Yo, Vanilla!

Anfang der 90er Jahre war Vanilla Ice ein Superstar, sein "Ice Ice Baby" ein Welthit und sein Debütalbum die erste selbstgekaufte Schallplatte unseres Autors. Deswegen wollten wir ihn gerne noch mal ein Interview mit ihm machen lassen...
daniel-schieferdecker


Die erste Schallplatte, die ich mir ganz alleine, von meinem eigenen Taschengeld kaufte, war „To The Extreme“ von Vanilla Ice. 1990 war das, in Ritas Musikladen. Für 16 Mark und 95 Pfennige und ich war 13 Jahre alt. Vanilla Ice’ Welthit „Ice Ice Baby“ hatte ich kurz zuvor im Radio gehört, der hatte mich umgehauen. Diese zischende Hi-Hat, die das Stück so bedrohlich und verheißungsvoll einläutet; diese genauso simple wie ins Mark gehende Bassline, von der ich erst Jahre später erfuhr, dass sie dem Song „Under Pressure“ von Queen entstammt; und diese Lässigkeit in der Stimme, mit der Vanilla Ice von den Unwägbarkeiten der Welt da draußen erzählte, die für mich als ostwestfälisches Kleinstadtkid damals so weit weg waren wie das Bestehen des Abiturs. Denn statt Schulbücher zu lesen studierte ich lieber Songtexte. Heute noch muss ich lange überlegen, wenn ich nach den Inhalten meiner Prüfungen gefragt werde. Die Strophen von Stücken wie „Ice Ice Baby“ hingegen rezitiere ich nach wie vor im Schlaf.

Als neulich das Angebot kam, ein telefonisches Interview mit Vanilla Ice zu führen, musste ich deswegen nicht lange überlegen. Nach seiner wahnsinnig erfolgreichen „To The Extreme“-Platte, dem damals „fastest selling HipHop album of all times“, von dem er mehr als sieben Millionen Exemplare absetzen konnte, hatte ich nicht mehr viel von Vanilla Ice gehört und entsprechend viele Fragen. Wie war es ihm wohl seither ergangen? Was denkt er heute, wenn er die Platte hört? Und wie wird er darauf reagieren, wenn ich ihm erzählte, was mir dieses Album bedeutet?

Ich kramte es aus meinem Plattenregal und legte das Album nach vielen Jahren sträflicher Missachtung erstmals wieder auf. Die Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten kamen im 4/4-Takt. Und während der Beat zu „Ice Ice Baby“ einsetzte, googlete ich nach ein paar Daten zu seinem Interpreten im Web. Stimmt, da gab es ja diese kurze Liaison mit Madonna. Und das unbestätigte Gerücht, dass Suge Knight, Chef des legendären Rap-Labels Death Row, Vanilla Ice mal an den Füßen aus seinem Bürofenster hat hängen lassen, um ihm die Rechte an einigen Songs abzupressen. Es gab offensichtlich auch weitere Plattenveröffentlichungen, doch für die interessierten sich scheinbar genauso wenig Menschen wie für Ice’ Ausflüge ins Filmgeschäft. Das ist wohl auch der Grund, warum er später eine Karriere als Motocross- und Jet-Ski-Fahrer startete. Dazwischen gab es das Übliche: Drogeneskapaden, Gewaltvergehen und einen Selbstmordversuch. Das Leben eines einstigen Superstars eben.

http://vimeo.com/39887648

Anlass für das angedachte Interview war Ice’ Rolle im neuen Adam-Sandler-Film mit dem vielversprechenden Titel „Der Chaos-Dad“. Besagtes Chaos begleitet mich dann auch bei den folgenden Versuchen, mit meinem einstigen Idol zu sprechen. Los ging es damit, dass ich einen Qualitätsbeleg meiner Arbeit nachweisen und seinem Management drei Artikel „done on recent male celebrities” schicken sollte, um zu beweisen, dass ich einer Telefonaudienz mit dem Rapper überhaupt würdig war. Selbstverständlich gehorchte ich und erhielt einige Tage später die Nachricht, dass ich zehn Minuten mit Vanilla Ice gewährt bekäme. Zehn Minuten? Die Qualität meiner versandten Arbeitsproben schien demnach nicht viel Eindruck gemacht zu haben auf Vollprofi Vanilla Ice.

Apropos: Ich sollte ihn, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Rob van Winkle heißt, bitte nicht mit seinem Künstler-Alter-Ego ansprechen: „He would prefer to be called Rob rather than Vanilla Ice." Und: Da man nicht genau absehen könnte, wann ich angerufen würde, sollte ich mir ein Zeitfenster von vier Stunden freihalten. Natürlich. Ich wäre im Vorfeld eh so aufgeregt gewesen, dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren könnte. Eh klar. Und: Ich sollte in meinem geplanten Artikel bitte auch „in angemessenem Umfang“ über den zu promotenden Film sprechen. Zumindest überließ man es im Eifer des Gefechts aus Versehen mir, zu entscheiden, welchen Umfang ich als angemessen empfände.

Das weitere Prozedere gestaltete sich ähnlich missorganisiert wie das Vater-Dasein Adam Sandlers in „Der Chaos-Dad“; jenem Film mit Vanilla Ice, ich meine natürlich Rob, den ich an dieser Stelle unbedingt noch einmal erwähnen möchte. An dem Tag, an dem ich mir ein Zeitfenster von vier Stunden für das 10-minütigen Interview freihielt, wurde ich tatsächlich angerufen. Allerdings nicht vom Künstler selbst, sondern von seinem Management mit der entschuldigenden Nachricht, dass Rob leider krank sei und das Gespräch leider nicht stattfinden könnte. Schade. Was sollte ich mit den geblockten vier Stunden jetzt bloß anfangen?

Zwei Wochen später wurde ich mittags per E-Mail gefragt, ob ich am frühen Abend ein paar Stunden Zeit für das 10-minütige Interview hätte. Hatte ich aber nicht. Trotzdem bekam ich gegen 18 Uhr einen Anruf von einer Festnetznummer in Florida, den ich tragischerweise verpasste. Todsicher war dieser Kontrollanruf von Vanilla Ice, ich meine natürlich Rob, obwohl ich ihm doch extra ausrichten ließ, dass ich verhindert war. Aber klar, eine Absage lässt jemand wie er natürlich nicht gelten. Als ich den verpassten Anruf entdeckte, war das vorgeschlagene Zeitfenster jedoch bereits geschlossen. Aber es war schön zu wissen, dass es ihm wieder besser zu gehen schien.

Danach habe ich leider nie wieder etwas von Vanilla Ice, also von Rob, gehört. Habe ihn weder fragen können, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen ist, noch ihm erzählen können, was mir sein erstes Album bedeutet. Aber vielleicht schaufele ich mir demnächst einfach mal wieder ein 4-stündiges Zeitfenster frei und höre noch mal zehn Minuten in das Album rein; in die erste Schallplatte, die ich mir damals, mit 13 Jahren, ganz alleine und von meinem eigenen Taschengeld gekauft habe; das tolle Debütalbum „To The Extreme“ von Vanilla Ice – ich meine natürlich Rob.

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