Wenn's im Zugabteil menschelt.

Ob man will oder nicht: Manchmal würfelt einen das Leben für einige Zeit mit fremden Menschen zusammen. Wir stellen fünf typische Zwangsgruppen vor.
max-scharnigg


1. Das Zugabteil

Das ehrwürdige Zugabteil ist mittlerweile recht selten geworden. Vermutlich weil eine derart hermetische Einpferchung von fremden Menschen zu viele Probleme birgt, seit jedermann plötzlich Individualist ist. Denn so ein 6er-Zugabteil von München nach Hamburg erfordert von allen Beteiligten eine diplomatische Grundausbildung plus jede Menge warmmenschlicher Solidaritätsbereitschaft. 

Die sind immer da: Die alte Frau die sich so benimmt, als wäre sie noch mit Effie Briest zur Schule gegangen und einen beigen Hut zu ihrem beigen Mantel trägt. Der abgehalfterte Vertreter der Feierabend hat (oder gefeuert wurde) und sich deswegen das alte Hemd bis unter die Achseln aufkrempelt und die Schuhe auszieht. Die Backpacker-Uschi die leise schnarchend im Schneidersitz einschläft und wahlweise noch Mutter-Kind die auf dem Weg zur Oma sind oder aber ein älteres Paar auf dem Weg in den Urlaub nach Kühlungsborn (das sind dann die mit der Eier-Brotzeit)

 So geht’s los: „Fahren Sie auch nach Hamburg? Ja, wir auch, hoffentlich ist da das Wetter nicht so schlimm, wissen Sie, wir waren letztes Wochenende in Böblingen bei Verwandten von meinem Mann, die hatten sogar Wasser im Keller, ich sag’ ihnen...“

Ewige Diskussionspunkte: "Tür offen oder zu? Fenster offen oder zu? Ist da noch Platz für meine Tasche und Ihre Beine? Könnten Sie kurz auf mein Reise-Schlagzeug aufpassen, ich muss mal drei rauchen. Müssen Sie jetzt zum Abschluss ihrer Brotzeit wirklich noch drei hartgekochte Eier essen? Kann das quengelnde Kind nicht vielleicht einfach in Bebra den Zug verlassen?"

Krisenstimmung: Wenn nach vierhundert Kilomter die fünf Fahrgäste im Abteil schon kurz vor der gegenseitigen Adoption stehen und bereits Telefonummern ausgetauscht haben und dann steigt überraschend noch der Sechste zu, meistens eine arrogante Businessfrau die den menschelnden Zauber zunichte macht, indem sie die ganze Zeit ins Handy schreit.

 So hört’s auf: „Also, dann wünsche ich noch eine gute Fahrt und viel Erfolg gell, für ihre Bewerbung als Fremdenlegionär, immer positiv denken, dann klappt das schon. Haben wir alles Günther?“  




2. Der Semesteranfang

Zur Verklumpung neigt der Mensch nun mal besonders in Situationen, in denen er unsicher oder orientierungslos ist, und deswegen instinktiv mit Gleichgesinnten Gruppe machen möchte. Da man aber auch nicht sicher sein kann, ob die anderen die hier scheinbar unbeteiligt vor Raum A 213.21 herumstehen auch das Seminar suchen, äugt man sich lieber zehn Minuten skeptisch an, bis mal einer (wird später Lokalpolitiker) anfängt, die Unsicheren miteinander zu vernetzen. Schwupps, schon steht man viel angenehmer in einer Schicksalsgemeinschaft und wartet auf die Dinge, die da kommen sollen. Jetzt geht alles sehr schnell, Freundschaften fürs Leben, spätere Bank- oder Bettnachbarn taxieren sich. Pech für den, der hier aufs falsche Pferd setzt und sich genau die Sitznachbarin rauswählt, die noch keinen Schlafplatz für heute Nacht hat, nach Haustier riecht und sich Blatt und Stift zum Mitschreiben ausborgt, später noch vom Schokocroissant abbeissen will und es dann wieder ausspuckt, weil es doch nicht vegan ist.  

