Wie die Erkenntnis gerinnt

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 Heute morgen nach dem Aufstehen saß ich mit der Zahnbürste im Mundwinkel vor dem Computer, überflog als erstes meinen Facebook-Stream und wunderte mich. So viele Kim-Jong-Il-Witze! Hatten jetzt etwa auch die Letzten den Kim-Jong-Il-looking-at-things-Tumblr entdeckt? Oder, dämmerte es mir nach dem dritten, vierten Post, war etwa etwas passiert? "Kim Jong Il is not looking at things anymore", schrieb jemand. Dann habe ich doch mal auf Spiegel Online nachgesehen. Tot ist er also. Schon wieder habe ich von den Nachricht des Tages auf diesem seltsamen Weg erfahren. Viel Aufhebens ist um die neue Nachrichten-Phänomenologie des So-habe-ich's-Erfahren gemacht worden: Im Himalaya-Basislager lesen wir auf dem Smartphone, dass Michael Jackson gestorben ist, und nachts bei Twitter vom Tode Steve Jobs', noch bevor die großen Nachrichtenseiten die Meldung auf der Startseite haben. Das ist aber nur die eine Seite der modernen Nachrichtenrezeption, so sieht sie von vorne aus. Wie die sozialen Netzwerke das So-habe-ich's-Erfahren verändern, sieht man aber vielleicht erst von hinten so richtig, wenn man ein bisschen zu spät ist und noch den Zahnpastaschaum im Mund hat. "Im Internet scheint es nur noch eine Reaktion zum Zeitgeschehen zu geben: den Kalauer", schrieb Andreas Bernard in einem sehr lesenswerten Text im SZ-Magazin. "Und so werden die Hauptnachrichten auch in Zukunft innerhalb von Minuten einen Niederschlag an mehr oder wenigen lustigen Wortspielen im Netz hervorrufen." Ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Evolution einer Nachricht ersetzt der Witz die Nachricht sogar ganz. Man sieht das Nachrichtenfeuer vor lauter Statusupdate-Rauch gar nicht mehr. Wer dann seinen Facebookstream, Twitter oder den Skype-Gruppenchat aus Gewohnheit überfliegt, bevor er sich woanders informiert hat, wer also von hinten nach vorne liest, und bei den Witzen und Kommentarkommentaren anfängt, bei dem sickert die Erkenntnis langsam durch, fast fühlbar, bis zu dem Moment, in dem man alle Puzzlestücke zusammengesetzt hat. Und merkt: Ach, es ist wohl etwas passiert. Lieber schnell mal in die echten Nachrichten gucken. Die Änderungen der Nachrichtenrezeption, die die Vernetzung mit sich bringt, ist nämlich nicht einfach linear, nicht bloß "schneller mehr Information". Sie ist komplex und anarchisch. Vielleicht trägt die Art, auf die ich vom Tod des "Geliebten Führers" erfahren habe, deswegen genauso viel 21. Jahrhundert in sich wie die Smartphones im Himalaya: Ich bin der Nachricht nicht entkommen, aber sie kam auch nicht einfach schnell und direkt zu mir, sondern indirekt und auf Umwegen, erschlossen vom Witzkommentar zurück auf den Anlass, vom Rauch aufs Feuer. Entgehen konnte sie mir aber auch nicht, weil in einer vernetzen Welt die wichtigen Dinge immer irgendwie hochblubbern, egal, welchen Teil der Nachrichtenoberfläche man betrachtet. Nur dass es eine kurze Zeit und ein bisschen Grübelei braucht, bis man die Blasen auf dem Informationssee richtig eingeordnet hat.

Es ist wie in der Schlusssequenz des Films "Eiskalte Engel", deren medientheoretische Bedeutung bisher noch nicht genug gewürdigt wurde: Wir Nutzer der sozialen Medien sitzen in einer Kirche bei einer Trauerfeier, und während vorne noch jemand spricht, kommt Gemurmel auf, manche rennen raus, wir schnappen ein paar Wörter auf, Kommentare, Kommentare zu Kommentaren, und merken langsam, aber sicher, dass etwas passiert ist. Bis wir am Ende selbst hinauslaufen, uns vor der Kirche jemand die Neuigkeiten schwarz auf weiß in die Hand drückt und wir dann auch wissen, was genau eigentlich los ist.

Das Schöne daran: Das Gerede vom Informations-Overkill ist eben nicht die ganze Wahrheit. Wir werden nicht nur den ganzen Tag mit purem, anonymen, kalten Nachrichtengut beschossen, das wir gar nicht mehr verarbeiten können. Manchmal ist das Gegenteil der Fall:  Das Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Gestochene der Social-Media-Informationsübertragung gibt dem Nutzer das fast verloren geglaubte Gefühl für die Nachricht zurück: Man kann spüren, wie die Erkenntnis gerinnt. Zumindest solange wir manchmal zu spät kommen, weil wir noch zum Zähneputzen im Bad waren, und dann zuerst nur wissen: Kim Jong Il is not looking at things anymore.

 
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