Wer hat was zu sagen? Besuch bei der Erzählkonferenz.

Wer redet, sollte etwas zu erzählen haben. Und wer zuhört, sollte etwas gesagt bekommen. Bei der Erzählkonferenz interestingberlin kamen Redner und Zuhörer zusammen – die Aufgabenverteilung war also klar und jetzt.de dabei.
daniel-schieferdecker

Am Wochenende fand in einem alten Brauereigebäude in der Bundeshauptstadt "interestingberlin" statt. Ins Leben gerufen wurde die Erzählkonferenz vom Engländer Russel Davies, dessen Konzept seit seiner Londoner Premiere 2007 bereits Nachahmer in New York, Sydney und Amsterdam gefunden hat und nun erstmals in Berlin über die Bühne ging. Der Grundgedanke ist simpel: Einige interessierte Menschen reden 5 oder 15 Minuten über ein Thema ihrer Wahl und wiederum andere interessierte Menschen hören genauso lange zu. Zwischen 17 und 22 Uhr sprachen so mehr als zwanzig Personen über so unterschiedliche Dinge wie Tankstellen, schwarze Schwäne, optische Täuschungen oder Bakterien.

Und genau hier liegt der erste Problemhund begraben. Denn so gut die Idee prinzipiell auch sein mag, für einige Minuten die ungeteilte Aufmerksamkeit einer wohlwollende Zuhörerschaft für ein Herzensthema geschenkt zu bekommen, so groß auch die Verantwortung, diesen Menschen tatsächlich etwas Erzählenswertes auftischen zu können. Leider ist dieser Verantwortung aber nicht jedermann gewachsen, sodass zuallererst einmal die Erkenntnis bleibt, dass die Interessenlagen so verschieden sind wie die Sujets der Redner selbst, sprich: Was man selbst ungeheuer spannend findet, löst bei manch anderem anhaltenden Sekundenschlaf aus. Kompensiert werden kann das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen natürlich durch die Redegewandtheit des Referenten. Wenn der es schafft, sein Publikum einzubinden, einen spontanen Gag aus dem Ärmel schüttelt oder sich einfach ein wenig vorbereitet hat, kann man damit durchaus über thematische Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Doch wie man in Schule, Uni und Berufsleben häufig genug erleben musste, sind solche Gaben nicht jedem in die Wiege gelegt worden. Oder anders formuliert: Der sprachlich Versierte kann selbst eine fünfminütige Laudatio über ein Thema wie Erdbeermarmelade zum verbalen Feuerwerk der guten Laune umfunktionieren, während ein sprachlich zwar wohl formulierter, aber im Stile einer Predigt monoton und lieblos vorgelesener Text über Vorhersehungen plötzlich so spritzig wirkt wie eine drei Tage alte Urinprobe. Viel interessanter als die Vorträge selbst war die Tatsache, dass sich eine durchaus ansehnliche Zahl aufgeschlossener Menschen zusammengefunden und gemeinsam Interesse am gemeinsamen Interesse gezeigt hat – auch das ist, gerade in einer Stadt wie Berlin mit seinen unendlichen Abendgestaltungsmöglichkeiten, alles andere als eine Selbstverständlichkeit. So bleibt am Ende vor allem die Erkenntnis, dass die Idee, interessierte Leute zusammenzubringen, ihnen ohne kommerziellen Hintergedanken ein Forum für Wissensvermittlung- und aufnahme zu bieten und sie im Zuge dessen über neue und unbekannte Dinge nachdenken zu lassen, ohne Frage eine gute ist. Doch letztlich steht und fällt das Ganze mit der Fähigkeit der Referenten, nicht nur das Wort zu ergreifen, sondern ihrem Publikum dieses Wort auch begreiflich zu machen, und zwar auf spannende, unterhaltsame und – im Sinne des Titels der Veranstaltung – interessante Art und Weise. Denn nicht jeder, der sprechen kann, hat auch zwangsläufig etwas zu sagen.

Text: daniel-schieferdecker - Illustration: katharina-bitzl

  • teilen
  • schließen