Wie es ist, süchtig nach Sex-Filmen aus dem Web zu sein

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Dr. Carsten B. ist sicher kein typischer Fall. Der 34-jährige Psychiater arbeitet in einer Dortmunder Klinik mit Suchtkranken. Er kennt viele Drogen. Und er hat viele von ihnen selbst ausprobiert. Haschisch, Kokain und Ecstasy sowieso, allerhand Medikamente, sogar Heroin. Einige Mittel nahm er als Jugendlicher aus Leichtsinn, manche später aus professionellem Interesse. Andere einfach, weil sie ihm gefielen. Aber süchtig war er nie, sagt er. Nur mit dem Internet hatte er so seine Probleme. Carsten B. brauchte Pornos, jeden Tag. Um sein Sexleben hat der junge Arzt sich nie Sorgen gemacht. Er sieht nicht so aus, wie man sich einen Internetjunkie vorstellt. Sein Teint ist sonnenbraun, seine braunen Haare hat er ganz modisch über seine Stirn modelliert. Carsten B. hatte eine hübsche Freundin. Als sie ihn vor einem Jahr verließ, begann er sich Gedanken zu machen. Die Beziehung scheiterte nicht allein an seiner Internetsucht. Aber vielleicht hätte sie noch etwas länger gehalten, wenn Carsten B. nicht die Lust am Sex mit seiner Freundin verloren hätte. Carsten B. ist nicht allein mit seinem Problem: Drei bis fünf Prozent aller Internetnutzer sind nach Schätzungen der Berliner Humboldt-Universität onlinesüchtig. Die Daten sind acht Jahre alt, aber es sind die aktuellsten. Gabriele Farke, Vorsitzende des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige (HSO 2007), glaubt, „dass diese Zahl längst nicht den Kern trifft, denn die Dunkelziffer ist immens hoch“.

Illustration: Daniela Pass Die 51-Jährige berät seit 1996 Menschen, deren Onlineverbindung für ihr Leben wichtiger geworden ist, als ihnen lieb ist. Früher saß sie selbst tagelang vor dem Bildschirm, ohne es eigentlich zu müssen. Auch sie war süchtig. Aber sie schaffte den Absprung, schrieb mehrere Bücher über das Thema. Und sie betreibt die Internetseite www.onlinesucht.de. Anfang des Jahres entstand daraus der Verein HSO. Es hatte ihn schon einmal gegeben, von 1999 bis 2001. Dann ruhte er über Jahre, obwohl es nach Angaben von Gabriele Farke mehr als 10.000 Hilferufe gab. Aber Onlinesucht galt damals nicht als Krankheit. Bis heute hat sich daran nichts geändert, zumindest auf dem Papier. 80 Prozent haben eine depressive Störung Internetabhängigkeit ist ein kompliziertes Leiden, die Sucht nach Cybersex nur eine seiner Ausprägungen. Über die Ursachen sind sich die Mediziner nicht einig. In jedem Fall gibt es nicht nur eine Ursache, sondern mehrere mögliche. Und nicht immer ist Onanie am Bildschirm die Befriedigung eines sexuellen Bedürfnisses. "Paradoxerweise sind viele Betroffene gar nicht am Sex interessiert“, sagt der Berliner Psychiater Werner Platz. Es gehe um einen Befriedigungsersatz, die Suche nach Nähe. Werner Platz unterscheidet zwischen Online-Sexsüchtigen mit einer Depression, mit einer Persönlichkeitsstörung und solchen mit einer Störung der Sexualpräferenz. Er drängt darauf, die Internet-Sexsucht als psychische Störung zu klassifizieren. Der Arzt Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat in einer Studie Hinweise darauf gefunden, dass hinter der Online-Sexsucht mehr steckt als pure Lust. In einer Untersuchung mit 23 Internetsüchtigen fand er heraus, dass 80 Prozent von ihnen schon vor ihrer Sucht unter einer depressiven Störung litten. Auch die Zahl der Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen bei den Probanden war überdurchschnittlich hoch. Für Carsten B. war die schnelle Befriedigung im Internet eine Frage der Verfügbarkeit. Der Sex war schnell, einfach, unkompliziert und unabhängig von der Stimmung seiner Freundin. „Wenn ich Lust hatte, hab ich den PC hochgefahren. Wenn ich fertig war, habe ich ihn wieder ausgestellt“, sagt er. In seiner Schublade stapelten sich zeitweise Dutzende DVDs mit kleinen Filmen, oft nur sekundenlange Szenen. Viele davon schaute er sich kaum mehr als einmal an. Dann waren sie abgenutzt. Dann begann die Suche nach neuem Material. Manchmal vergingen mehrere Stunden, bis wieder genügend neue Szenen für eine neue Dosis auf der Festplatte lagen. Und plötzlich steht die Freundin hinter dir: Wie sich die Beziehung von Carsten B. entwickelte, nachdem seine Freundin seine Sucht entdeckte. Auf der nächsten Seite.


