Wieder wie 2004? Michael Moore und sein Wahl-Film sind jetzt online

Michael Moore stellte gestern seinen Film "Slacker Uprising" online. Eine nette Produktion über die US-Wahl 2004, die eine seltsame Vorahnung zurücklässt
peter-wagner

Die bloß beobachtende Haltung eines Dokumentarfilmers ist Michael Moore mittlerweile fremd geworden. Moore ist ein toller Polemiker (viele bezichtigen ihn der Propaganda), er zieht seit Jahren mit Hurra gegen George W. Bush durch die Welt und durch Amerika. 2004, während des US-Präsidentschaftswahlkampfs, reiste er mit einer Entourage durch Nordamerika. Er besuchte 62 Städte in den sogenannten "Battleground States", in denen die Wähler der Demokraten und Republikaner recht gleichmäßig verteilt sind. Aus seiner Sicht tat Moore den Job, den John Kerry 2004 bis dahin versäumt hatte zu tun: Er ging an die Colleges und Universitäten des Landes und trieb die "Slacker" aus den Betten, er bat die vermeintlich Unentschiedenden, die Langschläfer und Unpolitischen, doch bitte jetzt zur Wahl zu gehen! Weil sie, diese unbekannte Menge an Wählern, die das Wählen lieber lässt, weil in Wahrheit sie die Waage in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen. Die Reise Moores wurde zu einer Art Wallfahrt, sie wurde ein Film, der seit gestern kostenlos unter dem Titel „Slacker Uprising“ im Internet zu sehen ist (auch wenn nur Computer in den USA und in Kanada Zugang zu dem Werk haben sollten: Stunden nach der Veröffentlichung war der neue Film der ganzen Welt zugänglich). In dem Film, und das ist interessant, fällt kein einziges Mal das Wort Barack Obama. Im Jahr 2004 war der Senator noch eine kleinere Leuchte, der aber immerhin beim Parteikonvent der Demokraten eine beachtete Rede gehalten hatte. Vor vier Jahren durfte sich der hölzerne John Kerry als Bush-Forderer versuchen und stellte sich dabei doof an, wie Moore im Film versichert: Er zitiert die Anti-Kerry TV-Spots der Republikaner, in denen die vermeintlich gloriose Vietnam-Vergangenheit John Kerrys in Frage gestellt wurde. Schon das muss Moore sauer gemacht haben, was ihn aber noch mehr ärgerte, war, dass Kerry wohl zu bräsig war, den Vorwürfen zu begegnen. In der Folge war der sicher geglaubte Machtwechsel auf dem Weg des Scheiterns und Moore machte sich auf den Weg zu den Slackern. So kann man vier Jahre später, nur Wochen vor der nächsten Wahl, ein Road Movie betrachten, in dem Moore von Stadt zu Stadt reist und in immer größeren Gebäuden spricht und Geschenke verteilt. Seine Give-Aways sind Nudeln und frische Unterhosen, eben das, was ein guter Slacker braucht, wenn er mal wieder zu lange geschlafen hat und nicht aus dem Bett kommt. Um zum Beispiel zu wählen.

Die Veranstaltungen werden größer und die ersten Republikaner wollen verhindern, dass Moore bei ihnen in der Stadt auftritt und die Wähler mit Nudeln besticht. Sie fürchten die Macht eines Medienprofis und Einheizers, der, und da bekommt die Slacker-Tour dann den Charme eines Wanderzirkus, nie allein kommt. In Seattle setzt sich Eddie Vedder im Caro-Baumwollhemd für einen Song auf die Bühne, Joan Baez singt eine Hymne und in Cincinnati sieht man Michael Stipe von REM eine bewegende Ansprache halten. Er zitiert seinen Vater, einen Kriegsveteranen, für den er gekommen sei, der sich ein Ende des Krieges im Irak wünscht (1100 US-Soldaten sind zu diesem Zeitpunkt in den Kämpfen ums Leben gekommen; heute sind es über 4.000). Einer der emotionalsten Momente im ganzen Film, weil es seltsam anrührend ist, einen stadion-erprobten Musiker im Herbst Ohios stehen und stottern, beinahe weinen zu sehen. So zieht der Zirkus mit der simplen Botschaft („Wählen! Und das richtige Wählen!“) durch das Land und irritiert immer mehr Republikaner. Ein Geschäftsmann in Nevada bietet den Studenten, die Moore engagiert haben sage und schreibe 100.000 Dollar, sollten sie ihn nicht auftreten lassen. Im Film ist diese Szene ein wichtiges Element und einen Moment denkt man - in Gedanken die viele Kritik an der Arbeitsweise von Michael Moore - ob er da nicht selbst … Aber das ist nur ein Gedanke! Dieser Teil der Geschichte geht so aus, dass Moore die tapferen Studenten lobt, die dem Geld widerstanden haben. Bei den Auftritten geht um „Raus aus dem Irak“, es geht um das gute Amerika und ganz viel Future, es geht um … Moment mal! „Wechsel“? Hat da gerade einer wieder „Change“ in die Kamera gesagt? Hat da eben wieder eine „I am gonna fight like I have never fought before” gesagt? Der ausreichend beschriebene Clou in Obamas bisheriger Kampagne ist, dass er vor allem die jungen Wähler für Politik begeistert, dass er die vermeintlichen Slacker hinter dem Ofen hervor holt und mit ihnen gemeinsam das Lied vom „Change“ singt. Sieht man nun Moores Zeitreise in das Jahr 2004, wird klar, dass diese ganze Wechselhoffnung schon damals existierte. Dass schon damals Menschen vor Kameras alle Eide schworen, sie würden für einen demokratischen Präsidenten an jedes Haus Amerikas klopfen. Barack Obama spielt in dem Film nicht wirklich eine Rolle. Nur am Schluss, da drängt sich sein Name wieder in den Kopf, da drängen sich Parallelen zwischen dem Wahlkampf des Jahres 2008 und dem des Jahres 2004 auf. Moores Film endet mit dem Wahlergebnis: der Kandidat der Demokraten verliert. Aller Wechselstimmung zum Trotz.

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