300 Euro monatlich können engagierte Studenten mit guten Noten bekommen, wenn sie sich für ein Deutschlandstipendium bewerben. 47 Millionen Euro gibt der Bund jährlich dazu, die andere Hälfte kommt von Wirtschaftsunternehmen oder Privatpersonen.

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Bücher sind teuer. Und Stipendien deshalb wichtig. Das Deutschlandstipendium ist trotzdem umstritten.

Das Programm wird diese Woche fünf Jahre alt. Weshalb wieder die Debatten über Sinn oder Unsinn des Stipendiums laut wurden, die es seit seiner Geburtsstunde begleiten. Die Bundesregierung lobte am Dienstag erwartungsgemäß die Erfolge des Programms, die Grünen wollen am Donnerstag im Bundestag die Abschaffung des Deutschlandstipendiums beantragen. Wir haben uns die Argumente beider Seiten angehört.

Kai Gehring ist Grünen-Abgeordneter im Bundestag und will das Deutschlandstipendium abschaffen.

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"Nur 0,76% der Studierenden erhalten das Deutschlandstipendium. Gemessen an 2,7 Millionen Studierenden und den Zielen der Regierung ist es ein Flop und Ladenhüter. Für den einzelnen Geförderten ist das Deutschlandstipendium gut, es trägt aber insgesamt nicht zur sozialen Durchlässigkeit bei. Die Schwächen des Deutschlandstipendiums liegen auf der Hand: Es leistet keinen Beitrag, um Jugendliche für ein Studium zu motivieren. Denn 93 Prozent der Geförderten des Jahres 2013 studierten bereits länger als ein Semester. Zur sozialen Öffnung der Hochschulen hat das Deutschlandstipendium messbar nichts beigetragen. Es fehlen aussagekräftige statistische Angaben zur sozialen Herkunft, zur Art der Studienberechtigung oder auch zum Migrationshintergrund. Anstatt Ladenhüter wie das Deutschlandstipendium aufrechtzuerhalten, muss es endlich darum gehen, die Studienfinanzierung zu stärken und am tatsächlichen Bedarf auszurichten.

Eine ordentliche BAföG-Erhöhung bringt Studierenden, deren Eltern nicht studiert haben, viel mehr. Sie ist aber unzureichend und hängt in der Warteschleife. Auch Stipendienangebote von Flüchtlingen wollen wir dringend aufstocken, weil Tausende ohne Studienförderung bleiben. Für die Hochschulen bringt die Stipendienakquise einen hohen Aufwand mit sich, den der Bund nur zum Teil ersetzt. Auch beim Bund sind die Verwaltungskosten für das Deutschlandstipendium hoch, was bereits den Bundesrechnungshof auf den Plan gerufen hat. 2011 gingen nur etwas mehr als die Hälfte der Mittel für das Deutschlandstipendium tatsächlich an die Studierenden.

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Nachgehen muss die Bundesregierung Hinweisen über versuchte Einflussnahmen von Unternehmen. Im Stipendienprogramm-Gesetz heißt es zwar, ich zitiere: „Das Stipendium darf weder von einer Gegenleistung für den privaten Mittelgeber noch von einer Arbeitnehmertätigkeit oder einer Absichtserklärung hinsichtlich einer späteren Arbeitnehmertätigkeit abhängig gemacht werden.“ In der Praxis scheint das aber anders zu sein, das zeigen Berichte. Mancherorts muss ein Stifter nur den Namen des Wunschkandidaten übermitteln und der Weg zur staatlichen Kofinanzierung ist frei. Die kurze Förderdauer des Deutschlandstipendiums von maximal zwei Semestern dürfte bei geförderten Studierenden einen Druck nach Wohlverhalten gegenüber dem Stifter auslösen, um eine Weiterförderung nicht zu gefährden. Wir finden: Zentrales Auswahlkriterium muss die individuelle Leistung der Bewerberin oder des Bewerbers sein – und die Umstände, in der sie erbracht wurde. Wirtschaftsverbände haben im letzten Jahrzehnt immer wieder angekündigt, Stipendien-Programme in Eigenregie aufzulegen. Dann sollen sie das auch tun. Sie können das Deutschlandstipendium in Eigenregie weiterführen. Das muss die öffentliche Hand nicht mit 47 Millionen Euro subventionieren, während die Mittel anderswo fehlen."

>> Warum sie das Deutschlandstipendium für eine super Sache hält, erklärt die CDU-Abgeordnete Sybille Benning


Sybille Benning ist CDU-Abgeordnete im Bundestag und setzt sich für das Deutschlandstipendium ein

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"Das Deutschlandstipendium steht Studierenden aller Fachsemester und Fachrichtungen offen. Es hilft Studierenden, ihr soziales Engagement und ihr Studium gut zu vereinbaren. So unterstützt es junge Persönlichkeiten, die sich zu einem Studium entschlossen haben. Es geht nicht um die Motivation zum Studium an sich, sondern um die Motivation, Wissenserwerb und Engagement zu verbinden. Das Deutschlandstipendium etabliert eine völlig neue Stipendienkultur in Deutschland, mit neuen Strukturen zwischen Hochschule, Zivilgesellschaft und Unternehmen. Natürlich gibt es Verwaltungskosten. Viel ist in den ersten Jahren in den Aufbau neuer Strukturen geflossen, aber die stehen nun, so dass sich der Aufwand hier stetig verringert. Weil auch öffentliche Mittel vergeben werden, muss es Verfahren geben, die die Mittelvergabe nachvollziehbar machen.

Im Gegensatz zum Bafög ist die Förderung des Deutschlandstipendiums nicht nur an das Einkommen geknüpft. Es würdigt verschiedene Aspekte, darunter die fachliche Leistung, gesellschaftliches Engagement sowie besondere Leistungen auf dem individuellen Lebensweg. Viele Stipendiaten sind die ersten Akademiker in ihren Familien oder haben einen Migrationshintergrund oder kümmern sich um Familienangehörige. Dass diese sogenannten weichen Kriterien eine große Rolle spielen, ist gerade die Stärke dieses Stipendiums. Es stimmt nicht, dass Spender direkten Einfluss auf die Auswahl nehmen können. Sie können den Fachbereich bestimmen, sie bestimmen aber nicht den Stipendiaten; das Matching steuert die Hochschule selbst. Da ein Großteil der Gelder fachunabhängig gegeben wird, sorgen die Hochschulen nach Möglichkeit dafür, dass alle Fachbereiche bedacht werden. Durch das Deutschlandstipendium fließen Mittel, die den Universitäten bislang gar nicht zur Verfügung standen. Damit werden vor allem neue Spielräume für die Förderung besonders qualifizierter Studierender geschaffen. Ich sehe das durchweg positiv."