Wo dichten sie hin?

In Hamburg haben die Meisterschaften im Poetry Slam begonnen - die größten bisher. Wohin führt das die Szene? Ein Lagebericht
nadja-schlueter

 



Vorfreude herrscht, man schwört sich ein, man schreibt, man übt und man postet den Namen der Stadt als Statusmeldung, wenn man losfährt. In diesem Jahr lauteten diese Statusmeldungen „HAMBURG", denn dort haben – erstmalig mit einer Eröffnungsgala – am Dienstagabend die 15. deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften begonnen. Der Slam 2011, wie die Meisterschaften kurz genannt werden, ist nicht gerade ein bescheidenes Vorhaben: In diesem Jahr werde „alles noch ein Stück gigantischer", heißt es auf der Homepage, es werde „das Jahr der sich selbst übertreffenden Superlative". Einer davon ist der Austragungsort des Finales: „die O2 World, eine der größten Arenen des Landes". 16.000 Zuschauer fasst diese – dass sie zu dieser Gelegenheit auf fünftausend Plätze verkleinert wird, wird einem natürlich nicht direkt unter die Nase gerieben. Trotzdem eine veritable Masse an Zuschauern, der sich die Slam-Poeten dort stellen müssen. Neben der Vorfreude auf das Hamburger Event ließ vor allem dieser Gigantismus einige skeptisch werden: zu groß, zu bombastisch, zu viel habe man sich vorgenommen, das könne auch schiefgehen. Dabei stellt sich die Frage: Wo steht der Poetry Slam heute, während er als Mega-Event in Hamburg gefeiert wird? Was ist noch übrig vom Ideal des Dichterwettstreits, bei dem jeder mitmachen und das Publikum erreichen kann? Und wie viel Größe tut ihm gut?

Die allerersten deutsche Meisterschaften fanden 1997 in Berlin statt und lockten gerade mal 200 Zuschauer an. Seitdem ging es stetig aufwärts, in Zürich 2008 sahen 9500 Menschen die verschiedenen Vorrunden, Halbfinals und Finals. Dieses Jahr treten 112 Teilnehmer im Einzel- und 50 im U20-Nachwuchs-Wettbewerb an, zudem 30 Teams – und man rechnet mit insgesamt bis zu 15.000 Zuschauern. Im Großprojekt Slam 2011 stecken nicht nur Texte, Wettbewerb und Party, sondern im bisher wohl größten Ausmaß auch etwas, das immer wieder für heiße Diskussionen in der Szene sorgt: Geld. Der Hauptsponsor Fisherman's Friends ist noch um einiges präsenter als es beispielsweise Red Bull 2008 in Zürich war. Natürlich kostet eine so große Veranstaltung eine Menge Geld und dafür muss man Sponsoren an Land ziehen. Gegen den Kommerzialisierungs-Vorwurf wehrt sich die noch immer auf Authentizität und Unabhängigkeit pochende Szene zum Beispiel damit, dass sie für den Sieger ihrer jährlichen Meisterschaften kein Preisgeld auslobt – und das auch so bleiben soll. Da ist man idealistisch. Als Beispiel-Idealist kann da Marc-Uwe Kling gelten, der bei seinem Sieg 2007 in Berlin den Preis des Hauptsponsors Base, eine Jahres-Flatrate, ablehnte und einfach an einen Zuschauer verschenkte.

Trotzdem ist Fisherman's Friend ein gutes Beispiel dafür, dass Poetry Slam bei denen, die Geld haben, angekommen ist. Viele sehen darin die authentische Jugend jenseits von Computern und Alkoholmissbrauch (auch, wenn Slam-Poeten die aktivsten Internetnutzer überhaupt sind und man über die verbrauchten Alkoholmengen der Szene besser schweigt), sie wittern Kultur und Unterhaltungswert und vor allem: junge Menschen, die etwas zu sagen haben. Davon möchte jeder gerne ein Stückchen abhaben. Darum gibt es Poetry Slam in der BMW-Welt, Poetry Slam bei den Grünen, Poetry Slam zur Frauen-Fußball-WM – und nicht zuletzt im Fernsehen, im WDR, auf Sat1-Comedy, Arte, ZDF-Kultur. Die Slam-Poeten können davon nur profitieren, denn bei großen Veranstaltungen gibt es große Gagen und die sind abseits der szeneeigenen Meisterschaften gerne gesehen. Zurecht. Denn wenn man Poetry Slam als Aushängeschild benutzt, sollte man die, die dieses Schild für einen polieren, dafür auch entlohnen.

