Wo ist die Generation JP2?

Vor einem Jahr starb Papst Johannes Paul II. Damals wurde eine Generation des Glaubens ausgerufen. Was ist daraus geworden?
michael-moorstedt

„Sie gehen zur Kommunion und schieben sich für den Empfang der Hostie cool die Sonnenbrille ins Haar.“ Das wusste das Nachrichtenmagazin Spiegel noch vor einem Jahr. Da war Papst Johannes Paul II. gerade mal ein paar Tage tot und in den Medien allenthalben zu erfahren, welche Respiritualisierung die Generation durchmachte, die der Spiegel beschrieb und der man bis dahin meist ihren Werteverfall vorwarf. Der vielgescholtene Pragmatismus vergangener Jahre war auf einmal passé. Im Sommer kam dann der Weltjugendtag als weiteres klerikales Großereignis. Sechsstellig scharten sich junge Gläubige um einen Hügel in der Nähe von Köln, um den neuen Papst zu sehen oder zu hören. An diesem Sonntag ist JPII ein Jahr tot, bleibt die Frage – was ist noch übrig von der Generation, der er angeblich zum Namenspatron wurde? Schon damals kam manchem der Verdacht, dass es sich bei der wiedererweckten Jugend zuvorderst um ein Medienphänomen handelt. Das bestätigt auf Nachfrage auch Johannes Mathes-Bienert, Leiter der Landesstelle für Katholische Jugendarbeit in Bayern „Von dieser ganzen Aufregung im vergangenen Jahr haben wir wenig gespürt. Die Türen wurden uns jedenfalls nicht eingerannt.“

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Illustration: Julia Schubert


„Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen“, erklärte Jugendbischof Franz-Josef Bode auf der Bischofskonferenz Anfang März in Berlin. Das klang deutlich selbstbewusster als die verzagte und kulturpessimistische Klage vergangener Jahre, dass „die Jugend“ sowieso an nichts mehr glaube. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen. Der Personenkult um den alten und neuen Papst sei nicht zu leugnen, so der Jesuitenpater Eckhard Bieger, aber die Institution Kirche kann nicht davon profitieren. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie „Religiöse und kirchliche Orientierungen 2005“ der deutschen Bischofskonferenz. Vor allem junge Menschen werden weiterhin ausgeschlossen, heißt es dort. „Da droht selbst der Weltjugendtags-Impuls zu verpuffen. Außerdem fehlt es der Basis an Mut, notwendige Veränderungen anzupacken,“ meint Bieger. Erste Reaktionen: Zielgruppenorientiert nicht sendungsorientiert müsse die Arbeit der Kirchen werden. Es gehe darum, sich auf einem Markt zu behaupten.
Lyrics statt Liturgie
Die Kirche positioniert sich immer noch zeitgeistresistent, so die Studie. Nun will man zeigen, man bewegt sich doch - und begibt sich in die Niederungen der Sinus-Milieus der Trendforscher. Welche Art von Ansprache ist attraktiv für die Modernen Performer und Postmateriellen, die als Jugendklischees zwar wenig glaubhaft, aber zumindest ein Ansatzpunkt sind. Jugendkirchen sollen diese Gruppen ansprechen. Oft endet deren angebotsorientierte Seelsorge aber in Versuchen wie Halfpipe to Heaven, dem Gottesdienst mit Skateboard unter dem Arm oder gerappten Fürbitten. Lyrics statt Liturgie. Verfehlt wird dabei Authentizismus, und das sei genau der Faktor, der die Päpste für die Jugendlichen so attraktiv macht, meint Eckhard Bieger. Nur wer sich authentisch verhält, wird auch als ernst zu nehmender Ansprechpartner wahrgenommen. Die Vermittlung zwischen der Institution Kirche und dem interessierten Einzelnen - weiterhin eine ungelöste Aufgabe. Für den echten Dialog müssten die Kirchen jünger werden, so das Fazit der Studie. Aber gewiss nicht im Sinne der Anbiederung. Sondern: Lebendiger, mit glaubwürdigen Menschen. Illustration: dirk-schmidt

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