Willkommen in der Zukunft!

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Wenn es um die Grenzgebiete von Videoclips geht, muss man natürlich Yoko Ono erwähnen. 2001 haben Die Ärzte der ehemaligen Lennon-Geliebten und vielgehassten Beatles-Spalterin einen sehr kurzen Song gewidmet, und ihn, ein Statement wie es damals von keiner anderen Band kommen konnte, allen Ernstes als Single aus einem Album ausgekoppelt. Der furiose Videoclip, in dem die drei Musiker in einem Aufzug abstürzen, ging mit 45 Sekunden Gesamtdauer ins Guinnessbuch der Rekorde ein: als kürzester Clip aller Zeiten.   2001, die Älteren werden sich erinnern: Das war in etwa die Zeit, in der MTV begann, allmählich Musikvideos aus dem Programm zu streichen und sie durch quotenstärkere Datingshows zu ersetzen. Ein On-Demand-Videobüffet wie YouTube war noch Lichtjahre, genauer gesagt: vier Jahre Entwicklungszeit entfernt. Wer damals also den Ärzte-Clip sehen wollte, musste vor dem Bildschirm mitunter sehr lange warten, um ein sehr kurzes Feuerwerk des Punkrock zu erleben, eine filmgewordene Rebellion gegen jede Marketingvernunft. 

Guinness-Rekordsong Nummer eins:"Yoko Ono"

Und jetzt sind da Phrasenmäher, eine sehr höfliche Hamburger Deutschpop-Band mit sehr unverfänglichen Texten, und ja, man muss sie mit den Ärztenvergleichen. Denn sie haben am Freitag quasi das Gegenstück von "Yoko Ono" veröffentlicht: einen 90-minütigen Song, dem noch am selben Tag qua Guinness-Notar die Aufnahme ins Rekordbuch bescheinigt wurde. Es handelt sich dabei um eine extreme Langfassung eines Songs namens "Zwei Jahre in", der demnächst in Normallänge auf einem Album erscheint.

Man könnte diese Nachricht in den Ordner mit den Dutzenden hyperventilierenden Pressemitteilungen schieben, die Major-Labels täglich verschicken; "Zwei Jahre in" von Phrasenmäher ist eher kein Song, der es in die Jahresbestlisten schaffen wird. Er steht aber für eine größere Verschiebung in der Musikindustrie, für deren erste Symptome man nun ein paar Monate zurückgehen muss – in den Herbst 2013.

Damals ließen zwei amerikanische Großmusiker mit ihren Clips kurz mal die globale Musikpresse begeistert aufjapsen: Bob Dylan veröffentlichte ein Video zu seinem unsterblichen Song "Like A Rolling Stone". Darin konnte sich der Zuschauer in einem flash-programmierten Fernseher durch 16 Programme zappen, in denen sich die Lippen von Nachrichtensprechern oder Soap-Darstellern synchron zu dem 48 Jahre alten Lied bewegten, ohne dass die Musik dabei stockte. Nur Tage danach zündete Pharrell Williams einen neuen Begeisterungsböller: einen 24-stündigen Videoclip zu seinem Song "Happy", bei dem man sich wie ein Zeitreisender durch einen Tag und eine Nacht in L.A. klickt. Auf der eigens dafür programmierten Website wurde er in vier Tagen knapp zwei Millionen mal aufgerufen.

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Illustration: Julia Schubert

Was war passiert? Zwei Musiker hatten, nicht als erste, aber doch als bislang prominenteste, das Prinzip Videoclip konsequent aus der Linearität des Musikfernsehens gerissen. Statt einen Song auf drei Minuten dreißig Sendelänge zu trimmen, hatten sie ihn in Länge und Interaktivität den Vorlieben und Möglichkeiten des Netzes angepasst. Wer will, kann ganze Nächte mit den so aufbereiteten Songs verbringen, ohne sich zu langweilen.

 

Und keine drei Wochen später polterte die nächste Überraschung ins Haus: Beyoncé stellte ihr fünftes Album auf iTunes, völlig unangekündigt. Jahrelang war die Veröffentlichung aufgeschoben worden. Nun standen 14 Songs zum ausschließich digitalen Erwerb da. Und zwar inklusive, hier die nächste Sensation, eines beigelegten Videoclips zu jedem einzelnen Song des Albums.

 

Was Pharrell, Bob Dylan und Beyoncé da innerhalb eines Monats boten, war nicht viel weniger als ein Blick in die Zukunft der Musik-PR: Dylan bewarb eine CD-Box mit seinem Gesamtwerk letztlich mit einem Videospiel, Pharrell machte seinen Song in Dauerschleife zum Soundtrack für tageszeitenunabhängige Glückseligkeit – wobei der Song nicht mal auf einem Album erschien, sondern lediglich als Titeltrack eines Animationsfilms. Bei beiden war der Videoclip zur Film-Installation geworden. Nicht mehr ein Vorgeschmack auf das bitteschön noch zu kaufende ganze Album, sondern ein in sich geschlossenes Kunstwerk.

 

Ein Song ohne Clip? So leblos wie ein selbstgebrannter Rohling.

Beyoncé wiederum ging einen Schritt in eine andere, aber ebenfalls bislang nur spärlich beleuchtete Ecke: Denn wenn Alben, wie seit längerem behauptet, im Netz wirklich ein Auslaufmodell sind, weil jeder ohnehin nur Songs kauft, ist es letztlich konsequent, zu jedem einzelnen Track eines Albums ein Video mitzuliefern.

 

Schließlich hat das Internet Musik und Video zur quasi untrennbaren Einheit gemacht: ein Song ohne Clip wirkt auf YouTube so nackt und leblos wie eine selbstgebrannte CD mit Edding-Beschriftung. Nicht umsonst sind neun der zehn meistgeklickten Filme aller Zeiten auf YouTube: Musikvideos. (Das zehnte Video, das nur am Rande, zeigt den Jungen, der von seinem Bruder Charlie in den Finger gebissen wird.)

 

Was nun die Band Phrasenmäher betrifft, die mit ihren 482 verschiedenen Refrains innerhalb ihres 90-Minüters im Guinnessbuch der Rekorde steht: Ihr Konzept folgt der gleichen Entwicklung, weg vom physikalischen Tonträger, hin zum Videoclip als eigenständigem Happening. Das ist allein deswegen bemerkenswert, weil dieser Rekord zu Zeiten von "Yoko Ono" gar nicht denkbar gewesen wäre: Damals wäre der längste veröffentlichbare Song genau 74 Minuten lang gewesen - so lang wie die Abspielzeit einer Audio-CD.

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