Als seine Freundin ihn mit offener Hose vor dem Laptop erwischte, brach zwischen den beiden „eine kleine Eiszeit“ aus. Sie reagierte verständnislos und sah sich in Konkurrenz zu den Frauen auf dem Monitor. Er verstand ihre Aufregung nicht. Statt Sex hatten die beiden irgendwann nur noch Streit. In manchen Beziehungen sind Internetpornos ein Dauerthema. Auf der Internetseite www.onlinesucht.de schildern Betroffene ihr Schicksal. Eine Ehefrau beschreibt, wie sie über Jahre erfolglos versuchte, ihrem Mann seine Obsession auszutreiben, wie sie das Höschen einer Online-Sexpartnerin bei ihrem Mann fand – sie hatte es ihm per Post geschickt. Die Frau erzählt auch, wie sie die Verzweiflung fast in den Selbstmord getrieben hätte. Ein 34-jähriger Familienvater schreibt, wie er im Büro darauf wartete, dass die Arbeitskollegen verschwinden, um dann vor dem Bildschirm zu onanieren. Auch dieser Mann offenbarte sich seiner Frau. Seine Ehe liege durch seine „ständigen Eskapaden“ am Boden. Soziale Isolation durch Pornos Andere Betroffene fühlen sich wie gelähmt. Ein anonymer Student stellt dar, wie seine Sucht sein Leben stillgelegt hat: "Schreibarbeiten für die Uni kann ich nicht mehr bewerkstelligen, ich bin ja damit auf einen Computer angewiesen. Ich bin in einer Endlosschleife.“ Auch wenn nicht klar ist, ob die Berichte authentisch sind - das Dilemma, in dem die Abhängigen stecken, ist meistens identisch: Ein Benutzer mit dem Pseudonym tobemasterdope drückt es so aus: „Die ganze Zeit sucht man nach dem perfekten Porno, dem perfekten Bild, aber es existiert nicht.“ Die permanente Suche hinterlässt Spuren: Essstörungen, Haltungsschäden, Sehschäden oder Depressionen. Typischer seien jedoch die psychischen Schäden. „Es entsteht soziale Isolation, die damit beginnt, dass der Betroffene sich seiner Familie entzieht, seinen Freunden, letztlich vielleicht sogar seinem Arbeitsplatz.“ Onlinesüchtige verlieren nach Jahren im Internet in vielen Fällen ein fest gefügtes soziales Umfeld. Sie müssten „wie ein Kleinkind wieder lernen, sich unter Menschen zu bewegen und mit ihnen zu kommunizieren“, sagt Gabriele Farke. Carsten B. hat rechtzeitig aufgehört. Er verzichtet seit der Trennung von seiner Freundin ganz auf Pornos. Wie sehr die Abhängigkeit ihn im Griff hatte, merkte er erst, als er sich von den DVDs in seiner Schublade trennen wollte. Erst stellte er sie in den Keller. Dann trug er sich mehrfach mit dem Gedanken, sie wieder zurückzuholen. Sauber fühlt er sich erst, seit er den ganzen Haufen in den Müll geworfen hat. Im Internet ist er seitdem nur noch selten. Vielen anderen gegenüber hat er zwei Vorteile. Während der Arbeit kommt er nicht in Versuchung. Und er ist noch jung. Ältere Abhängige und solche, die beruflich mit dem Internet zu tun haben, stehen vor einer größeren Herausforderung. Sie haben besondere Probleme, die alten Verhaltensmuster abzulegen. Ein Patenrezept hat Gabriele Farke für niemanden. Sie rät in jedem Fall zu einer Beratung. „Bei Onlinesüchtigen hat es sich bewährt, eine kontrollierende Person oder Instanz hinzuzuziehen, wenn man sein Verhalten ändern möchte“, sagt sie. Außerdem müsse man das Problem „gründlich beleuchten“, um zu verschiedenen Lösungsansätzen zu kommen. In der Beratung würden Wochenpläne erstellt. Es werde mit Bestrafungen gearbeitet. Das Wichtigste aber scheint für viele Betroffene keineswegs eine Selbstverständlichkeit zu sein. Gabriele Farke: „Vor allem bei Online-Sexsucht hat sich ein Pornoverzicht absolut bewährt.“

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