Wir-Spezial: Der Papst und wir

Die Behauptung: (1) “Die Kirche ist jung.
tobias-moorstedt

Die Behauptung: (1) “Die Kirche ist jung.“ (Benedikt XVI); (2) “Sie gehen zur Kommunion und schieben sich für den Empfang der Hostie cool die Sonnenbrille ins Haar.“ (Der Spiegel 15/2005); (3) “Wir beobachten einen Megatrend der Respiritualisierung.” (Paul M. Zulehner, Theologe/Soziologe) Darum geht's: Medienberichten zufolge hat die so genannte Jugend von heute in den vergangenen Wochen eine kollektive Wandlung vom Saulus zum Paulus durchgemacht: eine ganze Generation im Erkenntnisschock. Aus den exstacy- und videospielsüchtigen Amokläufern sind plötzlich gläubige Globetrotter geworden, die sich von der hochkomplexen Welt und ihren sündigen Freiheiten einschüchtern lassen und sich zurück in eine neu verschuldete Unmündigkeit wünschen. Die große Erzählung des Christentums erlebt ein Comeback, zumindest wollen uns das die Medien erzählen. „Lange nicht mehr, war die Jugend religiöser als heute“, schreibt die Zeitung mit den großen Buchstaben und schöpft wohl Hoffnung, nun Anschluss an die religiöse Rechte der USA zu finden und verwerfliche liberale Projekte wie die Gleichheit aller Menschen abzuschaffen. Währenddessen beklagen die Altlinken in den Redaktionen die Heuchlerei der Nachgeborenen, die moralisch sein wollen und trotzdem ficken. Und das sollen wir sein? Wir sind Papst. Aber sind wir deshalb auch gläubig? Millionen von uns sind nach Rom gefahren, um den alten Petrus-Platzhalter zu begraben oder den neuen zu begrüßen. Der Rest war vor dem Fernseher trotzdem mittendrin und dachte sich seinen Teil. Die Hysterie und der Hype um den kirchlichen Machtwechsel ist ein Zeichen für die Rennaissance von Werten wie Glaube, Liebe, Mitgefühl, Treue und Hoffnung, das zumindest diktierten die Pilger in die Notizblöcke und Mikrophone der geifernden Reporter. Und die berichteten nach Hause: Die Jugend ist wieder gefangen im Netz der Menschenfischer. Der rastagelockte Papa-Boy ist als Jugendfiktion jedoch nicht viel glaubwürdiger als der debile Klingeltonjunkie und seine Brüder. Arm an Informationen, reich an Mythen - so könnte man das Bild beschreiben, das sich die Gesellschaft immer wieder von ihrer Jugend macht. Vor drei Jahren durften wir in der ShellJugendstudie noch von einem "gesellschaftlichen Megatrend der Sinnentleerung und des religiösen Zusammenbruchs“ lesen, weil gerade 14 Prozent der Jugendlichen noch ab und zu in den Gottesdienst gehen und 19 Prozent in der Bibel blättern. Die Herausgeber: “Die Kirche hat unter den jetzigen Bedingungen wenig Chancen, in den bisherigen Formen Einfluss auf die junge Generation zu gewinnen.“ Haben sich die Bedingungen seit 2002 geändert? Vielleicht haben wir wirklich genug von den bieder-totalitären Fixsternen wie Wirtschaftswachstum, Return on Investement und Statussymbolen. Die einen gehen deshalb zu Attac, die andere arbeiten in einem Jugendbegegnungszentrum in Lima oder Caracas und manche bekennen sich eben auf dem Petersplatz zu ihrer Sehnsucht nach Moral. Eigentlich, und das ist ja nichts Schlechtes, geht es also um anständiges Verhalten, um Ehrlichkeit und den Wunsch, durch eine Entwicklung der eigenen Persönlichkeit den einen oder anderen Sinn des Lebens zu finden. Die Kirche hat mit ihrem absolutistischen Anspruch aber wahrscheinlich nur eine geringe Chance daraus Gewinn zu ziehen. Vielleicht entstand der Teen- und Twenpilgerzug nach Rom gerade wegen der Singularität des Events? Ein Papst stirbt nicht alle Tage. Johannes Paul II war ein Popstar, er spielte in der obersten Liga, wie Robbie Williams oder U2. Und sein öffentliches Leiden war wohl die größte Freakshow, welche die Emotionsjäger dieses Jahr aller Vorraussicht nach zu sehen bekommen werden. Also schnell den Rosenkranz entstaubt und mit dem Fotohandy eine visuelle Reliquie nach Hause schicken. Prima Show: Ein wenig Erweckungserlebnis hier, ein bisschen Ekstase dort und die Absolution gibt's gratis dazu. Der Kirche hat deshalb zu Recht Angst vor dem Trendsport Glauben. „Die Person ist populär, doch die Kirche hat nichts davon“, so der jetztige Pontifex, noch in seinem vorherigen Amt, über Johannes Paul II. Nach dem Kirchentag 2000 fand man zahllose Kondome auf den Wiesen, auf denen tags zuvor das Heilige Jahr gefeiert wurde. Solche Mitglieder brauche seine Kirche nicht, sagte damals Joseph Ratzinger. Die Generation JPII ist keine Division der Panzerkardinäle. Und sie ist nicht gemeint, wenn Benedikt XVI nun die Jugend der Welt ruft. Aber sie kommt trotzdem. Es geht uns nicht um Werte, von denen uns gesagt wurde, dass wir sie durch die letzten Wochen und die letzten geröchelten Worte erst wieder entdeckt haben. Vielmehr haben wir uns diese schon längst zu eigen gemacht. Oder zumindest die, welche uns gefallen. Aber da ist noch viel mehr. Ein Destillat sämtlicher bisheriger theologischer, soziologischer oder philosphischer Gedankengänge. Vom Dalai Lama über Marx hin zum so genannten christlichen Abendland der eigenen Eltern. Und was davon nicht in unseren Patchwork-Wertekanon passt, wird aussortiert. Wahlfreiheit statt Werterelativismus. Unser Dogma ist, keine Dogmen mehr zu haben.

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