Was ist dein Bild der Wiedervereinigung?

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Stell dir vor, der Mauerfall würde sich heute ereignen. Wie sähe das wohl aus? Also: Wie würden wir die Umstürze festhalten? Und hätten die Bilder andere Inhalte oder einen anderen Zugang als damals? Gäbe es immer noch einzelne Bilder, die exemplarisch für die Ereignisse stehen, oder hätten wir stattdessen viele Millionen Fotos, die in Summe nur sortiert in Hashtags ihre Wirkung entfalten?

Eine fiktive Frage, klar. Aber eine, die sich zumindest weiterdenken lässt: Wie dokumentieren wir heute, was uns wichtig ist – privat und gesellschaftlich? Und wie hat das Internet das verändert, was man kollektives Gedächtnis nennt? Oder wieder konkret: Wie tauchen Teilung und Wiedervereinigung dort auf?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Das hat uns interessiert. Deshalb wollen wir zusammen mit Flickr ein Online-Fotoalbum füllen. Es soll an dieses hier anknüpfen (1961 bis 1989) und zeigen, wie 25 Jahre Einheit dokumentiert wurden. Dafür brauchen wir euch: Ladet Bilder aus eurem Fundus und solche, die ihr ganz aktuell gemacht habt, hoch. Wir wollen alles sehen, was ihr mit der Wiedervereinigung verbindet: Mauerreste, Street-Art, Aufkleber, Lampen, Tapeten, Menschen, Tiere. You name it. Je subjektiver, desto besser.

Lohnen kann sich das auch noch. Unter allen hochgeladenen Bildern wird zweimal je eine Kamera verlost. Die Aktion läuft 25 Tage. Zum Mitmachen einfach hier zum Fotoalbum, mit einem Flickr-Account anmelden und Bilder hochladen. Die Gewinner werden über ihre Accounts kontaktiert.

Vorher haben wir mit der Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Christine Lohmeier darüber gesprochen, wie wir uns im Internet an historische Ereignisse erinnern. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München und Vertretungsprofessorin an der Universität Bremen und sie wird am Ende der Aktion die hochgeladenen Bilder analysieren.

jetzt.de: Frau Lohmeier, die Mauer-Bilder bis zur Wiedervereinigung stammen aus einer Zeit, in der Fotografie noch etwas Exklusives war. Heute hat quasi jeder in Handy oder Smartphone eine Kamera. Was bedeutet das für die Aufnahmen von damals und heute?
Dr. Christine Lohmeier: Zunächst mal ganz banal, dass es weniger gab. Daraus folgte aber auch, dass es für besonders gute, aussagekräftige Fotos leichter war, über die Aufmerksamkeitsschwelle zu kommen. Einzelne Bilder wurden damit wohl eher ikonisch, also prägend für eine Zeit oder ein bestimmtes Ereignis.

Hat sich die Art, Ereignisse festzuhalten, verändert?
Die Materialkosten waren früher sehr hoch. Möglicherweise waren die Bilder deshalb fokussierter. Man musste sich schließlich genauer überlegen, was man fotografiert und wie. Heute können wir mehr knipsen. Entscheidender bei alldem erscheint mir allerdings, dass wir heute dafür genauer wissen, was mit unseren Bildern passieren soll.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


Dr. Christine Lohmeier

Weil wir fotografieren, um es direkt mit anderen zu teilen?
Genau. Wir halten Dinge und Ereignisse fest, um sie auf Facebook, Instagram oder Flickr zu stellen. Das kann eine rein persönliche Komponente haben: Wenn man sich Bilder bis 1989 ansieht, fällt auf, dass der Fotograf kaum eine Rolle in seinem Motiv gespielt hat. Die technischen Entwicklungen haben es leichter gemacht, dass er heute selbst in irgendeiner Form auftaucht. Nicht nur in Selfies. Es kann aber auch eine politisch-gesellschaftliche Dimension entwickeln. Wir haben das bei den Revolutionen im arabischen Raum gesehen. Es ist natürlich nur ein Gedankenspiel, was passiert wäre, hätten die Menschen damals die Möglichkeiten von heute. Aber vermutlich hätten Bilder eine noch größere Rolle bei den Umstürzen gespielt.

