Wer ist diese Frau?

Die US-Regierung bebildertedie Webseite zur Krankenversicherung mit einer lächelnden Frau. Das "Obamacare Girl" wurde zur Projektionsfläche der Bürgerwut. Eine Geschichte in fünf Punkten.
nadja-schlueter

1. Hier können Sie sich anmelden! Ach nee, doch nicht.

Die Geschichte des Obamacare-Mädchens ist eigentlich die Geschichte einer viel diskutierten Reform. Wir erinnern uns: „Obamacare“ heißt eigentlich „Patient Protection and Affordable Care Act“ und ist das Herzstück der Politik von US-Präsident Barack Obama. Das Gesetz soll den US-Bürgern den Zugang zur Krankenversicherung erleichtern. Kürzlich hat die Tea Party versucht, Obamacare zu blockieren: Man werde dem Haushalt des Landes nur zustimmen, wenn alle Ausgaben für die Reform daraus gestrichen würden. Der Senat und Präsident Obama lehnten das ab. Daraufhin kam es zum Government Shutdown und das öffentliche Leben der USA lag vom 30. September an fast drei Wochen lang lahm.

Am 1. Oktober sollte trotz des Shutdowns auf der Webseite healthcare.gov die Registrierung für Versicherungswillige starten. Aber die Seite war ständig überlastet und stürzte immer wieder ab. Und hier kommt das Obamacare Girl ins Spiel: Während die Nutzer vorm Computer saßen und darauf warteten, dass es mit ihrer Registrierung weiterging, strahlte sie eine junge Frau an. Einwandfreies Gebiss, reine Haut, brünett, unaufdringlich frisiert, geschminkt und beschmuckt und ethnisch nicht zuzuordnen. Eine Frau also, in der ein bisschen von jeder Amerikanerin stecken könnte. Weil sie auf der healthcare.gov-Startseite so prominent platziert war, tauchte sie immer wieder in der Berichterstattung zum fehlerhaften Start der Registrierung auf. Hinter sämtlichen Nachrichtensprechern und über vielen Artikeln zum Thema sah man sie, neben ihr der Schriftzug „The Health Insurance Marketplace is Open!“ Twitter-User @DesnoyersG schrieb voller Mitleid: „That poor girl on healthcare.gov. she's plastered all over the web as being the yes-I'm-smiling-but-this-web-site-doesn't-work-girl“

2. Das Ventil

Klar, die Amerikaner sind genervt vom Obamacare-Fehlstart: Erst hat es so lange gedauert, das ganze durchzubringen, und jetzt funktioniert nicht mal diese läppische Webseite! Für viele ist das Obamacare-Mädchen da ein willkommenes Ventil. Sie ist die anonyme Frau, auf die aller Ärger projiziert wird und steht sinnbildlich für die gut gemeinte, aber ständig an irgendwas scheiternde Idee einer staatlich geförderten Krankenversicherung. Der Hashtag #Obamacare trendet seit Tagen auf Twitter, in vielen Tweets dazu geht es um das „Obamacare Girl“ (für das komischerweise niemand einen eigenen Hashtag etabliert hat). Darin steht dann „The Face of Failure“ oder „Congrats, vapidly smiling Healthcare.gov splash page stock photo girl! You're now the most despised face on planet Earth“  oder „I really would not want to be the girl in the stock-photo for the Obamacare website right now.“ Natürlich hat sie mittlerweile auch einen eigenen Twitter-Account (der aber weder besonders aktiv ist noch besonders viele Follower hat). Sogar der Ansatz eines Memes hat sich entwickelt: Das Satire-Magazin „The Onion“ veröffentliche ein Bild, auf dem das Gesicht des Models so verändert wurde, dass es panisch aussieht, auf einem Bild wurde der Original-Schriftzug neben dem Gesicht der Frau in „You’re never going to get health insurance“ geändert.

Panisches Obamacare Girl auf der Webseite von "The Onion"

3. Auf der Suche nach Obamacare Girl – Teil 1

Neben den Witzleien versuchten die Menschen vor allem herauszufinden, wer genau diese lächelnde Frau, „the enigmatic Mona Lisa of Health Care“ (CNN), ist. Zahlreiche Webseiten, Blogs und Twitter-User stellten die Frage nach ihrer Identität: Wie heißt sie? Wo kommt sie her? Wie ist sie auf diese Webseite geraten? Oder gibt es sie am Ende gar nicht und sie ist ein reines Photoshop-Produkt?

