Zehn Jahre hat Stefan Kraus darauf gewartet, dass MTV ihn entdeckt. Vergeblich. Als der Videokünstler eine mit Napalm gefüllte Skulptur abbrennen ließ und seine Bilder auf Leinwände zwischen den Flammen projizierte, war das Musikfernsehen nicht mit dabei. Auch nicht, als er alle Wände und Decken des Weimarer Gaswerks gleichzeitig nutzte, um das Publikum in einem Bilderrausch einzuhüllen. Obwohl sich der 39-Jährige zu einem der spektakulärsten VJs Deutschlands entwickelt hat. Es geht ja eher nicht nach Weimar, wer spannende Subkultur sucht. Eher nach Berlin.  


Projektion am Residenzschloss Weimar bei Genius Loci 2012: „Under an alias“ von der Instanbuler Gruppe Nerdworking

Doch in der Hauptstadt sind Club-Visuals kaum noch ein Thema. Einer der Gründe sind die hohen Kosten für technische Ausrüstung. Weil die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den Clubbetreibern gewachsen ist, haben viele angefangen, an der Dekoration zu sparen. Die Zeiten, als jede Veranstaltung mit neuer, verspielter Optik daher kam, sind in Berlin vorbei.  

In Weimar gibt es Beamer, Laser und anderes Equipment für wenig Geld beim Studenten-Verleih an der Bauhaus-Universität. Finanzieller Gewinn steht bei den Partyorganisatoren nicht im Vordergrund. Stattdessen ist zwischen den Veranstaltern seit über zehn Jahren ein kreativer Wettstreit in vollem Gang. Mehrere Generationen von Architekturstudenten haben ihn immer weiter vorangetrieben. „Das Publikum hier ist beleidigt, wenn es mal keine Visuals gibt“, sagt Stefan. Und mittlerweile beschränken sich er und andere Weimarer Künstler nicht mehr nur auf die Produktion blitzender Bilder zu stampfenden Bässen.  

Sepalot tourt mit Stefans Bildern

Im vergangenen Jahr haben Stefan und seine Freunde das erste Genius-Loci-Festival für Fassaden-Projektionen organisiert. Gastkünstler aus Istanbul projizierten ihre Bilder mit Hochleistungsbeamern auf das Residenz-Schloss. Das Publikum konnte zuschauen, wie die Fassade erst in wenigen Momenten alterte und dann in abstrakten Formen wieder auferstand. Besonders plastisch wirkt das Ganze, weil die Künstler vorher ein dreidimensionales Modell der Gebäudefront mit all ihren Unebenheiten und Details am Computer gebaut hatten. Mit dieser Videomapping genannten Technik lassen sich die Beamerbilder auf jeden Punkt einer Fassade gleichzeitig scharf stellen.  

http://vimeo.com/51209455  

Bei der diesjährigen Ausgabe (9. bis 11. August) werden drei historische Gebäude in der Stadt drei Abende lang bespielt: der Innenhof des Residenzschlosses, das Wittumspalais und das Hauptgebäude der Bauhaus-Universität. Die Projektionen kommen von Künstlern aus Frankreich, Österreich und Ungarn, die den internationalen Wettbewerb der Festivalmacher im Frühjahr gewonnen haben.  

Stefan organisiert das Festival nicht mehr, um seine eigene Kunst zu präsentieren. Mit seinem Kollegen Bahadir Hamdemir hat er als VJ-Duo MX10 das Publikum bei der X-Games-Aftershowparty mit raumgreifenden Projektionen und mächtigen Scheinwerfern begeistert. Auch tourt seit kurzem der Blumentopf-DJ Sepalot mit einer Videoinstallation von MX10. Er wünscht sich nun: „Es wäre schön, wenn wir mit unserem Projekt nicht nach Berlin, München, Hamburg oder Köln umziehen müssen, um den großen Durchbruch zu erzielen.“ Stattdessen soll mehr Publikum nach Weimar kommen und sehen, dass die Stadt nicht nur zum Ausflugsziel der Klassenfahrt im Deutschleistungskurs taugt.  


Lichtinstallation für Sepalot von MX10 bei der X-Games Aftershowparty in München

Wird Genius-Loci ein Erfolg, spricht sich vielleicht herum, dass es im Schatten von Schiller, Goethe und dem deutschen Nationaltheater eine Menge junge Kunst zu Entdecken gibt, so die Hoffnung der Veranstalter. Da wäre etwa das alte Gaswerk, das Kunst- und Architekturstudenten in den vergangenen 15 Jahren ausgebaut haben und das zum Treffpunkt der Projektionsszene geworden ist. Es bietet neben Veranstaltungsräumen auch Werkstätten.  

Zu Hause ist dort unter anderem Das Konglomerat, eine junge Crew, die den kreativen Wettstreit um die aufwendigste Partygestaltung fortsetzt. Nicht selten baut die Gruppe die Hallen des Werks zwei Wochen lang um. Danach findet das Publikum plötzlich eine neue Garderobe vor, kann in einer Art Arena Platz nehmen und stundenlang Skulpturen und Wandgemälde bestaunen, die das Konglomerat dreidimensional mit Beamern bespielt.

Antrieb für die Mühen sei der Spaß am Experiment, sagt Jakob Stolz. Auch der 24-Jährige ist Architekturstudent und kam vor drei Jahren aus Franken nach Weimar. Beim Konglomerat ist er für die Visuals zuständig. „Bei einer Veranstaltung sieht man, ob ein Konzept so funktioniert, wie man es geplant hat. Das erkennt man am Architekturmodell oft nicht.“ Beim kommenden Festival organisiert die Gruppe die begleitende Clubveranstaltung.

Text: clemens-haug - Fotos: Genius Loci Weimar, MX10