"Wir können uns ja mal auf ein Bier in der Küche treffen"

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Das Märchen 

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Illustration: Julia Schubert


Das ist das Angebot: "Kuschlige 4er-WG im Herzen der Stadt. Gemeinschaftswohnzimmer!", 18qm, 330 Euro warm, renovierter Altbau, Fußbodenheizung, 3w suchen w

Diesen Satz findest du, wenn du weit genug runterscrollst: "In einer Stadt, in der es sehr kalt werden kann, sind wir dein neues Zuhause."

Die Fotos: zeigen das freie Zimmer noch mit der Einrichtung der Vormieterin. Immer im Bild: ein süßer Flickenteppich von Ikea. Außerdem wurde jedes Deko-Element einzeln fotografiert und mit einem Pastell-Filter versehen. Im schlimmsten Fall gibt es ein Gruppenfoto vom letzten WG-Wandertag/Weihnachtswichteln/Mädelsabend.

Die Anzeige findest du: auf den drei bekanntesten Seiten für WG-Anzeigen. Aber Achtung: Falls du Facebookfreunde hast, die auch nur entfernt in der gleichen Region wohnen, wird dieses Zimmer zwangsläufig über drei Ecken in deine Timeline gespült – meist mit einer enthusiastischen Empfehlung ("Meine allerbeste Lieblings-Chorfreundin sucht eine Mitbewohnerin!!!").

Die Antwort auf deine Mail: hast du nach einer Viertelstunde im Postfach. "Supi!", schreibt Lisa-Marie, "Wir freuen uns sooo, dich kennenzulernen!" Ob du vielleicht gleich morgen vorbeikommen magst? Donnerstag sei nämlich immer Spieleabend.

Du hast gute Chancen, wenn: du zum Ausdruck bringst, dass du in der neuen Stadt noch niemanden kennst. Und dass du eigentlich sowieso total auf gemütliche Abende daheim stehst.

>>> Zwei Maschis suchen jemanden ohne Ansprüche



Die Bude


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Illustration: Julia Schubert


Das ist das Angebot: "wg zimmer in suedstadt frei ab 1.9 supper zimmer", 17qm, 310 Euro kalt, rauchen überall erlaubt, 2m suchen w/m

Diesen Satz findest du, wenn du weit genug runterscrollst: "wirsind 2 maschis ganz entspannte typen suchen ab september einen nacmieter dens nicht stoert wenns auch schomal laut wird." (Häufig der einzige Satz, aber damit ist ja eigentlich alles gesagt.)

Die Fotos: wurden in der U-Bahn auf dem Weg zur Uni aus der Handygalerie rausgesucht und sehen aus wie vom Morgen nach der letzten Hausparty. Oder als habe man dem Kumpel aus der Heimat zeigen wollen, was ihm beim WG-Besuch erwartet und darum den Schimmel in den Duschfugen fotografiert (und ihm das Bild mit einem Zwinkersmiley geschickt).

Die Anzeige findest du: noch Monate nach dem gewünschten Einzugsdatum auf Kalaydo. Das Zimmer war aber schon nach drei Tagen neu vermietet. In Heidelberg geht schließlich alles weg.

Die Antwort auf deine Mail: lautet bestenfalls: "sorry ist scho reserviert." Wahrscheinlicher ist aber, dass niemand jemals auf deine freundliche, leicht ironisch formulierte Anfrage reagieren wird.

Du hast gute Chancen, wenn: du einfach unfassbar schnell bist. Wer da im Detail einzieht, ist den Typen mit der Wohnung nämlich ähnlich wichtig wie frische Handtücher und Zeichensetzung.

>>> Menschen mit verspiegelten Schrankwänden suchen jemanden mit reichem Papi


Die Spießerunterkunft


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Illustration: Julia Schubert


Das ist das Angebot: "Ruhige Lage: Zimmer in Neubausiedlung Kranichstraße", 15qm, 380 Euro warm inkl. Haushaltshilfe, Spülmaschine, Induktionsherd, 2w 1m suchen w/m

Diesen Satz findest du, wenn du weit genug runterscrollst: "Da wir alle Jura studieren, brauchen wir häufig unsere Ruhe zum Lernen. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht mal in der Küche zu einem Bier verabreden können ;-))"

Die Fotos: sehen aus wie aus einem Porta-Katalog: verspiegelte Schrankwände, abwischbare Oberflächen und als Highlight ein paar Deko-Artikel in hellgrün und lila. Auf dem Foto der Küche kann man im Hintergrund beschriftete Müslibehälter erahnen.

