Wie Kater wegen Abstinenz

Unser Autor hat ein Problem: Er hat jüngst wieder festgestellt, dass er sich bei wenig so sehr stresst, wie bei der Frage, wie er am besten entspannt. Ein Hilferuf.
jakob-biazza

Und wenn dann noch die Sonne scheint, wird es besonders schlimm. Sonne bedeutet Druck. Wenn die Sonne scheint, muss man noch dringender rausgehen, als sonst. Das steigert die Freizeitmöglichkeiten exponentiell. Und die vielen Möglichkeiten sind es ja, die alles kompliziert machen. Immer. Überall. Bei der Auswahl von Eissorten, Lebensentwürfen und Tinderpartnern halte ich das für legitim. Beim Entspannen nicht. Da peinigt es mich. Weil es Stress erzeugt und zwar aus der Sorge heraus, den falschen Weg zu gehen und dann eben nicht richtig zu entspannen. Das ist bescheuert, das weiß ich. Stress wegen Entspannung, das erscheint mir so angemessen wie Kater wegen Abstinenz.

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Illustration: Julia Schubert


Entspannter Typ, Abbildung ähnlich
 
Kann sein, dass ich damit soeben die neue Wörterbuchdefinition für „First-World-Problem“ geliefert habe. Aber das ist mir egal! Ich leide!

Und weil man ja selten einfach so im luftleeren Raum herumleidet, sondern in aller Regel unter Prämissen, kommt hier meine Prämisse: Ich habe in meinem Leben noch nie richtig ernsthaft etwas arbeiten müssen, das ich derart gehasst habe, dass ich mich davon hätte erholen müssen. Ich liebe alles, was ich tue, genug, um mich dafür erholen zu wollen. Am liebsten sogar damit. Und ziemlich genau da beginnt das Problem. Bei der Frage, wie man sich am besten für etwas entspannt. Wie man sich effizient entspannt, also so, dass man dabei auch noch etwas tut, das einen auf die ein oder andere Weise weiterbringt. Ich halte das für eine furchtbar schwere Frage. Und für eine etwas eklige auch. Wer so ewas fragt, trägt schließlich das Leistungsprinzip genau dorthin, wo es am allerwenigstens verloren hat. Der optimiert sich bis in den hintersten Winkel selbst und Selbstoptimierung ist wie Masturbation aufs eigene Spiegelbild. Ich weiß das. Ich hasse das. Aber ich komme dem nicht aus.

Leider neige ich dazu auch zu einer milden Form von Entscheidungsschwäche. Und wer wissen will, wie das ist, ein Mensch mit vielen Interessen und Entscheidungsschwäche zu sein, der etwas freie Zeit zur Verfügung hat, der kann mal einen Hund in die Metzgerei sperren. Ungefähr so. An schlechten freien Tagen, die gute freie Tage werden sollen, kann ich so lange mit der Frage verbringen, wie ich mich gerade locker machen sollte (drinnen/draußen, Sport/Couch, Musik hören/machen, aktiv/passiv, Buch/Zeitung, Serie/Film, allein/sozial, kann man möglicherweise doch joggen und lesen?) bis ich schon wieder irgendwen zum Abendessen treffen muss.
 
Aber auch meine besseren Tage verdienen diesen Namen kaum. Habe ich mich tatsächlich mal zum Beispiel für einen Tag auf der Couch entscheiden, horte ich Dinge, die ich dort bestimmt im Laufe des Tages gebrauchen kann. Ich baue eine Festung, deren Außenmauern aus aufgetürmten Büchern, Zeitungen, Magazinen, Gitarren (ja, mehrere), iPads, Handy, DVDs, diversen Heiß- und Kaltgetränken und Snacks in salzig und süß zusammengemörtelt sind. Und dann (ab Sekunde 53!):
 
http://youtu.be/5iTTNRE-njM?t=51s
 
Weil: Woher soll man denn auch wissen, was jetzt gerade das Allerbeste ist, das einen entspannt UND weiterbringt? Die Wissenschaft gibt Eingeweihten da tendenziell ambivalente Antworten. Für Laien werden die dann auch noch in Phrasen übersetzt. Wir wissen ja, dass Sport funktioniert. Und Lesen. Menschen treffen auch. Hilft mir nicht weiter. Ich weiß trotzdem noch nicht, was jetzt in diesem Moment genau das Richtige für mich ist. Mein Problem ist vermutlich, dass ich zu viel von meiner Freizeit erwarte. Ich optimiere, was nicht optimiert, sondern genossen gehört. Selbstoptimierer sind säftelnde Streber. Aber dass ich das weiß, hilft nicht. Im Gegenteil.
 
Also habe ich viel Hoffnung in eine Studie aus dem Journal of Communication gesetzt. Forscher um Leonard Reinecke, Juniorprofessor für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, haben darin herausgefunden, dass auch Mediennutzung (Fernsehen, Videospiele etc.) ganz wunderbar entspannt. Nur leider können wir den Effekt oft nicht richtig empfinden, beziehungsweise genießen, weil wir uns ein schlechtes Gewissen darüber einreden, den ganzen Tag geglotzt oder im Internet rumgeklickt zu haben. „Wer erschöpft ist, wird anfälliger für Versuchungen“, sagt Reinecke. Wenn wir also abends fernsehen oder am Wochenende „Californication“ binge-watchen, haben wir nicht das Gefühl, uns etwas Gutes zu tun, sondern einem Guilty Pleasure erlegen zu sein. Was uns entspannen könnte, fühlt sich plötzlich an wie Scheitern.
 
Das Ganze, so Reinecke, sei vor allem ein normatives Problem: „Unterhaltung hat keine Lobby.“ Sie sei nicht so positiv konnotiert wie Lesen, Yoga oder Theaterbesuch. Niemand wirbt damit, wie gelassen und tiefenentpannt uns das Glotzen oder Surfen im Internet macht. Funktionieren würde es aber theoretisch genauso.
 
Weil ich gestern an diesem Text nicht weitergekommen bin, wollte ich dem hemmungslosen Glotzen also eine Chance geben: Fünf Folgen „Sons of Anarchy“. Staffel sechs: check! Sie endet schrecklich, ich ging gerecht-müde, weil durchaus entspannt ins Bett - aber natürlich auch mit dem nagenden Gedanken, nicht am neuen Houellebecq weitergelesen zu haben, über den ja jetzt alle reden müssen. Ich bleibe also dankbar für weitere Ideen.


Text: jakob-biazza - Illustration: katharina-bitzl

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