Wer hat die Deutungshoheit geklaut?

Eine FAZ-Autorin wettert, alles, was in deutschen Blogs noch zähle, seien Ironie und Schockeffekt. Ein Blogger hat darauf geantwortet und eine interessante Frage aufgeworfen: Seit wann haben Blogs offiziellen Ansprüchen zu genügen?
mercedes-lauenstein

Bloggen, das ist Tagebuchschreiben im Internet. So hätte man es vielleicht vor einem guten Jahrzehnt noch definiert. Ein tolles Hobby für jedermann, mehr aber auch nicht. Mittlerweile gibt es neben unzähligen privat betriebenen Hobby-Blogs auch unzählige seriöse, gut verdienende oder zumindest reichweitenstarke Blogs. Ein Blog kann heute alles sein: Eine an den großen Namen einer Zeitung gebundende Autorenkolumne, ein Satiremagazin, ein investigatives Rechercheformat, ein erfolgreiches Geschäftsmodell oder eben das von weniger als 15 Leuten am Tag gelesene Tagebuch einer Lehrerin in Brandenburg. Eine Pauschaldefinition des „Blogs“ kann nur scheitern. Trotzdem sind in den vergangenen Tagen zwei Texte erschienen, die die Debatte rund um Sinn und Auftrag von Blogs neu entfacht haben.

Die FAZ-Autorin Hannah Lühmann formuliert in ihrem Artikel „Die Ironie macht alle gleich“ die These, junge, deutsche, popkulturelle Blogs wie Amy&Pink, Schlecky Silberstein oder Kraftfuttermischwerk nähmen sich zunehmend ein Beispiel an der Ton- und Themenwahl des Vice-Magazins: Sex, Computernerdkram, Katzen- und Tittenbildchen, Modetrends. Dazu Berichte über die Gewaltregimes und Krisengebiete dieser Welt – bei Vice hautnah von Reportern recherchiert, bei anderen Blogs eher aus dem Lehnstuhl verfasst oder gleich abgeschrieben. Und all das versehen mit reißerisch klickpotenten Überschriften. Alles in allem ein Weltbild, das „zwischen Dauerlangweile und permanenter Erregung“ schwankt - so formuliert es Lühmann. „Trash“ als Jugendkonsens.

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Illustration: Julia Schubert


Im Internet gibt es viel Blabla. Naja, und? Muss ja nur der lesen, den es interessiert, oder?

Am Mittwoch nun antworte der Blogger Ronny von Kraftfuttermischwerk in einem Blogpost auf Lühmanns Artikel. Sein Hauptanliegen: Das Unverständnis darüber, wieso er in ihrer Auflistung angeblicher Vice-Jünger-Blogs auftauche. Er sei Sozialarbeiter, arbeite mit Kindern und Heranwachsenden, Menschen also, über die Lühmann und ihre Kollegen lediglich mal schrieben. Dieses Blog, das er da führe, das sei sein Hobby, mehr nicht. Das Vice-Magazin habe er nicht einmal in seinem Reader und auch, wenn er einiges von Vice interessant finde, finde er genauso vieles auch überflüssig. Vor allem aber sei es ihm eigentlich auch egal, ob irgendjemand irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen irgendwelchen Blogs sehe, denn:

„Vice hin oder her. Fick die Redaktion. Ich mache das für mich und für jene, die das lesen und das hören wollen. (...) Kurzum: mir ist egal, was Journalismus so macht, ich will keinen machen. Ich will bloggen, ich will das bei mir sammeln, was mich täglich so anmacht; Punkt. Weil: so sind Blogs eben. Vielleicht hätte das in der Redaktion auch einfach mal wer erwähnen können.“

Er schreibt auch einige Absätze dazu, dass er seine Abos großer Magazine oder Zeitungen längst aufgegeben habe, da er im Netz nämlich nicht nur oft Aktuelleres finde, sondern sich dort auch genau das Medien-Menü zusammenstellen könne, das ihm gefalle.

Auf Twitter wird das Hin- und Her der beiden Texte derzeit diskutiert. Und es beinhalten ja tatsächlich beide Texte spannende Aspekte: Lühmann hat mit dem, was sie über diese grundironische, irgendwie wohlstandsverwöhnte und deshalb wahrscheinlich tatsächlich ab und zu etwas gelangweilte und erregungssüchtige Generation schreibt, nicht Unrecht, wenn auch sie viele Aspekte sicherlich zu einseitig betrachtet und auch die Inhalte der von ihr beispielhaft genannten deutschen Blogs nur wenig differenziert ausführt. Was Ronny von Kraftfuttermischwerk hingegen schreibt, ist aber mindestens genau so nachvollziehbar: Er hatte nie den Anspruch, sich mit Zeitungen zu messen und versteht nun nicht, wieso er innerhalb einer Art Journalismusdebatte jetzt vorgeführt wird. Er gibt ein kleines, lustiges Magazinlein raus, das er allein bestimmt und befüllt und das die Leser hat, die es verdient: Nämlich die, es anklicken. Und damit müsste die Diskussion beendet sein.

Ist sie aber nicht.

Denn der Unmut von Lühmann kommt ja nicht aus dem Nichts. Er macht ein großes Problem der seriösen Zeitungsbranche sichtbar, das die Redaktionen seit Längerem quält: Dass die Trennlinie zwischen traditionellem Journalismus und DIY-Schreiberei immer mehr verwischt. Auch die Redaktionen wissen, dass im Wust des Netzes nur der besteht, der Aufmerksamkeit erregt, und das heißt: der irgendwie „krass“ ist, reißerisch titelt, oder einen schnellen, guten Witz reißt. Die Onlineausgaben der Zeitungen müssen sich diesem Gesetz, ob sie wollen oder nicht, fügen. Weil sie sonst zwischen Tierbildchen, Drogenskandalen und Sexwitzen untergehen. Dass sie das wütend macht und frustriert, ist verständlich. Weil es mit ihren Qualitätsmaßstäben kollidiert. Während Ronny als Hobbyblogger auf die Maßstäbe des Journalismus scheißen können will, wollen die Redaktionen darauf scheißen können, dass lustige Blogs mit reißerischen Überschriften ihnen junge, wertvolle Leser klauen. Und schleichend den Maßstab dafür setzen, wie im Netz derzeit und wahrscheinlich auch in Zukunft gelesen wird.

Und das ist ein Problem, das überhaupt nichts damit zu tun hat, dass Ronny ein blöder Blogger oder Hannah Lühmann eine schlechte Journalistin sein könnte. Sondern damit, dass offensichtlich noch immer keiner weiß, wie der Kulturbetrieb im Netz wieder ins Gleichgewicht gerät. Und wem aus der Medienlandschaft denn nun die Deutungshoheit zugeschrieben werden sollte - falls die sich als Konzept nicht sowieso längst selbst überlebt hat.



Text: mercedes-lauenstein - Illustration: Sandra Langecker

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