Die Anzeige findest du: je nach Alter der Bewohner am digitalen oder analogen schwarzen Brett der Uni, in Extremfällen sogar als Inserat in der Zeitung.

Die Antwort auf deine Mail: ist eine vorgefertigte Einladung zu einem gemeinsamen Treffen aller Interessenten am "Dienstag, den 21. Julei". Nur wer sich in der Gruppe behaupten kann, hat einen Mitbewohner verdient, der in ein paar Jahren vermutlich im Vorstand von Bayer sitzt.

Du hast gute Chancen, wenn: du Jura studierst, dein Vater Jurist ist, dein Opa Jurist war und du in der Jura-Fachschaft aktiv bist. Außerdem sind deine Eltern dann vermutlich wohlhabend und es kommt super an, wenn du den Bewerbungsunterlagen einen Kontoauszug beilegst.

>>> Ein paar Landeier suchen jemanden, der Cookies mag


Die Landpartie


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Illustration: Julia Schubert


Das ist das Angebot: "25qm-Zimmer in Traumvilla mit 2,5 Hektar Garten", 25qm, 250 Euro warm inkl. Telefon, Internet und Netflix, 60qm Wohnraum, 2 Bäder, Balkon, Garten mit Pool, 2m 2w suchen w/m

Diesen Satz findest du, wenn du weit genug runterscrollst: "Die nächste Bushaltestelle erreichst du mit dem Rad in 10 Minuten. Von da aus bist du in 30 Minuten am Westbahnhof. Hier bringt dich die U-Bahn in 20 Minuten zur Uni und ins Zentrum. Achtung: Der Bus fährt nur bis 22.55 Uhr."

Die Fotos: zeigen eine Jugendstilvilla, die zur Hälfte von einer Obstplantage verdeckt wird, gerne auch einen supertoll gedeckten Frühstückstisch auf dem Balkon mit Blick auf Berge oder eine Seenplatte. Und viel, viel Massivholz.

Die Anzeige findest du: überall. Einfach überall.

Die Antwort auf deine Mail: klingt wie die enthusiastische Reaktion deiner Großmutter, wenn du ihr vorschlägst, sie mal wieder zu besuchen. Solltest du am Wochenende vorbeischauen wollen, bietet dir Malte sogar an, dich mit dem Kangoo seiner Freundin vom Bahnhof abzuholen.

Du hast gute Chancen, wenn: du dich meldest. Wenn du dann auch noch wirklich zum Casting erscheinst, bekommst du neben dem Mietvertrag gleich eine Tüte selbstgebackene Cookies überreicht.

>>> Handwerker suchen Elektriker-Kind


Der Rohbau


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Illustration: Julia Schubert


Das ist das Angebot: "WG-Gründung in der Innenstadt, 2 Zimmer frei", 17/20qm, 280/300 Euro kalt, voraussichtl. die ersten 2 Monate kein Internetanschluss, 2m 1w suchen 2 w/m

Diesen Satz findest du, wenn du weit genug runterscrollst: "Es wäre gut, wenn du Lust hast, mit uns in eine Einbauküche zu investieren."

Die Fotos: zeigen nur leere Räume – meist ohne Bodenbelag und mit lehmigen Wänden. Allein die Bildunterschriften ("Zimmer 1", "Die Küche") lassen erahnen, dass hier bald jemand wohnen wird.

Die Anzeige findest du: ganz bodenständig und schmucklos an der „gesucht&gefunden"-Pinnwand im Supermarkt und mit Telefonnummer-Abreißzetteln an Laternenpfählen im Viertel – hier sind schließlich pragmatische Macher am Werk.

Die Antwort auf deine Mail: kommt recht zügig. Noch im ersten Absatz wird relativ uncharmant erfragt, ob du eine Waschmaschine oder einen Fernseher mitbringen könntest. Oder ob du jemanden kennst, der preiswert Nasszellen verlegt.

Du hast gute Chancen, wenn: deinem Vater ein Elektrobetrieb oder zumindest ein Kleintransporter gehört und du bereit bist, die komplette Einrichtung deines Elternhauses in die WG zu überführen. Alternativ kannst du aber auch einfach sehr reich sein.

Text: kristin-hoeller - Illustration: Yinfinity

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