Wie Professoren aus Berlin und Wien im Spiel "Second Life" unterrichten

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Second Life ist in den USA entwickelt und bekannt geworden, kein Wunder also, dass die US-Unis zu den Ersten gehörten, die in der 3-D-Welt auch Vorlesungen anboten. Vor einigen Monaten tauchte die Harvard University in der 3-D-Zone auf und bot zum Beispiel einen Kurs für Jura-Studenten an, in dem die Kunstfiguren der Studenten, die sogenannten Avatare einem Avatar-Professor gegenüberstehen. Jetzt freunden sich die ersten Unis in Deutschland und Österreich mit der neuen Art zu lernen an. 20 Studenten der Wirtschaftsinformatik an der TU Wien belegen seit Beginn dieses Wintersemesters zwei Vorlesungen, in denen es um Electronic Commerce, genauer um e-Tourismus in Second Life und im echten Leben geht. Dieter Merkl hat das Vorlesungsbündel gemeinsam mit seinen Mitarbeitern geschnürt, er ist Professor für Softwaretechnik und interaktive Systeme und bastelt mit seinen Studenten an einem Reisebüro in Second Life. Besichtigung im Toyota-Showroom Merkl veranstaltet eigentlich keine Vorlesungen, er nutzt die Spielfläche Second Life vielmehr als Lernfläche. Er stellt die Frage: „Welche Möglichkeiten der Präsentation gibt es in Second Life?“ Mit den Studenten besichtigt er zum Beispiel in einer Art Exkursion den Toyota-Showroom, in dem der Autohersteller seine Modelle ausstellt. Sein Kurs befindet sich also nicht in Second Life, weil es sich dort besser lernen lässt. „Das ist nicht die unmittelbare Zielsetzung“, sagt Merkl, wenngleich er glaubt, dass Second Life dem "Electronic Learning" wie man es bisher kennt eine Qualität hinzufügen kann: Wer teilnimmt, sieht seine Studienkollegen als Avatare und hat nicht mehr das Gefühl, allein am PC zu lernen.

Das ist aber nicht der Grund, warum sich die Wiener Studenten mit Merkl ins zweite Leben begeben. Der Aufenthalt im 3-D-Computer-Hörsaal ist für sie eine Variante des „spielerischen Lernens“. Im Kern machen die Wirtschaftsinformatiker, die den Schwerpunkt e-Commerce studieren, nichts anderes, als eine Art Touristeninfo in Second Life zu bauen. „Anfang Februar soll sich jeder in Second Life über Hotels in Österreich informieren können“, so Merkl. Seinen Studenten, so hat er es beobachtet, machte die Lerneinheit im Internet vor allem deshalb Spaß, „weil sie etwas bauen, das man 3-D sehen kann.“ Für Informatiker kein gewöhnliches Erlebnis. Ist die Übung in Second Life also nur das Sahnehäubchen, das engagierte Professoren ihren Studenten zur Vorlesung präsentieren? Oder kann es sein, dass wir bald alle in Second Life lernen? Thomas Schildhauer wagt sich als einer der ersten deutschen Uni-Profs mit einem Angebot in Second Life. Am Donnerstag lud sein Avatar zur Info-Stunde rund um das Master-Studium Leadership in Digitaler Kommunikation, das Schildhauers Arbeitgeber, die Universität der Künste in Berlin gemeinsam mit der Schweizer Uni St. Gallen anbietet. Gefragt nach dem Bildungspotential von Second Life ist der Professor zwiegespalten. „Ich will nicht die reale Vorlesung in Second Life reinbringen“, sagt er, ist sich aber sicher, dass Second Life zumindest für seinen Studiengang exquisite Lehrmöglichkeiten bietet. „In meiner ersten Sprechstunde am Donnerstag bin ich mit meinen Gästen zum Beispiel zu Sony gegangen. Der Konzern unterhält in Second Life einen Flagship-Store, in dem er sich und seine Produkte präsentiert.“ Solche Ortsbegehungen können inhaltlich der Ausgangspunkt für die Kursmodule sein, die Schildhauer ab April seinen Masterstudenten anbieten will. Seine Studenten sollen sich fragen: Wie macht sich ein Unternehmen in Second Life bekannt? Wie stellen sich die Marken dort dar? In der virtuellen Gegenwelt sind gerade Menschen zugange, mit denen die Hüter von Marken wie Apple oder Sony am liebsten zu tun haben. Gutsituierte, gebildete und konsumbereite Menschen mittleren Alters. Die wollen auch in der "fünften Dimension", wie Schildhauer die Second Life-Umgebung nennt, angesprochen sein. Der Professor sieht Chancen für neue Geschäftsmodelle, für Pre-Tests von zum Beispiel Videos oder Musikstücken, er sieht in Second Life ein großes Spiel mit realistischem Business-Hintergrund, dessen Funktionen und Möglichkeiten es zu erforschen gilt. Deshalb glaubt Schildhauer, dass Second Life bald für BWL-Studenten als Studienobjekt interessant wird. Die beiden Hochschullehrer in Wien und Berlin wirken, und Schildhauer sagt es von sich selbst, „euphorisiert“ von der neuen Spielwiese. Für bestimmte Studiengänge taugt sie gut als Objekt für eine kurzweilige Fallstudie. Ob sie auch ein guter Ort ist, um Vorlesungen zu hören? Nach der Bekanntgabe des Harvard-Second-Life-Kurses frotzelte ein User, dass Second Life sein Lernverhalten nicht ändern werde: "Wenn ich nicht wirklich und körperlich in einem Kursraum anwesend sein muss, werde ich auch die geforderte Arbeit nicht erledigen." Und Thomas Schildhauer hat aus einem anderen Grund Skrupel, den Vorlesungsbetrieb allzu eilig ins Second Life zu verlegen: das System kommt hin und wieder zum erliegen. Ein Problem, das an der echten Uni zumindest seltener vorkommt. +++ jetzt.de hat unter anderem einen Reiseführer durch Second Life erstellt. Zu lesen hier.

  • teilen
  • schließen