Wie Science Fiction in Kairo

Seit drei Jahren lebt Marion Touboul in Kairo, ihr Arbeitsplatz ist der Tahrir-Platz. Als Arte-Korrespondentin steht die 28-jährige Französin bei den Protesten und Unruhen oft zwischen den Fronten. Ein Protokoll.
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"Am ersten Tag der sogenannten Revolution glaubte ich einfach nicht, dass etwas Bedeutsames passieren würde. Ich hatte keine Angst. Ich war nicht mal ein bisschen aufgeregt. Ich war zu Hause in meiner Wohnung und hörte vom Tahrir-Platz her aufgebrachte Menschen, deren Rufen und Schreien durch die Straßen des Stadtzentrums hallten. Als ich runter ging, um nachzusehen, was es damit auf sich hatte, sah ich eine Demonstration, die auf dem Platz abgehalten wurde. Hunderte hatten sich dort zusammengefunden, um zu protestieren. Natürlich war die Polizei bald vor Ort, um das Treiben zu beenden. Es dauerte nicht lange, bis der Platz wieder wie leer gefegt war. Auch ich ging nach Hause, ich dachte, das war’s – was sollte danach noch kommen? Es kam noch etwas. Etwas Großes.  

Seit drei Jahren ist der Tahrir-Platz das Zentrum der politischen Umwälzungen in Ägypten. Seit drei Jahren ist er auch der Mittelpunkt von Marions Leben.

Ich war gerade wieder in der Wohnung angekommen, stand draußen auf den Balkon und hörte plötzlich erneute, jetzt noch lautere Rufe vom Platz: „Mubarak out! Mubarak out!“ Es wurde immer lauter, immer mehr Menschen stimmten ein, und als ich wieder runter ging, zurück auf den Platz, konnte ich sie sehen. Ich sah die Massen, die dort standen, und ich sah eine Wut in den Gesichtern, einen Zorn, den ich in Kairo nie zuvor gesehen hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass es in diesem Land überhaupt so viel Aggression gibt. Bisher hatte ich die Ägypter als sehr friedlich erlebt. Erst beim Anblick dieser ersten Demo entdeckte ich ihr anderes Gesicht.  

Das änderte aber nichts an meiner Sichtweise auf die Menschen, die dort demonstrierten. Nicht mal, als ich zusammen mit einem befreundeten ägyptischen Journalisten vom Militär verhaftet und an einem geheimen Ort festgehalten wurde. Ich konnte sie ja verstehen. Ich konnte verstehen, warum sie das mit uns machten. Sie hielten uns für eine Bedrohung. Eine Bedrohung, die sie stoppen mussten.  

Natürlich wurde ich auch von der anderen Seite der Bewegung gestoppt, von den Demonstranten. Einige von ihnen haben mich auf dem Platz warmherzig aufgenommen und mir immer wieder geholfen, damit ich mit meinen Kollegen eine Stelle fand, um drehen und berichten zu können. Andere fühlten sich von uns gestört, empfanden uns als Hindernis, während sie versuchten, Geschichte zu schreiben. Teils hielt man uns sogar für Spione aus Israel oder Amerika. Die Menschen auf dem Platz waren häufig sehr skeptisch, wenn sie auf uns trafen.  

Um die Leute zu beruhigen, erzählte ich ihnen, dass ich auf ihrer Seite sei – egal, mit welcher Seite ich gerade sprach. Ich musste das sagen, sonst hätte ich meine Arbeit schlichtweg nicht machen können. Und wenn ich mal in eine hitzigere Diskussion über meinen Standpunkt geriet, und das mit Leuten, deren Standpunkt mir selbst nicht ganz klar war, versuchte ich einfach, mich so neutral wie möglich zu geben und eine Distanz zu allem zu wahren, die ich in meinen Berichten ja sowieso hielt.  