Die sind immer da: Der Unheimliche mit dem langen schwarzen Ziegenbart und Ledermantel, einen abgewetzten Sportrucksack auf dem Rücken. Die beiden Ratschtanten, die sich natürlich schon kennen und gleich für den nächsten Flohmarkt verabreden. Die Schüchterne aus der Provinz, die sich ihren Start ins wilde Leben in der Studentenstadt anders vorgestellt hat und immer nur verheult aussieht. Der irgendwie sehr erwachsen wirkende Glatzkopf mit der Aktentasche, der süße Junge mit dem gebrochenen Bein, dem mit seinen Krücken alle helfen wollen und natürlich der Dozent, dessen mühsam zusammengekratzter Elan schon nach der ersten Viertelstunde verraucht ist.

So geht’s los: „Sorry, wartest du hier auch wegen der Komparatistik-Einführung, ah, gut, ich dacht’ schon ich wär’ total falsch, hast du heute Abend schon was vor?“   

Ewige Diskussionspunkte: "Sind wir hier richtig? Ist das jetzt diese, hihi, akademische Viertelstunde? Hast du schon eine Ahnung, was du mit diesem Studiengang anfangen willst, also irgendwann später? Ja, die Wohnungssuche, vergiss es, puh, 'ne ich hab zufällig Glück gehabt, meiner Tante gehört Schwabing. Nein, ich habe nicht so eine schriftliche Bestätigung bekommen, wo sollte es die geben?"

Krisenstimmung: Der eigene Name steht aus unerfindlichen Gründen nicht auf der Liste  der Seminarteilnehmer und in Sekundenschnelle starrt man ins feindselige Auge des Schwarms, der auf einmal einen Sicherheitsabstand einhält. Oder es müssen Referatsgruppen gebildet werden und es finden sich alle  in Sekundenschnelle zusammen, bis auf einen, der von Haustür zu Haustürirrt wie weiland Josef mit seinem Weib Maria, die war schwanger.   

So hört’s auf: „Also, man sieht sich nächste Woche oder, haha, auf dieser Party von der du erzählt hast, klingt ja echt interessant, mal sehen, äh, nein die Adresse brauchst du mir nicht extra sagen, die finde ich, äh, dann schon."     



3. Die Sportgruppe

Eigentlich muss man in dem Yoga-Kurs von der Volkshochschule oder diesem einen Dienstag-20Uhr-Pilates-Programm im Fitnesstudio ja nicht zwingend mit anderen in Kommunikation treten. Und die ersten drei Mal macht man es auch nicht, stattdessen: Umziehen, schwitzen, schnell weg. Aber dann bilden sich eben doch die ersten Seilschaften, die Gymnastikmatten werden nicht mehr willkürlich im Raum verteilt, sondern man macht plötzlich immer neben der Frau den Sonnengruß, die einem letztes Mal so nett erklärt hat, wo die Toiletten sind. Nach der sechsten Stunde findet sich spontan ein Grüppchen zusammen, das noch zur Eisdiele weiterzieht und am Ende des Kurses gehen alle wie selbstverständlich noch zum Griechen und lassen dort die - natürlich unersetzliche - Kursleiterin hochleben. Befeuert ist diese Form des langsamen Zusammenwachsen von dem Eindruck, dass sich rein zufällig eine ganz wunderbare Gruppe, Alt und Jung zusammengefunden hat, die sich prächtig versteht. So ein Glück, die einzigen netten Menschen in dieser ganzen großen Stadt! Allerdings wird dabei außer Acht gelassen, dass man sich eben immer nur zum Bodenturnen zusammenraufft  - schon beim Abschiedsabend klaffen nach zwei Gläsern Retsina die gleichen Unterschiede und Unstimmigkeiten auf, die man mit allen anderen Menschen auf dieser Welt auch hat. 

