Weg mit dem Wohnkrampf!

Viele träumen von der perfekten Wohnung und machen sich unheimlich Stress. Unsere Autorin meint: Sauber und aufgeräumt reicht auch.
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Das mit dem Lichtkonzept war dann doch seltsam. Dass K. sich einen Plan gemacht hat, der minutiös regelt, wie seine Bücher angeleuchtet werden müssen (von hinten) und wie die Lichtverhältnisse über der Badewanne zu sein haben, fand jetzt nicht nur ich übertrieben. Sicher, K. hat mal zwei Semester Innenarchitektur studiert und seitdem „Architektur Innenarchitektur Technischer Ausbau“ abonniert. Er ist schon ein Extremfall – aber mit seiner Wohnfixierung steht er bei Weitem nicht alleine da.



Mein ganzer Bekanntenkreis richtet sich gerade ein und Wohnfragen bestimmen offenbar große Teile des Tuns und Seins der Menschen um mich rum. Überkandidelte Wohnblogs ziehen sie sich seit Neuestem nicht mehr rein, um sich totzulachen, sie überlegen ernsthaft, welches Detail sie sich von einem New Yorker Käseladen abschauen könnten. S. wiederum hat sieben Wochen nach der perfekten Gardine gesucht, bevor sie sich für rosa Rosen auf cremeweißem Grund entschied. Und das Rätsel nach der perfekten Raumaufteilung gilt als tendenziell unlösbar – trotzdem wird gern über endloses Regalrumschieben am Wochenende eine Annäherung probiert. Ansonsten sind Wochenenden dazu da, Flohmärkte abzusuchen nach Nierentischchen und schraddeligen „Vintage“-Stühlen, die ein bestimmtes Pärchen kauft, um sie zu Hause abzuschleifen und neu zu lackieren. Die einzelnen Schritte werden natürlich dokumentiert und  auf Facebook gepostet. Soll doch bitte jeder mitbekommen, dass man seinen Wohntraum lebt! Das Problem ist bloß: Ich kann das alles nicht mehr sehen!

Dabei bemühe ich mich wirklich, Verständnis zu haben. Das Bedürfnis nach einem angenehmen Rückzugsort ist schließlich etwas allgemein Menschliches. Und, klar, wir werden auch alle älter. Die meisten Leute in meinem Bekanntenkreis sind Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig, da fängt man eben doch an, langfristig zu denken und richtet sich auch so ein. Hinzukommt, dass einige von uns gerade erst in die Bo-Concept-Gehaltsklasse aufgestiegen sind und endlich das Geld für vernünftige Möbel verdienen. Alles nachvollziehbar, aber muss denn wirklich jeder sich aufs Wohnen kaprizieren? Das Thema hat für mich, ehrlich gesagt, einen begrenzten Unterhaltungswert. Und müssen alle so furchtbar übertreiben? Es ist doch irgendwo seltsam, wenn man jetzt schon große Teile seiner Freizeit in sein Refugium investiert, also letzten Endes in Repräsentieren und Besitzstandswahrung. Sind wir dafür mit plus minus dreißig nicht doch noch zu jung? Sollten wir nicht ein bisschen mehr von der Welt wollen? Manchmal hege ich den schrecklichen Verdacht, dass ihre Idealvorstellung vom Glück vielleicht bloß Tatort-Gucken auf dem Habitat-Sofa ist. Aber auch das ist natürlich übertrieben.

Bedenklich ist an der Wohnfixierung sowieso etwas anderes: Sie macht einem den Rückzugsort kaputt. Wer dauernd dem perfekten Teppich hinterherrennt und den Anspruch hat, dass die gemieteten zweieinhalb Zimmer seine Persönlichkeit möglichst genau spiegeln, kann sich kaum mehr entspannen. Er unterwirft sich in seiner Freizeit freiwillig demselben Optimierungsideal, dem er im Beruf zwangläufig ausgesetzt ist – und das wird einfach unglaublich anstrengend. Vor allem aber ist es komplett unnötig! Keiner zwingt uns schließlich, unsere Wohnfläche so effizient wie möglich zu nutzen und graue Überwürfe zu kaufen, bloß weil die irgendeine amerikanische Bloggerin mal eben als heißen Scheiß ausgerufen hat. Viel wichtiger ist doch, dass wir uns in unserer Wohnung zu Hause fühlen. Es sollte hell genug und nicht zu eng für unser Empfinden sein. Ansonsten reicht es eigentlich, wenn wir in Ruhe schlafen, duschen und essen können, und Platz haben für alles, was wir sonst noch gerne tun. Kann sein, dass das der ein oder andere tatsächlich nicht ohne permanente Wohnoptimierung hinbekommt. Ist ja auch okay so. Für andere ist die perfekte Wohnung den Stress womöglich nicht wert. Ein gutes Leben kann man schließlich auch mit dem zweitbesten Tisch oder einem Ikea-Bett haben. Vielleicht ist sauber und aufgeräumt ja auch eine Lösung.


Text: therese-meitinger - Foto: almogon / photocase.com