Wenn Geld zu Stein wird

Mitten in der Krise der Währungsunion baut eine Gemeinde in Holland die Brücken nach, die auf den Euro-Scheinen zu sehen sind.
christian-helten

Es gibt Leute zurzeit, die Angst haben, dass er es nicht mehr lange macht, der Euro. Griechenland-Krise, Portugal, Italien, Irland, die bösen Rating-Agenturen, immer weiter wachsende Milliarden-Rettungsschirme, das alles nährt die Zweifel am Gesundungsprozess der gemeinsamen europäischen Währung. Man könnte das, was in dem holländischen Städtchen Spijkenisse gerade passiert, deshalb als eine Art vorauseilendes Denkmal für den Euro verstehen. Oder, wenn man eher optimistisch veranlagt ist, als symbolischen Hoffnungsakt.



Spijkenisse ist eine Neubausiedlung im Speckgürtel von Rotterdam, durchzogen von einigen Wasserwegen, die die Holländer Grachten nennen. Etwa 70.000 Menschen leben dort, und vor Kurzem weihte der Bürgermeister dort zwei neue Brücken ein. Backsteinfarben und funkelnagelneu überspannen ihre Bögen die Grachten, sie passen nicht ganz ins Stadtbild, sehen ein bisschen nach Legoland aus – und kommen einem irgendwie bekannt vor. Die Brücken sind Nachbauten, hundertprozentige Kopien. Die Originale finden sich auf dem 10- beziehungsweise dem 50-Euro-Schein.

Auf allen Euro-Noten sind Brücken zu sehen. Die Brücken Europas, die symbolisieren sollten, dass auch die neue Währung Brücken baut, dass mit ihr Grenzen wie auf einer Brücke überschritten werden können und die Länder der EU näher zusammenrücken. Eine schöne Idee; aber sie war nicht ganz einfach umzusetzen. Denn wie tagtäglich in der Europapolitik sichtbar wird, spielt nationaler Geltungsdrang noch immer eine große Rolle in der EU, jedes Land ist darauf bedacht, nicht benachteiligt zu werden. Die Euromünzen sind deshalb für jedes Land individuell gestaltet worden, portugiesische sehen anders aus als spanische. Die sieben Euroscheine aber sollten einheitlich daherkommen. Hätte man dafür aber sieben Brücken aus den Euro-Mitgliedsstaaten ausgewählt, hätte sich höchstwahrscheinlich jemand benachteiligt gefühlt. Deshalb erfand der österreichische Designer Robert Kalina, der die Banknoten entwarf, einfach fiktive Brücken aus unterschiedlichen Baustilen europäischer Epochen.

Nun aber werden die Phantasiebauwerke doch Realität: in Spijkenisse. Verantwortlich dafür ist Robin Stam, 30 Jahre alt, Grafikdesigner und Künstler. „Als ich vor ein paar Jahren beim Einkaufen an der Kasse stand und bezahlte, dachte ich plötzlich, dass es doch großartig wäre, die Brücken zu kopieren und in Echt nachzubauen“, sagt Robin. Er zögerte nicht lange und trug seine Idee dem Bürgermeister vor. Der war sofort begeistert, weil es in der wasserreichen Neubausiedlung sowieso ein paar Grachten zu überbrücken galt. Außerdem hegt er die Hoffnung, dass die Bauten Touristen in seinen Ort locken werden.


Robin Stam auf der ersten Eurobrücke, kopiert vom 50-Euro-Schein.

Etwa 1,3 Millionen Euro investiert die Gemeinde laut Financial Times Deutschland insgesamt in die Brücken. Die ersten zwei sind schon fertig, „und sie sehen genau so aus, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt Robin Stam nicht ohne Stolz, dass seine Idee jetzt für jeden sicht- und begehbar in der Landschaft steht. Voraussichtlich wird in zwei Jahren der Bau aller sechs Brücken abgeschlossen sein (die Motive des 20- und des 5-Euro-Scheins werden in einer zusammengeführt). Dann wird hoffentlich auch schon feststehen, ob sie eher als Erinnerung an eine vergangene Euro-Zeit dienen, oder ob die Währungskrise überwunden ist.

Text: christian-helten - Fotos: dpa, robinstam.nl

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