Wie ich versuchte, fliegen zu lernen

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Ich möchte fliegen lernen. Ich will das seit ich vier Jahre alt bin. Aber das schon am Telefon zu sagen, ist zu plakativ. „Ich interessiere mich für Transzendentale Meditation.“ „Bitte, kommen Sie am Mittwoch um 20 Uhr zu unserer Einführungsveranstaltung“, sagt eine Frau am Telefon. Das „Erleuchtungs-Center“ für Transzendentale Meditation liegt in Berlin-Kreuzberg am Tempelhofer Ufer – im fünften Stock eines Altbaus. Heute haben es nur wenige Interessenten geschafft. Genauer gesagt nur einer, also ich. Eine Dame nimmt mir meinen Mantel ab und bittet mich, auf einen der etwa 30 Klappstühle Platz zu nehmen. Zwei ältere Herren versuchen, einen Beamer mit dem Laptop zu verbinden. Eine Frau um die 50 kichert und schlägt vor, die Präsentation doch einfach ohne Beamer zu starten. Ein älterer Herr wehrt ab. Er kriege das schon hin.

Mit einer halben Stunde Verspätung startet die Powerpoint-Präsentation. Darin erzählt wird die Geschichte von Maharishi Mahesh Yogi. Der Guru starb am Mittwoch im Alter von 91 Jahren. Er ist der Entwickler der Transzendentalen Meditation. In den 60ern pilgerten die Beatles zu seinem Ashram nach Indien. Prominentester Anhänger der TM ist heute noch Regisseur David Lynch („Lost Highway“, „Twin Peaks“). Im Sommer 2007 sorgte Lynch für Aufsehen, weil er auf dem Teufelsberg, Berlin höchsten Trümmerberg, ein „vedisches Zentrum“ errichten wollte. Powerpoint funktioniert an diesem Abend nicht. Deswegen muss der ältere Herr die Folien einzeln aufrufen. Das ist ihm unangenehm. Es folgen viele Statistiken, Bilder von Gehirnarealen und Kurven, die alle beweisen, dass das Gehirn besser und effizienter arbeitet, wenn Transzendentale Meditation praktiziert wird. Die Yogis sind dadurch physiologisch jünger – im Schnitt um zwölf Jahre. Das alles ist wissenschaftlich getestet. Mehrfach. Quantenmechanische Effekte sind da am Wirken. Sagt der Herr bei seinem Vortrag. Besonders interessant: der „Maharishi-Effekt“. Meditiert eine bestimmte Anzahl von Personen gleichzeitig, kommt es zu extrem positiven Effekten. „Dadurch wurden schon Kriege verhindert“, sagt der Mann. Und zwar müsse die Quadratwurzel aus einem Prozent der Bevölkerung gleichzeitig TM betreiben, damit sich ein globaler Effekt einstelle. Wer die Transzendentale Meditation beherrscht, kann fliegen. Naja, nicht richtig fliegen im Sinne von „Ich flieg mal schnell zum Supermarkt und hole Zigaretten“. Die Yogischen Flieger sind dabei hochkonzentriert, sitzen im Lotus-Sitz und beginnen zu hüpfen. Es sieht sehr eigenartig aus. Irgendwie ist es lustig, gleichzeitig muss man daran denken, wie es wäre, wenn man keine Beine hätte. Jedenfalls hüpfen dann immer mehrere Yogis auf einem mit Matratzen ausgepolsterten Raum umher. Auf der höchsten Stufe erreichen diese Yogi-Flieger dann einen Schwebezustand. Konsequenterweise gründete die Organisation 1992 auch eine eigene Partei mit Namen „NATURGESETZ-Partei. Ihre gesamtpolitische Relevanz blieb jedoch marginal.


„Wenn Krieg ist und wir alle gleichzeitig meditieren, dann lassen die Soldaten einfach ihre Waffen fallen. Das ist schon öfter passiert.“ Der ältere Herr hat mittlerweile einen Ton angeschlagen, in dem Erwachsene Kleinkindern etwas erklären. Ich verkneife mir die Frage, wo und wann das denn bitte gewesen sein soll. Stattdessen sage ich: „Entschuldigung, das ist alles sehr interessant, aber ich interessiere mich mehr für das Praktische. Können Sie fliegen?“ „Bald, ich übe noch. Aber ich kann mich schon ein paar kurze Momente lang in der Luft halten.“. Er grinst verschmitzt. „Cool, können Sie mir das zeigen?“ „Jetzt ist das leider schlecht.“ „Schade.“ „Tut mir leid.“ „Ich möchte aber fliegen lernen.“

Der Herr zeigt mir zwei Räume, die mit Kissen ausgelegt sind. Zwei, weil Männer und Frauen lieber alleine meditieren, „um nicht abgelenkt zu sein.“ Gerade sind keine Yogi-Flieger anwesend. „Wo kann ich fliegen lernen?“, frage ich noch einmal. „So einfach geht das nicht, aber Sie können einen Kurs belegen.“ „Super! Wann geht es los?“ “Sie müssten nochmals zu einem Vorgespräch vorbei kommen und dann können Sie den Kurs belegen.” „Wie viel kostet das?“ „Nun, wir arbeiten gerade an einem Studentenangebot. Leider gibt es das aber momentan noch nicht.“ „Wie viel kostet der Kurs?“ „2.380 Euro." "Wieviel?" "Ich weiß, das ist viel. Aber sehen Sie es einmal so: Wenn Sie ein bisschen sparen, haben Sie das Geld in zwei, drei Monaten zusammen. Und es lohnt sich ja.“ "Das lohnt sich auf jeden Fall, wenn ich dann fliegen kann. Aber ich kann es mir einfach nicht leisten." Am Ende meines Besuchs bittet mich der ältere Herr noch um meine Adresse. Er habe da einen Freund, bei dem ich das Geld vielleicht schon in einem Monat verdienen könne. Das sei allerdings privat und habe nichts mit TM zu tun.

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