Wenn das Alleinsein weh tut

Nach einer langen Beziehung ist das Singleleben wie eine Befreiung. Doch irgendwann fängt es an zu nerven und die Sehnsucht nach einem Partner kommt zurück. Vier Protokolle über genau diesen Moment.
lena-niethammer

Als die Freunde plötzlich Freundinnen hatten

Andreas (26)

„Für mich begann mit dem Singledasein ein komplett neuer Lebensabschnitt. Ich zog erstmal um, raus aus der Stadt, die wir zuvor „unsere“ nannten. Schnell hatte ich einen neuen Freundeskreis. Eigentlich darf ich das als Mann gar nicht sagen, aber meine drei Jungs ersetzten meine Ex. Alles war perfekt.



Nach einem Jahr wurde es kompliziert. Peter war der Erste von uns, der sich verliebte. Kurze Zeit später traf es auch Ralf und Jan. Bei Letzterem handelte es sich um eine Fernbeziehung, wir sahen ihn quasi gar nicht mehr. Als einziger Single war ich übrig.  

Jedes Wochenende gingen wir Fußball spielen. Doch als ich an einem Samstag wie verabredet zum Platz kam, war dieser leer. Ich wartete eine Viertelstunde und rief sie der Reihe nach an. Jeder Einzelne verkündete mir, er hätte es vergessen und wäre gerade mit seiner Freundin unterwegs.

Zuerst war ich wütend, so richtig wütend, dann wurde ich traurig und irgendwann verwandelte sich die Trauer in Neid. Ich wollte das auch. Ein hübsches Mädchen, das mich liebt, um das es sich zu kämpfen lohnt. Ich fühlte mich einsam. Die nächsten Monate wurden ein einziger Krampf. Auf jeder Party baggerte ich ununterbrochen Mädchen an und holte mir einen Korb nach dem anderen.  


Als der beste Freund/Sexpartner vergeben war

Julia (20)

"Ich war zwei Jahre single als ich Ole kennenlernte. Ich saß in der Bibliothek und las in einem Buch. Ob ich nicht auch mit ihm studiere, fragte er mich. Ich bejahte und las weiter. Ole stand irgendwann auf, ging aus dem Lesesaal, kam fünf Minuten später zurück und sagte „Sorry, will dich nicht noch mal stören, aber du musst mir noch deine Handynummer geben“. 

Am Wochenende darauf rief er mich betrunken an und sagte, dass er gerade eine Party bei sich zu Hause schmeißen würde. Ich fuhr hin, gerade rechtzeitig, um mit ihm die letzten Gäste zu verabschieden und danach bis zum Morgengrauen Wein zu trinken. Zum Sonnenaufgang gingen wir auf eine Aussichtsplattform im Park. Zum Einschlafen küssten wir uns in seinem Bett. Aber beim Aufwachen dachte ich mir dann nur: Was mit Kommilitonen haben ist echt scheiße, und das auch noch in so einem kleinen Studiengang. Was ich auf keinen Fall wollte war eine Beziehung.

Aber Ole wurde ein echt guter Freund. Ein Freund mit gewissen Vorteilen. Und natürlich pushte die Tatsache, dass da jemand ist, der auf mich steht, mein Ego enorm. Rücksicht nahm ich darauf aber nicht. Ich erzählte ihm von langen Partynächten und Typen, mit denen ich nach Hause ging. Langsam wurde mir bewusst, dass ich wohl das größte Arschloch der Welt sein musste.

Ole wollte ich trotzdem nicht. Und nach einem Jahr er mich auch nicht mehr. Die Wende kam als er in den Semesterferien durch Indien reiste und ich ihn so sehr vermisste wie noch nie jemanden zuvor. Er war nicht mein bester Freund, das war mir nun klar, er war viel mehr für mich. Das ständige Verlieben und wieder Entlieben nervte mich, ich wollte kuscheln und Tatort gucken, und das mit Ole. Als Ole zurückkam und sagte, dass er jemanden Tolles kennen gelernt hatte, war ich am Boden zerstört. Ich machte ihm Mixtapes, schrieb verliebte Nachrichten. Vor 2 Wochen hat es dann endlich geklappt mit uns Beiden. Und jetzt ist er in Afrika."



