Zehn Jahre Viagra - ein Geburtstagsbrief

Am 27. März 1998 kam eine Pille gegen "erektile Dysfunktion" auf dem Markt. Was wir davon mitbekommen haben? Nichts und viel Spam
philipp-mattheis

Liebe V., du altes Heilsversprechen des älteren Herrn. Seit zehn Jahren begleitest Du jetzt schon gereifte Männer und machst sie glücklich. Weil es Dich gibt, können 80-Jährige ihren Johannestrieb voll ausleben, ihre Rente mit Prostituierten durchbringen und mit Abenteuern am Stammtisch protzen. Das klingt hämisch, ist aber letzten Endes doch ganz ernst gemeint. Wenn man jung ist, macht man sich viel zu leicht über körperliche Dysfunktionen lustig. In zehn, zwanzig oder dreißig Jahren bin ich vielleicht einmal sehr froh, dass es Dich gibt. Manche behaupten ja, Du seiest für Männer ähnlich wichtig wie die Antibabypille für die Frau. Doch genau diese Menschen reden sehr abstrakt über Dich. Niemand will zugeben, dass er die ganze Zeit mir Dir – verzeih den Kalauer – rumhängt. Dabei sollen seit deinem Erstauftritt mehr als 30 Millionen Männer für Dich bezahlt haben. Da Du Dich ja auch in dunklen Ecken aufhältst, werden es wahrscheinlich noch mehr sein. Du bist die dezente Geheimwaffe im Hintergrund, die dem Mann im Gefecht den Rücken stärkt. Darüber spricht man nicht. In unserem Alter erst recht nicht. Momentan haben wir einfach nicht viel miteinander zu tun. Denn außer dem Versprechen auf ein immer noch sexuell erfüllten Lebensabend gibst Du dich mit 30-minus-X-Männer nur selten ab. Ein Freund von mir hat einmal einen Abend mit Dir verbracht. Er wollte wissen, was später einmal auf ihn zukommt. Klang nicht so toll. Er sagte, Du seiest sehr anstrengend und fordernd gewesen. Vier Stunden hättest Du ihm keine Ruhe gelassen. Halbmast sei das Minimum gewesen und irgendwann hätte das ganz schön wehgetan. Passiert sei letztlich aber gar nichts. Liebe V., nach allem, was ich von Dir gehört habe, werden wir uns erst treffen, wenn ich älter bin. Dann werde ich vielleicht einmal froh sein, dass es Dich gibt. Bis dahin würde ich mich sehr freuen, wenn Du Deinen Freunden sagen könntest, mir keine Mails mehr zu schreiben. Es sind mittlerweile über 200 pro Tag… Dein P. Dafür müsste Viagra noch erfunden werden

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