Was macht Amy Winehouse? Bericht vom fatalen Versuch eines Comebacks

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Seit Amy Winehouse vor einem halben Jahr auf die Karibikinsel Saint Lucia gezogen ist, fühle sie sich „verzaubert“ – erklärte die 25-jährige Britin neulich. Sex, Drugs & Rock'n' Roll sollten dort am türkisfarbenen Meer und im Strand-Resort in der Cotton Bay für sie tabu und so weit weg sein, dass die Insel zu ihrer persönlichen „Rehab“, zur Entzugsklinik, werde. Deswegen wurde ihr Bühnen-Comeback nach fast einem Jahr Live-Abstinenz beim diesjährigen St. Lucia-Jazzfestival von großen Erwartungen begleitet. Hier die Eindrücke:

Die Menge tobt, als Amy am vergangenen Freitag um 23 Uhr auf weißen, zehn Zentimeter hohen Stöckelschuhen die Bühne betritt. Doch schon ihre unsicheren Schritte, die den Behive (Bienestock)-Dutt gefährlich zum Wackeln bringen, kündigen kein einfaches Konzert an. In der Tat wird der einstündige Auftritt auch zu etwas ganz Besonderem: Amy gibt intimste Einblicke, sie trägt einen weiß-schwarzen Kinder-Baumwolleslip, der ständig während ihres Auftritts unter dem extrem kurzen Minikleid hervorblitzt. Das Publikum wird einmal mehr live Zeuge vom Zerfall einer talentierten Frau: Zu dünn, zu sehr auf Droge, die Gesichtszüge entgleiten ihr zu gruseligen Grimassen - sie trifft nicht einen Ton. Dann: Das Bühnen-Licht fällt aus, es regnet in Strömen. Und was tut Amy? Sie lutscht wie ein Baby am Daumen. Später stimmt sie eine Jazz-Nummer an – und das Stück im Dunkeln wird ihr bestes Lied. Vielleicht ist sie einfach allergisch auf das Rampenlicht. Die Infantil-Show geht weiter: Ihre Loubutain-High-Heels muss sie gefühlte zehn Mal an- und ausziehen, denn sie kann nicht darin gehen. Sie kaut Kaugummi, spuckt ihn ins Publikum, umarmt ihren Background-Sänger, der verzweifelt ein Handtuch zwischen Amys Beine hält. Sie kippt einen schwarzen Drink nach dem anderen: Diät-Cola mit Wodka. Dann verschwindet sie plötzlich während des Songs „Valerie“. Das Publikum, das bis dahin Amy trotz allem euphorisch bejubelt hat, buht die Winehouse nun frenetisch aus. Später lässt das Management verlauten, das Konzert sei wegen Regens abgebrochen worden. Die Wahrheit: Das Konzert wurde abgebrochen, weil Amy dabei war, zusammenzubrechen. So wie Amys Musik Retro-Sixties ist, so lebt sie weiter den Sex, Drugs & Rock'n'Roll-Lifestyle wie die Woodstock-Künstler aus. Das ist ihr gutes Recht als Star, solange nicht ihre Show - das Ticket zu 70 Dollar - darunter zu sehr leidet. Von damals sagt Joe Cocker, dass er sich nicht einmal an seine Auftritte bei Woodstock erinnere - so sehr war er auf Droge. Amy verrät später auch, dass sie sich an nichts mehr erinnere - nur, dass die Proben weitaus besser liefen. Ihren Hit „Rehab“ gibt sie übrigens nicht zum Besten: Wohl wissend, dass sie eher in eine Entzugsklinik gehört, als an einen Traumstrand in der Karibik. So bleibt sie beim St. Lucia-Jazz-Festival 2009 der Headliner, der am meisten enttäuschte und letztlich ausgebuht wurde. Ein Däumelinchen auf Drogen im Tropenparadies. Eine verpasste Chance auf ein Comeback - aber nicht ohne Hoffnungsschimmer: Chaka Khan, die später auftritt, meint, sie selbst sei früher ein Wrack gewesen, auf Kokain, aber sie hoffe, dass Amy wie sie selbst den Absprung noch schaffe. Sonst, so fragil und selbstdestruktiv wie Amy Winehouse an diesem Abend rüberkommt, besteht akuter Anlass zur Sorge. Die Einheimischen hingegen lieben, dass Amy ihre Insel immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse bringt – es ist der Amy-Effekt, der den Tourismus in St. Lucia rapide ansteigen lässt. Condor wird bald ab Deutschland einen Direkt-Flug anbieten.

Text: birgit-ackermann - Foto: AP

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