 Die sind immer da: Die rüstige Renterin, die sich ziemlich bald zum Maskottchen der Gruppe entwickelt, weil man wegen ihr selber nie der Schlechtese in der Übung ist. Die zwei deutlich übergewichtigen Freundinnen, von denen nach zwei Stunden nur noch eine kommt. Der drahtige Familienvater, der immer gutgelaunt auf seinem Trekkingrad anradelt, auf dem hinten zwei bunte Kinderhelme im Sitz liegen. Er fällt durch völlig unnötiges Nacktausziehen in der Umkleidekabine auf und bringt als einziger seine Frau zum Abschiedsabend beim Griechen mit. Die Streberin, die den Kurs schon zum vierten Mal macht, angeblich weil er ihr „einfach so gut tut.“ In Wirklichkeit fühlt sie sich als die bessere Trainerin und geizt nicht mit aufmunternden Tipps.  

So geht’s los: „Puh, heute war’s aber anstrengend.“-„Ja, letztes Mal habe ich auch schon ganz schön was gespürt im Oberschenkel am Tag danach, hihi!“  

Ewige Diskussionspunkte: Die Luft im Gymnastikraum ist immer so abgestanden. Die Gruppe vom Nachmittag räumt immer die Matten nicht richtig ein, das sehen wir nicht ein, dass wir die wegräumen sollen. Nur eine Umkleide für Männer und Frauen, naja, wir kennen uns ja schon.  

Krisenstimmung: Einer im Kurs ist leider dezidiert ungewaschen oder stöhnt immer laut. Oder aber in der Umkleidekabine ist ein Sweatshirt verschwunden und es kann eigentlich nur jemand vom Kurs „versehentlich“ eingesteckt haben.  

So hört’s auf: „Also, jetzt sind auf der Rechnung immer noch der halbe Liter Rotwein und die Poseidon-Platte offen, wer hatte die denn? Ich zahl die doch jetzt nicht mit, wir sehen uns ja gar nicht mehr. War das die Ingrid? Aber die ist doch schon um neun wieder gegangen.“    




4. Die Mitfahrgelegenheit

Ähnlich wie das Bahnabteil ist so ein Auto eigentlich ein viel zu kleiner Ort, um fünf fremde Leute dauerhaft einzusperren. Noch dazu ist die Situation dadurch verschärft, dass vier der Teilnehmer den fünften bezahlen, der wiederum für die anderen „arbeitet“, also die linke Spur von Kiel nach Köln abfräst und sich weigert, schon wieder eine Pinkelpause zu machen. Wenn die Fahrgäste nach und nach ein- und aussteigen, entsteht zudem ein komplexes Verhältnisse von Lang-und Kurzzeitbekanntschaften und man muss manche Dinge viermal hintereinander erzählen, was zu flächendeckender Ermüdung führt und meistens darin endet, dass der Fahrer einfach das Radio auf seine maximale Lautstärke testet.  

Die sind immer da: Der etwas vierschrötige, wortkarge Fahrer, bei dem man sich bis zum Schluss nicht sicher ist, ob er das Ganze nicht gewerblich betreibt. Der Chaot, der in letzter Minute zugesagt hat, allerdings ohne dabei zu erwähnen, dass diese Mitfahrgelegenheit gleichzeitig sein Umzug ist, und deswegen nicht nur eine gerollte Ikea-Matratze und eine Gitarre, sondern auch drei Reisetaschen plus Schlafsack untergebracht werden müssen. Den Schlafsack bietet er immerhin freigebig als Kissen an, falls jemand pennen möchte. Das nervöse kleine Mädchen, das eigentlich noch schulpflichtig aussieht, angeblich aber schon im zweiten Semester studiert und auf den ungeliebten Mitteplatz verfrachtet wird. Sie liest in ihren Stiudienunterlagen und würde vergessen werden, wenn sie nicht irgendwann mit geschlossenen Augen anfinge zu summen - ihre Methode, gegen eine Panikattacke anzukämpfen.  

So geht’s los: „Bist du Tom nach Augsburg?“  

Ewige Diskussionspunkte: "Benzin wird immer noch teurer. Nein, da klappert nix, das klingt immer so! Ja, ich kann mit meinen Sitz schon noch ein bisschen vorfahren. Soll ich nicht lieber doch mal auf die Karte schauen? Auto lohnt sich für mich einfach nicht, in der Stadt. Der Winter in Deutschland, auf den könnte ich echt verzichten, was, achso ja haha, stimmt mit dem Klimawandel ist es wahrscheinlich bald soweit, haha."

