Wenn der Frühling den Bock zum Gärtner macht

Heute Morgen stand ich schon wieder an meinem Kinderbeet und das Entzücken war groß.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Heute Morgen stand ich schon wieder an meinem Kinderbeet und das Entzücken war groß. Da keimte was! Ein zartes, herrliches, einzelnes, wunderbar grünes Pflänzchen! Aufgeregt trommelte ich die Restfamilie in den Garten und Unschönes geschah: Meine Mutter rupfte eiskalt das herrliche, zarte, wunderbare Grün mit zwei Fingern aus meinem Kinderbeet und zerkrümelte es beiläufig. Meine Schwester lachte dreckig. Was da keimte war laut Familienrat Unkraut. Die Restfamilie setzte ihr Frühstück fort, ich weinte ein bisschen und haderte mit meinem grünen Daumen. Immer noch war mein Kinderbeet kahl wie ein frisches Katzengrab, obwohl ich doch vor zwei Wochen ein großflächiges Samenbombardement darauf niedergehen ließ: Rettich, Radieschen, diverse Salate und ein Exotenverein mit Cayennepfeffer, Rauke und Wassermelonen! All das schlummerte auf zwei Quadratmetern und ließ sich mit seinem Open-Air Auftritt mächtig Zeit. Natürlich weiß ich, dass aus solchen Samen nicht immer alles wunderbar sprießt – und schon gar nicht immer aussieht wie auf den Bildchen, die vorne auf der Verpackung locken. Aber drei oder vier Keimchen pro Gattung sind ja wohl nicht zuviel verlangt! Reicht mir doch völlig. Was soll ich auch mit 200 Riesen-Rettichen? Beleidigt wandte ich mich ab - und tankte Kraft und Freude aus meinem geilen, geheimen Kräuterbeet. Das gedeiht in einer alten Dachrinne und sieht prächtig gesund aus: Majoran, Thymian und Rosmarin, sowie ein etwas traniger Schnittlauch. Jeden Tag halte ich mir ein bisschen Rosmarin unter die Nase, schließe die Augen und bin ein Landmann in der Provence.

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