Abseits des Jobs habe ich aber natürlich auch eine Meinung zum Geschehen. Ich finde es gut zu sehen, wie viele Menschen in Kairo für Veränderungen kämpfen, die dann auch tatsächlich passieren. Nicht ganz nachvollziehen kann ich hingegen die Meinung einiger Medien, etwa in Frankreich und Deutschland, in denen zuletzt noch von einem „Putsch“ die Rede war. Meiner Ansicht nach ist das der falsche Ausdruck für das, was die Armee getan hat, denn das war schließlich von der Mehrheit der Menschen in Ägypten gewollt. Die Armee ist eigentlich nur ihren Wünschen gefolgt, und Menschen daraufhin der Armee. Es ist also kein Putsch – aber es ist auch keine Revolution. Es ist etwas dazwischen. Etwas Neues, für das es schwer ist, die richtigen Worte zu finden. Schwer für uns ohnehin, die aus der westlichen Welt hierher kamen, um das alles zu begleiten und zu verstehen. Das einzige, was wir verstehen können und müssen ist, dass es noch nicht das ist, was die Ägypter wollen und brauchen.  

Was ich tun kann? Ich bin nur ein kleines Teilchen in der Geschichte Ägyptens. Zumindest fühle ich mich so. Wie ein winziges Detail in einem wahnsinnig spannenden Science-Fiction-Skript. Und manchmal fühle ich mich, als würde ich an diesem Skript sogar ein bisschen mitschreiben. Zumindest habe ich mittlerweile genug Vorstellungskraft, um das zu tun.  

Leider gibt es nicht nur im Skript, sondern auch in der Realität zwei Seiten der Ereignisse. Die friedliche und die enorm gewalttätige. Ich selbst habe bereits beide kennen gelernt. Im November 2011 zum Beispiel gab es extrem heftige Auseinandersetzungen in Kairo. Die Situation spitzte sich immer mehr zu, besonders im Zentrum der Menschenmenge auf dem Tahrir Platz. Dort stand auch ich, umringt von Teenagern aus den Armenvierteln, die bereits mehrere Tage auf dem Platz verbracht hatten und unheimlich ausgelaugt schienen. Sie waren einfach nur erschöpft und ließen ihrer Frustration freien Lauf. Sie bedrohten mich, grapschten nach mir, sahen mich an als wäre ich nur ein Stück Fleisch in ihrer Mitte. Ich hatte großes Glück, dass es mir gelang, ihnen zu entkommen, bevor Schlimmeres passieren konnte. Nicht selten musste ich mit ansehen, wie andere Frauen Angriffe dieser Art nicht abwehren konnten und Opfer von Gewalttaten wurden. Dafür gibt es wirklich keine Entschuldigung, wenn ich auch verstehe, dass die Frustration der Menschen sie zu solchen Taten verleitet, genau wie die Nähe zu Frauen, besonders unverschleierten Frauen, die sie nicht gewohnt sind und die auf sie bedrohlich wirkt. Für mich bedeutet das, dass ich mich schützen muss. Seit dem Angriff bin ich nie mehr allein aus dem Haus gegangen und habe mich zusätzlich in der Öffentlichkeit verschleiert.     

Bei all dem Stress und den Gefahren, denen ich in diesem Job ausgesetzt bin, brauche ich natürlich auch Ruhepausen. Ich brauche Momente, in denen ich abschalten kann. Ich schließe dann alle Fenster in meiner Wohnung, bis ich die Menschen auf dem Tahrir-Platz nicht mehr hören kann. Und dann schalte ich das französische Radio ein. Die Musik, die dort gespielt wird, macht, dass ich mich wieder ein Stückweit zu Hause fühle. Natürlich kann ich in meiner Freizeit auch runter gehen, in eines der vielen Cafés rund um den Tahrir-Platz, mich mit Freunden treffen und unterhalten. Doch dann geht es meist nur wieder um die politische Situation, und wir diskutieren und diskutieren und diskutieren. Da bin ich lieber allein zu Hause. Mit meinem Radio."

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