 Krisenstimmung: Die Polizei stellt beim Fahrer strafrechtlich relevante Blutalkoholwerte fest. Der Fahrer hat die Tour überbucht, deswegen müssen vier auf die hintere Sitzreihe. Der Kofferraum ist schon voll, aber es kommen noch zwei.  

So hört’s auf: „Ja dann, ne. Wie gesagt, Mailadresse hab' ich, dann schick ich dir den Namen von der Platte, wenn’s mir wieder einfällt.“    




5. Der Aufzug

Eine der kürzesten Schicksalsgemeinschaften, noch dazu eine, die vertikal durch den Raum schießt, deswegen nicht gerade einfach zu meistern. Am häufigsten ist hier die Notkommunikation in den Disziplinen: Nicken, zu Boden gucken, beim Aussteigen irgendwas nuscheln, das als „Wiedersehen“ gedeutet werden kann. Gehört der Aufzug zu einem Firmengebäude, verwandelt sich sein Boden zudem in ein schlüpfriges Parkett für innerbetriebliche Verbindungen, Animositäten und Karrieren, immer befeuert von den paar Sekunden Laufzeit, die für Anbahnung, Gespräch, Pointe und Verabschiedung zur Verfügung stehen. In Hotelaufzügen wird vorsichthalber von Sprachbarrieren ausgegangen und deswegen meist geschwiegen, richtig menschelnd-unangenehm wird es, wenn der Aufzug zum eigenen Mietshaus gehört und man ihn deshalb meistens mit Nachbarn teilt. Da wird alle Beteiligten dann bewusst, wie wenig man sich um die zwischenmenschlichen Dinge im Haus gekümmert hat und versucht, das mit maximaler Anbiederung und Vertrautheit zu überspielen.

  Die sind immer da: In Hotelaufzügen ein älteres amerikanisches Ehepaar, dem Europa grundsätzlich eher verdächtig ist, wie man an ihren skeptischen Blicken ablesen kann. In der Firma: Einer den man noch nie gesehen hat, obwohl er eine knallrote Krawatte, einen tadellosen Anzug trägt und ein paar Unterlagen unter dem Arm hat. Neuer Chef? Er fährt natürlich höher als man selber. Außerdem die Sekretärin mit dem üblen Raucherhusten, die tatsächlich mit Vorname noch Gisela heißt und seit 14 Jahren nur noch zwischen Cafeteria und großem Aschenbecher beim Hinterausgang pendelt. Im Wohnhaus: Die Verrückte mit dem Hund.  

So geht’s los: „Müssen Sie auch in die Drei? Heiß heute, aber da hinten kommts schon schwarz, was man jetzt gar nicht sieht, da der Aufzug ja keine Fenster hat, haha, jaja so ist das nicht wahr?“  

Ewige Diskussionspunkte: "Hab mir ja eigentlich vorgenommen, öfter mal Treppe zu nehmen wegen Bikinifigur, hihi. Wenn er jetzt stecken bleibt, haben wir wenigstens was zu essen, achso, das ist nur Hundefutter naja, zur Not... . Ja, ich krieg da schon immer ein bisschen Panik, naja, wenn er abstürzt muss man nur zum richtigen Zeitpunkt hüpfen, obwohl, das habe ich neulich bei Galileo gesehen, ...“  

Krisenstimmung: Wenn einer im zweiten Stock zusteigt. Und im dritten auch noch einer. Und im vierten hält er wieder, aber da ist gar niemand, der zusteigt und auch niemand der rauswill, pfui so was. Und im fünften kommt ein Mensch mit einer Bodenreinigungsmaschine und schiebt sich noch rein, nicht ohne allen anderen mit feuchten kalten Bodenlappen über die Schuhe zu wischen.  

So hört’s auf: „Wiederhören, äh, sehen mein ich.“

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