Wenn die Tränen uns im Stich lassen

Warum heulen wir aus Rührung oder Müdigkeit, bekommen aber in den traurigsten Momenten des Lebens zum Teil keine Träne heraus? Über die Unberechenbarkeit des Weinens.
daniela-gassmann
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So traurig! Aber wo bleiben die Tränen?

Foto: flo_flash / photocase.de

Meine Fragen nach den Tränen beginnen mit der Geschichte eines Freundes, die so traurig ist, dass man sie lieber nicht erzählen möchte. Es reicht ohnehin zu sagen: Dieser Freund verlor einen lieben Menschen, und das auch noch zu früh. Nach ein paar Tagen, vollgestopft mit Trauer und Erledigungen, besuchte er die Beerdigung. Bei den rührseligen Worten des Pfarrers über den lieben Menschen mussten einige entfernte Bekannte weinen – sogar die Verkäuferin aus der Ortsbäckerei. Meinem Freund hingegen kam keine einzige Träne. Dabei stand er dem lieben Menschen doch besonders nahe. Dabei war er, wie er fand, doch der Verletzteste von allen.

Nachdem der Freund mir von diesem Tag erzählte, sprachen wir fast einen ganzen Abend lang übers Weinen und nicht-Weinen. Uns wunderte, dass man gelegentlich zu heulen beginnt, obwohl das gar nicht nötig wäre. Zum Beispiel, wenn man von sich selbst oder von anderen enttäuscht ist. Wenn man von einem Film oder einem Buch gerührt ist. Manchmal auch aus Übermüdung in Kombination mit einer Kleinigkeit, die nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Steckt man dann hingegen in einer Situation, die so wahnsinnig traurig ist, dass man gar nicht anders können sollte als zu weinen – dann lassen einen die Tränen im Stich. So, wie sie es bei dem Freund auf der Beerdigung taten.

Warum sind Tränen so unberechenbar? Und geht es vielen Leuten so und nicht nur einzelnen? Weil der Freund und ich darauf keine Antworten fanden, begann ich, in meinem Umfeld und in Internetforen nachzuforschen. Mein Befund: Auch andere Menschen konnten in schlimmen Situationen nicht weinen. Zum Beispiel bei einem Abschied für eine sehr lange Zeit, beim Schlussmachen, auf Beerdigungen und bei der Nachricht über die Krankheit des Großvaters.

Wenn man in Momenten allergrößter Trauer nicht weinen muss und kann, ist das nicht nur verwirrend – sondern auch sehr schade. Denn vor anderen Tränen zu zeigen, bedeutet ja, seine Gefühle (mit)teilen zu können. Man sagt einem Menschen ganz unmittelbar und authentisch: Ich brauche Trost. Oder: Ich fühle mit dir. Und immer auch: Du kannst ruhig sehen, wie es mir geht, bei dir muss ich mich nicht verstellen. Diese gemeinschaftsstiftende Funktion des Weinens haben Soziologen bereits erforscht und für wichtig erklärt. Genau wie das auf-den-Mund-Küssen sind emotionale Tränen etwas, das uns Menschen menschlich macht und von anderen Lebewesen unterscheidet.

"Unsere Zeit ist eher cool-orientiert"

Wenn Tränen so wichtig für eine Gesellschaft sind, dann muss man erst recht die Frage stellen: Warum lassen sie uns manchmal im Stich?

Um diesem seltsamen Widerspruch auf die Spur zu kommen, kontaktierte ich alle Tränenforscher, die ich ausfindig machen kann – und davon gibt es nicht allzu viele. Kein Wunder, denn Tränen sind ein ziemlich frustrierendes Forschungsgebiet: Während sich zwar auf physiologischer Ebene erklären lässt, wie das Weinen funktioniert, gibt es für das „Warum“ oder das „Warum nicht“ kaum aussagekräftige Befunde aus der Biologie oder Psychologie. Die Einzige, die mir weiterhelfen kann, ist die emeritierte Kölner Professorin Renate Möhrmann. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive hat sie drei Jahre lang zum Thema Tränen geforscht und das Buch „So muß ich weinen bitterlich“ herausgegeben.

„Es gibt Zeiten, in denen viel geweint wird und Zeiten, in denen wenig geweint wird. Unsere Zeit ist eher cool-orientiert – dieses Wort cool taucht überall auf. Diejenigen, die weinen, sind heute die Schwachen“, erklärt Möhrmann. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sei das ganz anders gewesen: Damals starb in fast jeder Familie ein Säugling, und man weinte zusammen. Heute hingegen seien Trauer- und Beerdigungserfahrungen so selten geworden, dass man das gemeinsame Weinen verlernt habe.

Wenn unsere Zeit so cool-orientiert ist, warum werden wir manchmal in ganz undramatischen Situationen weinselig? „Der Mensch braucht Tränen – irgendwo muss man weinen“, sagt Möhrmann. Viele Menschen würden sich während Beerdigungen und bei Abschieden in einer Schockstarre befinden. Erst viel später könnten sie das mit Tränen verarbeiten. Die Folge sei, "dass es zu einer Verschiebung von Emotionen kommt. Das bedeutet, die Schauplätze des Weinens verändern sich." Wo heute am meisten geweint wird? "Zuerst im Kino und dann beim Fußball."

Das kann man damit erklären, dass Menschen im Kino mit dem Leid der Anderen in Großaufnahme befasst sind und über die eigene Hilflosigkeit verzweifeln. Man sitzt Unterarm an Unterarm mit Fremden zusammen, bleibt im Dunkel des Kinosaals und durch die auf die Leinwand gerichteten Blicke anonym. Beim Fußball sind Tränen akzeptiert, seitdem sie auch auf dem Platz gezeigt werden. Gerade für Männer, für die die Gebote der Coolness immer noch im stärkeren Maße gelten als für die Frauen, sei der Fußball deshalb ein wichtiger Ort.

Unsere Tränen sind also gar nicht unberechenbar. Stattdessen kommen sie nur zeitverzögert – weil wir in einer coolen Zeit leben und weil die Wenigsten von uns lernen mussten, wie man trauert.  Die Reaktion meines Freundes auf diese Erklärungen: „Das leuchtet ein. Aber trotzdem ist es blöd – dass wir nicht ein bisschen aufrichtiger sein können, meine ich.“ 

Da erzähle ich ihm von der Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert, die Möhrmann ebenfalls wissenschaftlich untersucht hat. Damals gab es den weinenden Helden, dessen Tränen als Authentizitätsgarant angesehen wurden. Vielleicht, beschlossen der Freund und ich, können wir ihn in Zukunft ja als Vorbild nehmen und uns gegen zu viel Coolness wehren.

Text: daniela-gassmann

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