 

Die Frage, warum genau die Medienwelt so aufgeregt nach ihr suchte, stellte fast niemand (oder zumindest stellte sie niemand laut genug). Darum weiß auch niemand, was man sich davon verspricht, wenn man sie findet. Man könnte sie „Wie fühlst du dich damit?“ fragen. Und eine Homestory erzählen, die überhaupt nichts mit dem amerikanischen Gesundheitssystem zu tun hätte. Egal, sie muss einfach dringend gefunden werden! Buzzfeed hat mal bei den „Centers for Medicare & Medicaid Services“ (CMS), der staatlichen Agentur für Krankenversicherungen, nachgefragt. Deren Sprecher Richard Olague hat zumindest verraten, dass es die Frau wirklich gibt und sie nicht nur ein zufälliges Stockphoto-Model ist: “The woman featured on the website signed a release for us to use the photo, but to protect her privacy, we will not share her personal or contact info with anyone.”

 

Einige glaubten, sie erkannt zu haben. So gab es zum Beispiel das Gerücht, sie sei die Schwester einer Mitarbeiterin im Department of Health and Human Services (HSS), dem amerikanischen Gesundheitsministerium, die schon einmal auf einem Foto für die Reform geworben hatte. Das wurde aber dementiert. Nachdem Buzzfeed den File-Namen des Fotos („Adriana“) herausgefunden hatte, wurde nach einer Frau mit gleichem Namen gesucht und einige ähnlich aussehende Adrianas, die irgendwo schon mal gemodelt hatten, kamen ins Spiel. Aber überall: Fehlanzeige. Das Obamacare-Mädchen blieb unauffindbar.

CNN widmete ihr einen zweieinhalbminütigen Suchaufruf mit der Bitte um einen Anruf, falls irgendjemand sie gesehen habe. „Have you seen the mystery girl?“, fragte die Reporterin Jeanne Moos ihre Zuschauer, „she’s not missing but she is almost impossible to miss!“

 

4. Auf der Suche nach Obamacare Girl – Teil 2

Das hat sich jetzt geändert: Seit gestern wird das Obamacare-Mädchen tatsächlich vermisst! Wahrscheinlich war der Agentur der Medienrummel zu groß und darum hat sie Adriana durch niedliche kleine Symbole ersetzt, die Tipps geben, wie man sich anmelden kann (über die Webseite, per Telefon, per E-Mail oder: sich erstmal Hilfe suchen). In den letzten Stunden fiel auf Twitter extrem oft der Satz „The Obamacare Girl has gone missing“, eine Gruppe von Repubikanern hat sich die Mühe gemacht, die in den USA übliche Milchkarton-Suchanzeige zu designen und CNN hat den Suchaufruf aktualisiert. Wieder überschlagen sich haufenweise Nachrichtenseiten und Blogs und alle wollen noch viel dringender herausfinden, wer diese Frau ist – und wo zum Teufel sie jetzt steckt. Interessanterweise sind auch die anderen Gesichter, mit denen healthcare.gov illustriert war, von der Seite verschwunden und durch Icons ersetzt werden. Anscheinend soll niemand mehr persänlich mit Obamacare in Verbindung gebracht werden. Die Wut soll vermutlich die treffen, die verantwortlich sind: Präsident Obama zum Beispiel. Oder seine Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius.

 

Vorher - nachher: Das Obamacare Girl wurde durch Symbole ersetzt

 

5. Kein Ende in Sicht

Das Obamacare-Girl ist eine Projektionsfläche für den ganzen Gesundheitssystem-Ärger der vergangenen Jahre. Und die Suche nach ihr wohl eine Übersprungshandlung, weil man ansonsten hilflos vor der überlasteten Webseite säße. Jeder weiß, wie frustrierend das ist. Obama, vermutet Twitter-Nutzer @jowahawkblog, freut sich vermutlich über das Chaos: "As long as nobody remembers the face of the person actually responsible! Obama thanks Stock Photo Girl for her service."  Bis die Seite reibungslos läuft (was für Ende November geplant ist), wird das Obamacare-Mädchen sicher ein Thema bleiben. Und wer weiß, vielleicht findet ja doch noch jemand heraus, wer sie ist . Und fragt sie: "Wie geht es dir damit?"

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