Wie von einer Dampframme zerschlagen

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Satire kann im Grunde genommen vieles sein: zynisch, vulgär, banal. Das gilt auch für alle selbsternannten Satiriker im Internet. Umso bemerkenswerter ist der Erfolg der Online-Enzyklopädie Stupidedia, wo „Begriffe in erster Linie in einer humoristischen oder satirischen Form dargestellt“ werden. So steht es jedenfalls auf Wikipedia geschrieben, in jenem Internetlexikon, dessen Konzept Stupidedia eins zu eins übernommen hat - als satirische Kopie sozusagen. Innerhalb von nur fünf Jahren ist das Projekt des 23-jährigen Wieners auf 17.500 Einträge gewachsen, täglich kommen neue hinzu. "Stupidedia ist für alle Humorschaffenden des Internets da. Wie Wikipedia auch, möchte ich, dass jeder die Möglichkeit hat, Texte zu veröffentlichen", sagt David Sowka. Entstanden ist Davids Projekt eher zufällig. Die positive Resonanz auf sein Buch "Schätzchen, verfälschen wir die Geschichte", in dem er sich in Kurzgeschichten satirisch dem Alltäglichen widmet, hat ihn dazu veranlasst. "Weil das Buch so gut angekommen ist, habe ich mir gedacht, das ganze auf eine größere Plattform zu heben, an der sich jeder beteiligen kann", sagt er.

Stupidedia-Gründer David Sowka, 23 Dass sich Stupidedia mit den wachsenden Nutzerzahlen allmählich von Davids eigenem Humorverständnis entfernt, scheint ihn nicht zu stören. Während sich David Sowka selbst in der Tradition des Titanic-Magazins und des Satiriker-Duos "Stermann und Grissemann" sieht, ist Stupidedia inzwischen ein Sammelbecken überwiegend semi-lustiger Kalauer geworden, über die wohl selbst ein spätpubertärer Physikstudent nicht lachen kann. Kaum zu glauben also, dass das Alter der Stupidedia-Autoren nach Davids Angaben zwischen 14 und 50 Jahren liegen soll. Eine Kostprobe: Wählt man den Stupidedia-Eintrag zum Begriff Penis, heißt es dort, dass man mit einem besonders großen Exemplar "locker Keller überfluten und mittlere Gebäudebrände löschen" könne. Und im Artikel zu Angela Merkel steht geschrieben, dass es außer der Bundeskanzlerin kein Lebewesen gebe, das "solch ein Maß an Hässlichkeit besitzt wie Merkel es inne hat". Und weiter: Ihr Gesicht sehe aus, "als sei es von einer Dampframme zerschlagen und von einem Zug überrollt worden. Daher fallen die kranken Mundwinkel gar nicht so sehr auf". Man muss Angela Merkel nicht attraktiv finden, um zum Ergebnis zu kommen, dass Stupidedia das selbstformulierte Ziel der Satire weitgehend verfehlt. Konfrontiert man David Sowka mit derartigen Auszügen aus seiner Spaß-Enzyklopädie, sagt er: "Wir sind eben offen für alles, da kommt dann schon mal viel Ungutes zum Vorschein. Grundsätzlich bin ich aber dafür, dass alles erlaubt ist, was nicht gegen österreichisches Recht verstößt." "An Stupidedia sieht man eben, dass die Leute aktiv mitgestalten möchten und dass Humor sehr wichtig ist", erklärt sich David Sowka den Erfolg seiner Wikipedia-Persiflage. Bedenkt man, dass Humor stets Geschmackssache ist, hat er mit dieser Einschätzung womöglich sogar recht. Satire kann eben so vieles sein. Eines ist diese Satire aber nur in den seltensten Fällen: lustig.

Text: andreas-glas - Foto: privat

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