Wenn Eltern komisch werden

Als Kinder glauben wir unseren Eltern alles, später vertrauen wir ihnen immer noch fest. Wie es ist, wenn dieses Vertrauen nicht mehr funktioniert hat unsere Autorin bei ihrem Vater erlebt.
anja-schauberger


Früher hätte ich meinem Vater alles abgekauft. Als ich mit fünf Jahren im Griechenlandurlaub auf eine Unterwasserpflanze trat, versuchte er mir weis zu machen, dass es ein Tier gewesen sei. Ich glaubte ihm und rannte kreischend Richtung Strand. Heute ist das natürlich ein bisschen anders. Heute sitzen wir oft sonntags zusammen beim Mittagessen und abgesehen von ein paar gut gemeinten Ratschlägen und Lebensweisheiten muss ich ihm eigentlich nichts mehr wirklich abkaufen.

Bis vor ein paar Monaten. Da erzählte er mir, dass er nun eine zweite Arbeit hätte, ein zweites Standbein, wie er es nannte. „Von nun an werde ich diese Säfte verkaufen!“, sagte er stolz und stellte mir einen Actimel-Verschnitt vor die Nase. Daraufhin begann er einen zehnminütigen Monolog über die „Königin der Früchte“, Vitaminmangel und wie gut er sich damit fühlen würde.

Ich versuchte wirklich mir das Ganze durch den Kopf gehen zu lassen. Ich ernähre mich nicht sonderlich gesund, das weiß ich. Ich mag Obst, Gemüse ist auch okay, schmeckt nur alles leider nicht so gut wie Schweinebraten mit Knödel. Vitamine sind ja nie schlecht, dachte ich und mein Vater wird wissen, was er tut. Doch schon auf dem Nachhauseweg überkamen mich Zweifel. Mein Vater will Vorträge über Vitamine halten? Bis vor kurzem  versuchte er doch, seinen stetigen Vitaminmangel mit diesen A-bis-Zink-Tabletten aus der Apotheke zu regulieren. Ich fand das seltsam. Vor allem, weil er mir erzählt hatte, er würde im Moment nichts anderes machen als Joghurtinteressenten anwerben, verdienen würde er noch nichts. Sein neuer Job kostete ihn sogar etwas. Ganze 70 Euro musste er im Monat für seinen Wundersaft blechen. Aber schon in ein bis zwei Jahren könnte er damit das große Geld machen, hatte er gesagt. Das Zeug wäre etwas völlig Neues, auf das jeder nur gewartet hätte. Ich konnte es nicht fassen.

Zwei Wochen später hatte ich seinen Vitaminausfall beinahe vergessen, als er nach dem Mittagessen schon wieder diesen Saft auspackte, mir ein Magazin in die Hand drückte und einen weiteren Monolog begann. Ich verstand seine Ermahnungen, meine Ernährung sei viel zu schlecht und ich könne gar nicht genug Vitamine zu mir nehmen. Ich verstand sie, aber ich wollte sie nicht hören, nicht mit Anfang 20 und vor allem nicht von ihm, dem neuernannten Gesundheitsverfechter.

Während ich von Seite zu Seite feststellen musste, was da für ein schlechtes und billig aufgezogenes Magazin vor mir lag, blätterte ich zu einem Interview mit einer aufgespritzten Blondine, die ernsthaft behauptete, dieser Saft würde verjüngend wirken. Plötzlich ging mir ein Licht auf, mein Vater wollte nicht gesund leben, er wollte ganz einfach nicht alt werden. Da merkte ich auch, dass es keinen Sinn haben würde auf ihn einzureden. Dass er das vielleicht machen musste, so wie andere Männer mittleren Alters sich Sportwägen oder Laufbänder kauften. Ich wollte also nichts sagen, hoffte nur, dass dieser kleine Ausflug schnell ein Ende nehmen würde.

Die Wochenenden darauf merkte ich allerdings, dass ich zögerte, wenn es darum ging ihn anzurufen. Tiefgründige Unterhaltungen waren zwar noch nie seine Stärke, aber ich hatte mir wirklich genug über diesen Saft angehört. Es machte mich wütend, dass er von nichts anderem mehr sprach und ernsthaft glaubte, damit einmal Geld machen zu können. Ich war wütend, weil er so naiv war und konnte es im selben Moment nicht glauben dieses Wort einmal in Verbindung mit meinem Vater zu bringen. Schon immer war ich der festen Überzeugung, dass niemand auf der Welt Gut und Böse so genau auseinander halten konnte wie er. Ja, dass er manchmal sogar zu misstrauisch war. Ich war wütend, weil ich seinen neuen „Job“ besser durchschaute als er. Wütend, weil ich merkte, dass ich bei jedem Vortrag, den er über diesen Saft hielt, schmunzeln musste und nach und nach ein Stückchen Respekt verloren ging. „Wie blöd bist du eigentlich?“, hätte ich ihm gerne ins Gesicht gesagt, doch ich traute mich nicht.

Ein paar Wochen darauf kam es doch zu einem erneuten Treffen, er hatte mich angerufen und gefragt, ob wir zusammen essen könnten. Ich hatte widerwillig zugesagt. Während ich in meinem Essen stocherte, begann mein Vater mit seinem wöchentlichen Vortrag und wagte es ernsthaft mir diesen Saft anzubieten. Ich sollte ihn kaufen. Mir blieb fast das Essen im Hals stecken. Ich, die kein festes Einkommen hat und noch zur Uni geht. Meine Oma hatte er schon überzeugt, die konnte sowieso zu nichts Nein sagen. Ich sagte Nein und zwar so laut und deutlich, dass sich das halbe Restaurant zu unserem Tisch umdrehte.

Nächstes Wochenende fährt er nach Wien, er trifft sich dort mit anderen Leuten von diesem Saft in einem schicken Jugendstilhotel. Als er mir das freudig am Telefon erzählt, umgehe ich das Thema wortlos. Ja, mit fünf Jahren hätte ich meinem Vater wirklich alles abgekauft, sogar diesen Saft.

Text: anja-schauberger - MMchen/photocase

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