Wie steht`s um die Pressefreiheit? Präsident Putin antwortet Usern

In Europa ist man sich ziemlich einig, dass Wladimir Putin alles andere als ein "lupenreiner Demokrat" ist, wie ihn noch 2004 sein Intimfreund Gerhard Schröder nannte. Er gilt als autoritärer Herrscher, der die Pressefreiheit einschränkt und die Entwicklung einer russischen Zivilgesellschaft behindert. Aber vor Beginn des G8-Gipfels am nächsten Wochenende in St. Petersburg bemüht sich Putin um sein Image. Am Donnerstag stellte er sich den Fragen von Internet-Usern.
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Fast 160.000 Fragen gingen auf den Seiten des russischen Internet-Portals yandex.ru und der BBC ein. Immerhin 49 davon beantwortete der Präsident.

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Illustration: Julia Schubert

Foto: dpa Die Moderatoren mussten allerdings vor der Konferenz die Spreu vom Weizen trennen. Bei der Online-Abstimmung hatten solche Fragesteller die meisten Stimmen erhalten, die sich dafür interessierten, ob Russland plane, seine Grenzen irgendwann mit Hilfe von riesigen, menschenähnlichen Robotern zu verteidigen? Oder sie fragten, wann Putin zum ersten Mal Sex hatte? Dies zeigte zum einen, dass russische User sich nicht allzu sehr von denen in westlichen Ländern unterscheiden - die Bloggerwelt beschäftigt sich vor allem mit sich selbst und erfreut sich an den eigenen, teils absurden Ideen. In Blogs wie Live Journal zum Beispiel war dazu aufgerufen worden, massenhaft für Fragen zu stimmen, die sich auf reine Internetphänomene beziehen. Ob zum Beispiel Putin an Ktulchu glaube, ein Unwesen, das nach Überzeugung der User auf dem Boden des Ozeans auf sein Erwachen warte. Zum anderen bewiesen die Fragen, dass der Großteil der jungen russischen Öffentlichkeit der Politik im Allgemeinen und dem Präsidenten im Besonderen mit wenig Respekt und viel Ironie begegnet. Denn auch wenn in Russland immer wieder Jugendorganisationen der Regierungspartei "Einiges Russland" oder der radikalen "Nationalbolschewisten" auf sich aufmerksam machen: für die meisten ist die Politik ein dreckiges Geschäft, voll von korrupten Politikern, deren einziges Ideal darin besteht, persönliche Interessen zu verfolgen. Putin lässt sich nicht provozieren Besonders der Trinker Jelzin hat die Beziehung der 90er-Generation zum Staatsoberhaupt geprägt. Den hatte die russische Öffentlichkeit am Ende nur noch als Witzfigur wahrgenommen. Die Fragen der sowjetischen Elterngeneration konnte man dagegen zum Teil daran erkennen, dass sie an den "Genossen Präsident" gerichtet waren. Aber ein souverän auftretender Putin ließ sich nicht provozieren: hin und wieder an einer Tasse Tee nippend, begegnete er Fragen nach dem Abbau von Demokratie und Pressefreiheit mit Unverständnis, kritische Töne zu Tschetschenien konterte er mit Verweisen auf die eigenen Probleme der Europäer mit Autonomiebestrebungen ihrer ethnischen Minderheiten.

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Illustration: Julia Schubert

Schlagfertigkeit bewies der souverän auftretende Präsident, als die BBC-Moderatorin Bridget Kendall nach der Gas-Krise mit der Ukraine von Anfang 2006 fragte (damals hatte Russland von der ukrainischen Regierung einen höheren Gaspreis verlangt, den Weltmarktpreis/Anm. d. Red.). Putin erkundigte sich bei der Moderatorin, wieviel ihr (offensichtlich teures) Collier gekostet hätte und stellte dann die rhetorische Frage "Würden Sie es mir für fünf Kopeken verkaufen?" Damit machte er deutlich, dass es ein völlig gewöhnlicher Vorgang sei, beim Verkauf von Öl und Gas zu Weltmarktpreisen überzugehen. Russland habe demnach das Gas nicht dazu benutzt, politischen Druck auf die Ukraine auszuüben. Vielmehr sei von westlichen Länder, deren Medien hysterisch reagiert hätten, Druck auf Russland ausgeübt worden. Wann er das letzte Mal Sex hatte So folgte Putin seiner bewährten Strategie des "Kehrt doch erstmal vor der eigenen Haustür." Schon in der Vergangenheit hatte er auf Kritik aus dem Westen der EU und den USA doppelte Standards vorgeworfen. Selbst eine Frage nach dem ansteigenden Rassismus in Russland kommentierte er mit dem Hinweis, dieses Problem gebe es auch in anderen Staaten. Auf die Situation im eigenen Land ging er nicht ein. Fast 19.000 Stimmen hatte eine Frage erhalten, die seit einer Woche die russische Internet-Öffentlichkeit bewegt: Putin hatte im Kreml einen kleinen Jungen vor laufenden Kameras auf den Bauch geküsst. Während der russische Präsident bei anderen Fragen stark und souverän aufgetreten war, wirkte er bei dieser Antwort ganz schüchtern: "Ich wollte ihn nur so ein bisschen drücken, wie eine kleine Katze, und dann ist eben die Geste herausgekommen, die Sie gerade erwähnt haben." Putin hat schon in der Vergangenheit vergleichbare Fragerunden im Fernsehen veranstaltet, um "zu verstehen, wie das Land lebt und was die Bürger am meisten bewegt." Olesja, 23 Jahre alt, fragte: Wie soll eine junge Familie mit Kind und Schwiegermutter in einer Einzimmerwohnung leben? Der 20-jährige Pawel schlug vor, im ewigen russischen Kampf gegen die Korruption jedem Beamten eine Internet-Seite einzurichten, auf der die Bürger sich dann über ihn beschweren könnten. Auf diesen Vorschlag ging der Präsident allerdings genausowenig ein wie auf die Frage „Wen sollte man bestechen, damit der Kampf mit der Korruption endlich anfängt?“ Der Internet-Kolumnist Schagen Ogandschanjan kommentierte nach dem Ende der Konferenz, aufs Neue habe sich hier die Unfähigkeit der russischen Opposition gezeigt: Sie hätte schließlich mit vereinten Kräften kritische Fragen an die erste Stelle "stimmen" können. Stattdessen gelang es wohl rechtsextremen Gruppen, die Frage: "Wann hört die Diskriminierung von Russen auf?" nach ganz oben in der Rangliste zu befördern. Auf die Frage nach dem ersten Mal Sex antwortete Putin dann übrigens doch noch - allerdings anders als erwartet und nach dem Ende der direkten Übertragung. Er könne sich nicht an den Zeitpunkt des ersten Mals erinnern. "Aber das letzte Mal weiß ich noch genau - auf die Minute genau." Fotos: dpa, ap

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