Wer schreibt den großen Internet-Roman?

Den großen Wenderoman gibt es jetzt. Wird es nicht Zeit für den großen Roman der sozialen Netzwerke? Ein Aufruf - gemeinsam mit den "Davoser Blättern" von 1912
peter-wagner

Kann man eines Morgens aufwachen und die Beschreibung der Zeit vermissen, in der man lebte? Vielleicht kommt sowas mit dem Alter. Gut fünfzehn Jahre warteten viele Literaturkritiker auf einen "Wenderoman" zur sehr neuen deutschen Geschichte. Jedes Buch, das in den 90ern und Anfang des Jahrtausends aus einer ostdeutschen Schreibstube den Weg in den Buchhandel fand, wurde deshalb mit allen Tomographen des Literaturbetriebs durchröntgt. Ingo Schulze und Thomas Brussig waren angeblich ganz gute Beschreiber der Wiedervereinigungszeit von DDR und Bundesrepublik - und doch waren die Doktoren aus den Feuilletons nicht zufrieden. Immer fehlte etwas. Bis sie im vergangenen Jahr den sehr unterschiedlich gekleideten Uwe Tellkamp mit seiner Romanwalze "Der Turm" bekamen. Glückwunsch. Menschen leben eigentlich nur doof an einem Zeitstrahl entlang und bleiben, wenn es dumm kommt, bedeutungslos, so im Großen und Ganzen. Da tut es manchmal ganz gut, wenn jemand die Tastatur hernimmt und mit einem Roman eine Klammer um einen bestimmten gemeinsam erlebten Zeitabschnitt setzt. In so einem Buch über eine Epoche kann man zum Beispiel ein ganzes Jahrzehnt deuten und die darin herrschenden Stimmungen oder typische Dialoge oder den Inhalt von Einkaufskörben dieser Zeit zu einer schönen Geschichte verarbeiten. Im guten Fall finden die Leser etwas aus ihrem eigenen Leben in dem Buch wieder. Im besten Fall lernen sie aus solchen großen Romanen, wie sie wurden, was sie sind. Als am 27. Januar des Jahres 1912 in Davos wieder die Davoser Blätter erscheinen, schreibt darin ein verwunderter Journalist. Davos ist zu der Zeit ein gut besuchter Luftkurort mit reichen Gästen. Die Kurgäste lesen die Davoser Blätter, unter anderem, weil darin regelmäßig die Namen der aktuell ansässigen Kurgäste veröffentlicht sind. Ein Tratschblatt, auch. In der Nummer vom 27. Januar also schreibt Oskar Trier einen Aufsatz, in dem es ihn nach dem verlangt, was sich die deutschen Literaturkritiker schon für die Neunziger wünschten: nach einem Buch. Trier fragt nach einem Schilderer seines Ortes, seiner damaligen Zeit. Er sehnt sich nach einem Menschen, der in der Lage ist, Situationen und Gespräche und vielleicht auch das Wetter in Sätze zu formen, die alle Information in sich tragen - auch wenn sie formal nicht alle Information in sich tragen. Liest man Triers Text, kann man auf einen Gedanken verfallen: Braucht die Welt der Communites und Netzwerke nicht endlich auch eine große Erzählerin oder einen großen Erzähler? Nicht nur Journalisten, die sich für die Recherche mal eben anmelden und die sich in ihren Texten dann ganz bürgerlich über die neue Virtualität von Freundschaft wundern. Braucht es nicht einen Menschen, der ins Herz des Internets taucht, sich unterwegs sehr viele Fragen stellt und Kontakte pflegt und aufnimmt und erst danach: schreibt? Das Interessante ist, dass man ganz gut mit den Worten von Oskar Trier nach jemand fragen kann, die oder der diese Stellenbeschreibung füllt. Wir versuchen es an dieser Stelle und ersetzen in Triers Text lediglich das Wort Davos mit Facebook: Es ist merkwürdig, daß dieser eigenartige Ort […] und das denkwürdige Leben seiner schlichten Bewohner und seiner interessanten, aus allen Weltteilen stammenden, alle Sprachen sprechenden Gäste noch keinen wirklich großen Schilderer gefunden hat. Die Aufgabe wäre doch verlockend und auch dankbar genug; sie ist allerdings auch schwer und setzt viele Eigenschaften bei dem, der sich ihr unterziehen wollte, voraus. Es ist kaum denkbar, dass ein Gesunder nur aus einer oberflächlichen Anschauung heraus Facebook kennen lernen, verstehen und ihm ganz gerecht werden kann. Es bliebe also nur die Lösung übrig, dass ein Kranker diese Lücke in der Romanliteratur der Gegenwart ausfüllte. Aber die Aufgabe erfordert eine Zolasche Schilderungswut einerseits, und derartig begabte Leute sind an sich selten, und andererseits stehen sie viel zu sehr unter dem Eindruck ihres Leidens, um darüber nüchtern und objektiv, wie es ein guter Romancier tun muß, sprechen zu können. Auf diese Weise wird wohl der große Facebook-Roman noch eine zeitlang auf sich warten lassen. Fühlst du dich berufen? Oder weißt du, wer das machen könnte? P.S. Den Originalwortlaut des zitierten Textes, von dem wir unten einen Ausschnitt zeigen, liest du im Band zum Zauberberg-Symposium 1994 in Davos. Denn Trier bekam, was er wollte: Zwölf Jahre nach seinem Leitartikel erschien Thomas Manns "Der Zauberg", der in einem Tuberkulose-Sanatorium nahe Davos spielt. Ob der Text in den Davoser Blättern der Auslöser war, weiß man nicht. Möglich wär's: Manns Frau Katia war 1912 im Waldsanatorium von Davos untergebracht und beschrieb ihrem Mann in Briefen, wie es dort zugeht. Oskar Triers Text in den Davoser Blättern:



Text: peter-wagner - Abbildung: Screenshot

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