Wegen Klagenfurt und überhaupt: Drei Buchempfehlungen

Es gibt sie noch, die guten Bücher. Diese drei deutsche Jungautoren kann man mit ihren aktuellen Werken getrost mit in ein Regenwochenende nehmen.
max-scharnigg

Svealena Kutschke - "Etwas Kleines gut versiegeln" (Wallstein Verlag) Was für ein Fehler, dieses Buch wegen des sperrigen Titels und des grellen Covers erstmal absichtlich im Schrank vergessen zu haben. Dabei trifft die Berliner Autorin Svealena Kutschke von der ersten Seite einen Ton, der sich wunderbar wegliest und nicht oft zu finden ist: Flockige, ungekannte Sprache, gewickelt um eine dezent wahnsinnige Geschichte mit sympathischen Protagonisten, die nicht irrational handeln. Das muss ja schon mal betont werden, das man froh ist, wenn sich das Personal nachvollziehbar durch die Kulisse bewegt. Letztere ist hier ebenso nett wie selten: Sydney, eine Stadt, die man nach den 290 Seiten dringlich kennenlernen möchte. Am liebsten auf die gleiche Art wie die Protagonistin Lisa, die von Berlin nach Australien fliegt, um den Kopf freizukriegen von irgendwas. Von da an passiert nicht mehr viel, aber dieses Wenige ist so romantisch-schnodderig aufgeschrieben, dass man ganz verliebt wird in alles. In die lieben schwulen Jungs, mit denen Lisa rumhängt, in ihre eigene Unzufriedenheit mit sich und in ihre Art, dem Lauf der Dinge verständnislos aber nicht verbittert zu folgen. Die Tage dehnen sich in ihren kleinen Detailabenteuern aus oder schrumpeln endlos ein, weil nichts passiert. Die Scheibe beschlägt sich fortwährend, mit einem Dunst aus unendlich kluger Wahrnehmung und zu viel Bier. Um Liebe geht es, natürlich, aber es ist unglückliche, verzweifelte Verliebtheit, die stattfindet, weil das Alleinsein so drohend an jeder Ecke wartet. Ein ungelenkes Weglaufen veranstaltet Lisa da, sie führt ein störrisches Randdasein, wie ein Kind das unterm Weinen schon wieder lachen muss. Unbehelligt von zeitgenössischer Ironie und Stereotypen bekommt der Leser sogar eine vermeintlich anstrengende Metaebene von queeren und Transgender-Themen wie nebenbei geimpft. Überhaupt geht es eigentlich um ganz viele Dinge gleichzeitig, wie das eben so ist, in einem Kopf und trotzdem übertönt eine sympathische Lethargie jeden Ablauf. Jede der feinen Beobachtungen und eleganten Ideen funkelt klein für sich und zusammen wird ein sehr helles Buch draus. Riesengroße Empfehlung.


Michael Weins – "Delfinarium" (Mairisch Verlag) Besagte und beklatschte Svea Kutschke steht auch im Impressum dieses Buches – und zwar als Lektorin. Zeichnet sich da eine Seilschaft begabter Jungautoren ab, eine ganze Armada? Herr Weins aus Hamburg jedenfalls, ist so jung gar nicht mehr und hat auch schon divers veröffentlicht, bekommt hier jetzt aber trotzdem noch mal Lob. "Delfinarium" ist die Geschichte von Daniel, einem Jungen, der die postabituriellen Findungsphase schon fast zu Gunsten einer vollständigen Lethargie entschieden hat, als er einen Nebenjob annimmt. Die verwirrte Frau, auf die er dabei aufpassen soll, bringt dann zügig alles durcheinander, innen und außen. Klingt jetzt ganz fürchterlich nach Erweckungserlebnissen eines Zivis, ist aber das genaue Gegenteil. Eine nüchtern erzählte absonderliche Begebenheit, ein Abenteuer könnte man fast sagen, wenn nicht dieses Wort allein schon wieder sämiger wäre, als alles, was sich der Autor in seinem gesamten Buch an Fett erlaubt. Klar und sehr deutlich geht es hier von A nach B und C, wird Daniels Einmischen in das andere Leben seziert und werden seine Entscheidungen begleitet. Geschichten mit Menschen die behindert, verwirrt oder sonst wie beeinträchtigt sind, enden hierzulande ja fast immer in kitschiger Verkrampfung mit Küssen im Rapsfeld. In diesem Buch nicht. Hier geht das Ganze puristisch in die Hose, so nüchtern und deutlich, dass man es beim Lesen fast nicht glauben kann und dann aber applaudiert. Es muss so sein, genau. Eine kleine Geschichte eigentlich nur, aber eine, bei der man nichts ahnt und deswegen immer wieder umblättert, bis es irgendwann die letzte Seite war. Was dann bleibt, ist nicht Verstörung oder Wundern, sonder nur so ein ganz leises Max-Frisch-Gefühl der Ungeheuerlichkeit. Schön.


Susanne Heinrich – "So, jetzt sind wir alle mal glücklich" (DuMont) Susanne Heinrich ist, das kann man im Internet nachlesen, 24, verheiratet und lebt in Berlin. Außerdem ist sie schon wie ein Käse-Igel gespickt mit Preisen, Förderungen und Stipendien und hat gerade ihr drittes Buch bei DuMont veröffentlicht. Soweit, so erstaunlich. „So, jetzt sind wir alle mal glücklich“ heißt dieses dritte Buch und klingt damit nicht nur nach neoberliner Generationskritik - genau das ist es auch. Den Rahmen bildet ein Polterabend in einem Hotel, den drei befreundete Paare miteinander begehen und dessen epischer Verlauf knapp dreihundert Seiten einnehmen wird. Klassische Sache: Gruppenstimmung die sich im Verlauf der Nacht aufheizt, überschlägt, auseinanderbricht und wieder findet, bis dann die neue Sonne aufgeht und das ganze Durcheinander aussieht, als wäre nichts gewesen. Natürlich auch dabei: Suizidandeutung, erotische Übersprungshandlungen, Nervenzusammenbrüche und Lebensbeichten. Erwartbares also und trotzdem liest es sich gut, weil die Autorin die Klischees umwandert oder sie so genau ansticht, dass man beim Lesen nicht um ein debiles, zustimmendes Nicken herumkommt. Frau Heinrich hat hier eher ein Drehbuch geschrieben als einen Roman, die Kamera dabei immer rotierend auf den sechs handelnden Köpfen befestigt und mitlaufen lassen. Im Vordergrund steht die Liebe, schließlich soll eines der Paare ja am nächsten Tag heiraten, die anderen befinden sich in illustren anderen Stadien einer Beziehung. In den Gesprächen geht es um all die Erwartungen die man dazu mit sich rumträgt und wie realistisch sie noch sind, warum Männer und Frauen nicht das Gleiche suchen und letztlich alles immer wieder neu scheitert, wenn nicht täglich Kompromiss gemacht werden. Ein wenig langatmig ist dieses unentwegte Nähern und Entfernen, aber immer plausibel formuliert und authentisch durch die Rollen gespielt. So entsteht eine lebensnahe Widergabe unserer Liebenswelt und beinahe so etwas wie ein zeitgenössischer „Reigen“. Nicht lebensnotwendig, aber nett.

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