Genauso wie bei denen, die sich den Poetry Slam gerne zu Werbe- und Imagezwecken auf die Fahne schreiben, hat er aber auch Aufmerksamkeit im regulären Literaturbetrieb gefunden. Agenten tummeln sich auf den Veranstaltungen, Slam-affine Autoren wie Christian Bartel und Marc-Uwe Kling veröffentlichen bei Carlsen oder Ullstein und der Dresdner Verlag Voland&Quist hat sich durch Bücher von Slam-Poeten inklusive CD etabliert. Gerade erst wurde der Lyrikerin Nora Gomringer der mit 30.000 Euro dotierte Jacob-Grimm-Preis verliehen – weil sie, so die Jurybegründung, „einer neuen Form des Dichtens in Deutschland, der Slam Poetry, zur Popularität verholfen hat". Damit reiht sich eine Slam-Poetin neben Preisträgern wie Loriot oder Frank Schirrmacher ein. Ein schöner Nebeneffekt dieses kulturellen Ansehens ist die mittlerweile sehr etablierte Jugend- und Nachwuchsarbeit: Immer mehr Workshops oder Projekte an Schulen werden angeboten und immer wieder hört man Erfolgsgeschichten von aufblühenden Schülern, die ihre Talente entdecken und sich auf die Bühne trauen.

Doch irgendwie sind der Dichterwettstreit und seine Inhalte gefangen zwischen diesen verschiedenen Möglichkeiten, die sich ihm auftun: reines Unterhaltungsformat auf allen möglichen Events, Eingang in die Hochkultur und nicht zuletzt das große Rockstargehabe. Die ersten beiden lassen sich gut mit dem Ursprungsprinzip vereinbaren, da sie nebenher laufen können und den Künstlern außerdem die Möglichkeit bieten, mit dem, was sie tun, Geld zu verdienen. Letzteres jedoch ist problematisch: Wieso muss das Finale der diesjährigen Meisterschaften in der O2 World ausgetragen werden und dadurch dem Stadionrock gleichkommen? Wieso kann es nicht im wunderschönen Hamburger Schauspielhaus stattfinden, das ja auch ein Spielort des Wettbewerbs sein wird? Es geht dabei wohl nur darum, eine noch größere Zuschauerzahl zu erreichen, als es in den Vorjahren der Fall war – obwohl beim Poetry Slam doch eigentlich der Einzelnen da vorne mehr zählen sollte als die Anzahl derer, die sich vor der Bühne tummeln. Mehr Publikum hat keinen Mehrwert für die Veranstaltung. Es ist zu befürchten, dass die Textqualität in der Zuschauermenge untergehen wird. In einer Arena wird wahrscheinlich der gewinnen, der am lautesten ist, dessen Pointen krachen und der in der Lage ist, wie ein Rockstar die Bühne auszufüllen. Jemand, der weniger pompös auftritt und sich auf der Schauspielhausbühne mit dem Rockstar-Poeten würde messen können, weil man dort krachen oder flüstern kann, wird Schwierigkeiten haben, seinen Worten in der Arena-Atmosphäre Gehör zu verschaffen.

Die Angst vor dem Verlust der Subkultur ist also gar nicht das Problem. Denn es wird sie immer geben, die Poetry Slams in den Klein- und Kleinststädten, in Kellerbars und netten Cafés, bei denen man einfach mal mitmachen kann. Auch von dort werden es immer wieder Nachwuchspoeten auf große Bühnen schaffen – wenn sie wollen. Einen Authentizitätsverlust ist nicht zu erwarten, solange bei all den monatlich stattfindenden Poetry Slams und bei den Meisterschaften das gleiche Regelwerk gilt wie immer, solange die Texte selbstgeschrieben sind, das Publikum abstimmt und dadurch alles immer ein bisschen willkürlich und irgendwie unfair bleibt. So wird Poetry Slam eine Plattform bleiben, um sich auszuprobieren. Es kann ein schönes Hobby sein, in das man Herzblut steckt, man kann und darf damit Geld verdienen, wenn man bestimme Grundwerte dabei nicht antastet, und man kann einen Haufen netter Leute kennenlernen. Was man aber ganz gewiss nicht kann, ist eine Subkultur in ihrem Wachstum stoppen. Jede gute Subkultur ist irgendwann im Mainstream angekommen. Das kann man vielleicht als die Krux guter Subkultur bezeichnen, aber eben auch als eine Chance. Es kommt darauf an, ob die Akteure der wachsenden Subkultur mit ihr gemeinsam wachsen und das Beste für alle Beteiligten daraus machen: Aus dem, was einem zusteht und was sich einem bietet, das zu nehmen, was nicht völlig den Grundgedanken der Sache leugnet. Und dieser ist nach wie vor, dass jeder Poet gehört werden kann. Ob das den Hamburgern mit ihrem  Slam 2011 und vor allem seinem Finale in diesem „Jahr der sich selbst übertreffenden Superlative" gelungen ist, das wird man Samstagabend wissen, wenn man aus der O2 World kommt.

Text: nadja-schlueter - Foto: Jan Brandes, www.slam2011.de

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