Wischen impossible

Taschentücher, eingetrocknete Flecken, Duschfanatiker: Wir haben über das Unausprechliche nachgedacht. Über das, was nach dem Sex kommt.
fabian-fuchs

Man sieht es nie in Filmen. Nicht mal in Pornos. In Aufklärungsbüchern steht nichts darüber und die beste Freundin schneidet das Thema auch nicht an. Es ist womöglich also das letzte Tabu beim Sex: Hinterher aufräumen. Das klingt ja nicht nur so, es fühlt sich auch so an, wie wenn nach einer rauschenden Party die Lichter angehen. Man ist nicht nüchtern sondern noch wohlig berauscht, aber man macht oder zumindest denkt trotzdem ernüchternde Dinge: Flecken auf dem Bettlaken, Entsorgung von Verhütungsmitteln, Taschentuchbedarf. Wie kriegt man diese Erfordernisse jetzt auf die Reihe? Wir haben die gängigsten Möglichkeiten unter die Lupe genommen.



 Kleenex
Irgendwie hat das Wort Kleenex schon so einen Klang nach Befleckung, genau wie die verdächtige Packung Taschentücher auf den Nachtkästchen von Junggesellen. Aber es ist unbestreitbar praktisch für das, was nach dem Sex kommt. Jedenfalls dürfte es das häufigste Verhalten der Alltagssexualität sein: Nach einer pietätvollen Zeit des Ausatmens, „Ojojojoj“-Sagens und wohligen An-die-Decke- Starrens, wird neben dem Bett nach den Taschentüchern getastet und zwar bevor alle involvierten Textilien verklebt sind. Die Taschentuch-Etikette unter zufriedenen Paaren sieht vor: Jeder kriegt erstmal eines und dann wird nach aktuellem Bedarf entschieden. Wenn nur noch ein Taschentuch vorhanden ist, haben die Damen natürlich ein Vorrecht darauf. Bedenklich wird es spätestens dann, wenn man den Sex zwischendurch abbricht, weil kein Taschentuch für Hinterher bereit steht. Küchenrollen erfüllen den Zweck natürlich auch, rücken das Ganze aber schon stark in Richtung ehelicher Pflichten. 




 Stumm aufs Klo verschwinden
 Bisweilen teilt man das Bett ja auch mit Menschen, von denen man noch nicht alles weiß und deswegen auch keine Ahnung hat, wie sie es mit den Sekreten halten. Keinesfalls möchte man da nach getaner Arbeit irgendwie ungut auffallen und wartet deswegen erstmal ab, auch wenn man nicht vergessen hat, dass irgendwo in den Tiefen des Bettes eine mäßig gefüllte Latexhülle herumsuppt. Natürlich kann man darüber hinwegsehen, vor allem wenn es nicht das eigene Bett ist, aber es gibt auch Fälle, in denen es das nicht wert ist. Dann verabschiedet man sich eben erstmal förmlich aufs Klo und sammelt unterwegs Kondome, Kleidungsstücke und brisant brennende Kerzen ein und versorgt im Klo alles was tropft. Damen in feinen Hotels und feinen Ländern sollen wohl in diesen Momenten ein Bidet benutzen. Nachteil: Meist hat man dann auch nicht mehr so richtig Lust in den Sündenpfuhl zurückzukehren. Oder der Partner ist beleidigt, weil man nicht gleich weitergeschraubt hat.





Sofort Duschen
Es gibt eine gewisse Fraktion unter den Mitmenschen, die nach dem Bettsport wie selbstverständlich wieder in die Senkrechte federt und pfeifend aber umgehend in die Dusche steigt. Taschentuch und partielle Reinigung sind ihnen nicht genug, Küchenpsychologen mögen die Gründe für dieses akute Reinheits-Bedürfnis ergründen. Der Sex bekommt dabei nicht selten den Beigeschmack eines Tennismatches – wer ist als Erster wieder in der Umkleide? Solange alle Beteiligten das postkoitale Abkärchern gutheißen ist das eine schön reinliche Sache – sobald man aber der eine von zwei ist, der lieber einfach liegen bleibt, deuten sich am Beziehungshorizont Wolken an. Wer will sich schon frischgeduscht noch mal auf dem Tennisplatz wälzen?   Und andererseits - wer will noch mit jemandem kuscheln, der schon im frischen T-Shirt auf der Bettkante sitzt?




Einfach ignorieren
Das ist natürlich die lässigste und waschintensivste Variante, die man besonders bei akuter Verliebtheit, akuter Betrunkenheit und großer Jugend bevorzugt wählt. Schließlich ist die beste Störung in Liebesdingen immer noch keine Störung. Man überlässt also in seinem großen Glück die aufgebotenen Körpersäfte einfach der Schwerkraft und vertraut auf die nivellierende Wirkung von Baumwolle und Mit-der-Hand-wegwischen. Das hat vieles für sich, zumal wenn sich jene sprunghafte Müdigkeit einstellt, die gerüchtehalber auf Turbo-Heavy-Duty-Orgasmen folgen soll – dann lässt man gerne alle Hoffnungen auf trockene Laken fahren. Problem: Krusten. Verklebte Präzisionsgeräte. Und deshalb evtl Anlaufschwierigkeiten, wenn es in die zweite Runde geht. 



Sie so Er so
 Hier müssen jetzt doch noch die geschlechtlichen Unterschiede aufgedröselt werden, die bei der Beseitigung von Spuren der Vögelei ins Spiel kommen. Ist ein Kondom im Einsatz, fühlen sich Jungs schon meistens für dessen weiteren Verbleib verantwortlich – wobei das in Jungsmanier eben auch bedeuten kann: Knoten rein und lustig ins Zimmer flitschen lassen oder lasso-mäßig über dem Kopf schwingen. Wurden keine künstlichen Auffangbehälter verwendet, hat naturgemäß die Frau die größere Sauerei zu beklagen. Deswegen kann es in diesem Fall zu einem eklatanten Auseinanderdriften kommen: Er angelt sich mit den Füßen die Boxershorts, hat damit genügend für den Tropfschutz getan und nickt zufrieden ein.  Sie stellt mit Verzögerung fest, dass sie ihre Unterhose nicht findet, kein Taschentuch greifbar ist und die Mitbewohnerin das Bad blockiert – das kann in schlechten Fällen zu Unmut führen, zumal es ja, strenggenommen, nicht ihr Zeug ist, um das sie sich jetzt kümmern muss. Eine gewisse gegenseitige Aufmerksamkeit auch nach dem Höhepunkt sollte also durchaus zum guten Ton gehören.

Text: fabian-fuchs - Illustrationen: Katharina Bitzl

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