Als der Mutterinstinkt erwachte

Sophie (23)

"Ich bin das, was man einen Dauersingle nennt. Mal gewollt, mal ungewollt. Eine lange Beziehung hatte ich bisher noch nie. Ich komme gut ohne Freund aus. Es ist schwer auszumachen, wann ich mich nach Liebe sehne. Es lässt mich kalt, wenn meine Verwandten zum hundertsten Mal nachhaken, warum ich ihnen niemanden vorstelle und auch als meine Freundinnen mit 15, 16 ihren ersten Freund hatten, war ich nicht eifersüchtig.

Aber seit ein paar Wochen ist der Wunsch nach einem Freund immer öfter aufgetaucht. Seit diesem einen Abend. Mein Vater und ich guckten eine Dokumentation über junge Mütter. Viel zu junge Mütter. Eigentlich war es eine dieser Sendungen, die uns empören sollen. Die Macher erwarten Sätze wie "Die sollte lieber mal noch zur Schule gehen" oder "In dem Alter schon Kinder haben ist unverantwortlich." Während mein Vater diese Erwartungen erfüllte, wurde bei mir eine andere Reaktion hervorgerufen. Ich sah nur noch dieses kleine, dicke, unfassbar süße Baby. Es lachte, umgriff mit der ganzen Hand den Finger seiner Mutter und kackte ihr dann auf den Arm. Zauberhaft! Ich konnte quasi fühlen wie meine innere Uhr das Ticken anfing. Ich stehe zwar erst kurz vor meinem Uniabschluss aber die Sehnsucht nach einer Familie ist da. Und zu einer Familie gehört nun mal ein Partner. Ich brauche also einen Freund. Und ich will ihn auch. Nicht immer. Aber nach und nach immer öfter."
Am Ende einer WG-Party

Sarah (24)

"Es gab bei mir nicht den einen Punkt. Es war ein Prozess. Um genau zu sein ein Zwei-Stufen-Prozess. Frisch getrennt ging ich ins Auslandssemester nach Kopenhagen. Es gab dort viele frisch getrennte Mädchen. Wir saßen abends zusammen auf der Couch, tranken Wein und schworen uns, dass wir jetzt endlich mal richtig leben. Die Welt und die Männer lagen uns zu Füßen.  

Doch zurück zuhause, in der normalen, gewohnten Umgebung mit den alten Freunden war plötzlich alles anders. Der erste Anflug von Sehnsucht kam. Ich lag nachts wach in diesem riesigen Bett, das ich mir früher mit meinem Exfreund teilte und ich fragte mich, warum es sich so leer anfühlt.  

Aber der Kloß im Hals verschwand wieder. Ich hatte es ja so gewollt. Schließlich machte ich deshalb Schluss. Es dauerte nicht lange und ich lernte Tim kennen. Wenn ich mich abends alleine fühlte, rief ich ihn an. Wenn ich Sex wollte auch.

Es lief einige Wochen ganz gut. Bis zu dieser einen Party. Wir feierten ausgelassen den Geburtstag einer Freundin. Musik, Wein, Getanze. Nach und nach sind alle gegangen. Irgendwann waren nur noch die Gastgeberin und ich da. Wir saßen in der Küche. Sie sah mich an und sagte: „Ich muss jetzt den Nils anrufen.“ Nils ist ihr Freund. Als sie langsam aufstand und zum Telefon wankte, wurde es mir klar: Das ist es, was ich will. Auf Partys feiern, wild und laut sein, aber dann, wenn ich mich müde getobt habe, ihn anrufen. Den einen. Der sich freut, wenn ich um vier Uhr morgens wecke.

Ich stand auf und ging nach Hause. Zum ersten Mal bewusst alleine. In meiner Wohnung angekommen rief ich Tim an und sagte: „Wir können uns nicht mehr sehen.“ Ich bin auf der Suche nach was Ernstem, fügte ich in Gedanken hinzu."


Text: lena-niethammer - Foto: Emoji/photocase.com

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