Sind bei den Bildern im neuen Album also mehr subjektive Aufnahmen zu erwarten?
Da kann man nur spekulieren. Ich vermute schon, dass mehr Bilder ein persönliches Element haben. Es wird aber sehr spannend, zu sehen, wie sich historische Ereignisse mit persönlichen Biographien verknüpfen. Subjektive und kollektive Erinnerungen sind in der Regel enger verwoben als wir denken.

Was heißt es denn eigentlich genau, wenn wir sagen, ein Ereignis sei „im kollektiven Gedächtnis“?
Das kollektive Gedächtnis ist wie ein Bewusstsein für eine gemeinsame Vergangenheit. Es kommt zum Beispiel an Gedenk- und Feiertagen zum Ausdruck. Auch Archive, Museen und Monumente sind Teil und zugleich Ausdruck des kollektiven Gedächtnisses. Es ist damit ein entscheidender Aspekt der gesellschaftlichen Identität und des Selbstverständnis’ – und keinesfalls nur in Bezug auf historische Rückblicke relevant.

Sondern?
Das kollektive Gedächtnis beeinflusst auch Visionen, die für die Zukunft entwickelt werden. Wir entscheiden damit, was für machbar, sinnvoll und ethisch vertretbar gehalten wird und was nicht.

Verändert das Internet die Art, wie wir uns erinnern? Funktioniert es als kollektives Gedächtnis?
Für sich genommen: nein. Das Internet funktioniert nicht als kollektives Gedächtnis.

Wieso?
Das Internet ist zunächst eher eine Art von Archiv. Es speichert nur Daten und Transaktionen. Und auch darin ist es nicht besonders verlässlich, weil Firmen die Macht über die Daten haben. Sie entscheiden, was damit gemacht wird. Und damit natürlich auch, was gelöscht wird. Damit aus diesen Daten aber überhaupt kollektive Erinnerung werden kann, braucht es die Interaktionen der Menschen – das Posten, Teilen, Hochladen, Vernetzen. Erst daraus entsteht Erinnerungsarbeit – individuell wie kollektiv. Das Internet hat dafür allerdings mehr Möglichkeiten geschaffen. Ich kann jetzt mit einer Person, die auf einem anderen Kontinent lebt, zum Beispiel ein gemeinsames Fotoalbum erstellen. Die Erinnerungskultur ist grenzüberschreitender geworden und erlaubt einzelnen Usern, aktiv dazu beizutragen.

Wir haben also heute mehr Möglichkeiten, zum Erinnern beizutragen?
Ja. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Internet automatisch eine demokratische Teilhabe an der Erinnerungskultur fördert. Nicht alle haben die gleichen Chancen und die technischen und ökonomischen Vorrausetzungen, um beizutragen. Ältere Menschen sind immer noch weniger im Netz – obwohl gerade die aus der Vergangenheit logischerweise viel zu erzählen hätten. Auch soziale Ungleichheit beschränkt die Teilhabe.

Es ergibt sich also ein Zerrbild?
Zum Erinnern gehört auch das Vergessen. Im Internet wird darüber verhandelt, was erinnert und was vergessen wird. User sind nicht gleich Bevölkerung! Entsprechend erinnert sich das Netz zum Teil an andere Themen als die Offline-Welt.

Wir wirken Bilder auf unsere Erinnerung?
Die meisten Menschen nehmen einen Großteil der nötigen Informationen visuell auf. Fotos und Filmaufnahmen sprechen uns unter anderem deswegen sehr an, weil wir viel über eine historische oder aktuelle Situation durch aussagekräftiges Bildmaterial erfahren können. Manche Fotografien oder Filmaufnahmen werden zu Ikonen eines bestimmten Ereignisses oder einer Epoche – man denke etwa an den Mitschnitt, der den Moment zeigt, als am 11. September 2001 ein Flugzeug in den zweiten Twin Tower fliegt. Oder eben an Aufnahmen der Maueröffnung. Sehr eindrückliche Bilder historischer Ereignisse erinnern uns nicht nur an das Geschehnis selbst, sondern sind verwoben mit der eigenen Biographie. So erinnern sich die meisten Menschen sehr genau, wo und in welcher Situation sie gerade waren, als sie von den Anschlägen auf die Twin Towers oder von der Maueröffnung erfahren haben. Bilder sind Erinnerungsobjekte. Sie können sowohl kollektive als auch individuelle Erinnerungen auslösen und die eigene Biographie mit historischen Ereignissen in Verbindung setzen.

Text: jakob-biazza - Illustration: daniela-rudolf, Foto: oh

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