozent Glück, die einem fehlen, um das eigene Studium wirklich zu lieben, bezieht man dann einfach aus dem Glück der Eltern, Mentoren, Stiftungen und Kommilitonen, die sich mit den Leistungen brüsten, die man erbringt, oder einen mit Gegenliebe entlohnen. Die wie Helikopter über einem schwirren, immer bereit, einen Brand zu löschen, aber auch, einem kräftig den Marsch zu blasen. Man muss verdammt standfest sein, um sich davon nicht umhauen zu lassen und um sich die eigene Motivation zu erhalten. Denn es gilt ja immer noch: Nur in dem, was man wirklich liebt, ist man auch wirklich gut. Zu viel Pflichtgefühl hat nämlich noch keinen glücklich und erfolgreich gemacht.                   


Text: nadja-schlueter - Foto: cydonna / photocase.com

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