Zu Recht empfindlich

Die Zahl rassistischer Gewalttaten hat im vergangenen Jahr in Berlin um 40 Prozent zugenommen. Was oft vorschnell auf das Konto einer extremen Minderheit geschoben wird, ist tatsächlich Problem der gesellschaftlichen Mitte.
marie-piltz

Nummer 1: Vermummte Neonazis greifen in der Silvesternacht eine afghanische Familie mit Schlagstöcken an. Nummer 133: Ein junger Inder wird auf dem S-Bahnhof rassistisch beleidigt und durch mehrere Kopfstöße leicht verletzt. Schläge, Tritte, Beschimpfungen – sogar ein Todesfall: Es ist eine erschreckende Chronik der Gewalt und Demütigungen, die die Berliner Beratungsstelle ReachOut Anfang der Woche veröffentlicht hat. 148 rechte, antisemitische und rassistische Gewalttaten sind danach im vergangenen Jahr in Berlin verübt worden – auf Basis von Zeitungsartikeln, Polizeimeldungen, Opfer- und Zeugenaussagen sind 133 der Fälle dokumentiert. Besonders drastisch angestiegen – um rund 40 Prozent auf 65 Taten – sind rassistische Übergriffe. Und die werden im Allgemeinen nicht von organisierten Neonazis verübt, sondern von Tätern aus allen Bevölkerungsteilen.

„Bei Angriffen gegen linke oder alternative Jugendliche tritt meist ein rechtsextremes Täterspektrum auf“, berichtet Sabine Seyb, die mit ReachOut seit Jahren einschlägige Gerichtsverfahren beobachtet und Gewaltopfer betreut. „Bei rassistisch motivierten Angriffen sieht das anders aus. Das sind häufig Täter, die vorher nie auffällig wurden und in keiner Datenbank geführt werden, die unterschiedlichsten Altersstrukturen. Es sind Gelegenheitstaten, wo Leute zuschlagen, wenn sich die Möglichkeit bietet.“ Und die biete sich immer dann, wenn jemand „falsch guckt“, „falsch aussieht“ – oder klassisch zur „falschen Zeit am falschen Ort“ ist. „Für potentiell Betroffene herrscht schon ein Bedrohungsklima, vor allem wenn sich an einzelnen Orten die Taten häufen.“ Das „Bedrohungsklima“ dokumentieren in Berlin die Register zur Erfassung rechtsextremer Vorfälle, die es in fünf Bezirken gibt. „Wir sammeln alles, von Pöbeleien auf der Straße bis zum Aufkleber“, erklärt Kati Becker vom Register Treptow-Köpenick. In ihrem Bezirk alleine haben sich 149 rechtsextreme oder diskriminierende Vorfälle ereignet, der Großteil davon sind Propaganda-Delikte. „Wir schauen vor allem: was passiert jenseits von Gewalt in der Gesellschaft?“ Gerade spontane rassistische Taten seien immer im Kontext der Gesellschaft zu verstehen, sagt Becker. „Einer Gesellschaft, die mit solchen Taten kein Problem hat oder sie nicht stark genug verurteilt.“ Offizielle Zahlen der Berliner Ermittlungsbehörden liegen für das Jahr 2008 noch nicht vor. Erfahrungsgemäß liegen diese aber deutlich unter jenen von OutReach, weiß Sabine Seyb. Die Tendenz sei aber meistens gleich. „Wir zählen auch Dinge, die nicht zur Anzeige kommen, die uns die Betroffenen selbst erzählen“, erklärt Seyb den Unterschied. Außerdem werde Gewalt häufig unterschiedlich eingeordnet. „Wenn wir ein Opfer im persönlichen Gespräch kennenlernen, sehen wir häufig einen rassistischen Hintergrund, den die Polizei nicht sieht. Wenn etwa ein Türke einen Afrikaner rassistisch beschimpft und schlägt, dann heißt es: das ist kein Rassismus, der ist ja selbst Ausländer.“ Eine Erklärung für den enormen Anstieg der Gewalt haben beide Frauen nicht – manchmal ließen sich Taten im Nachhinein zwar besser einordnen, meint Sabine Seyb. „2006 zum Beispiel war Wahljahr, da hatten wir noch eine höhere Zahl als in 2008. Aber Störungen von Wahlkampfveranstaltungen werden vielleicht auch einfach konsequenter verfolgt als andere Taten“, vermutet sie. Wohl aber deuten die vielen Fälle von Körperverletzung, Nötigung und Drohung auf ein hohes Maß an Alltagsrassismus hin. „Ausnahmslos alle Betroffenen, die sich zur Beratung an uns wenden, haben schon Erfahrung mit Diskriminierung machen müssen“, erklärt sie. „Der gewalttätige Angriff ist dann nur noch die Spitze des Eisbergs.“ 81 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an ReachOut gewandt. Die Beratungsstelle bietet ihnen rechtliche und psychologische Hilfe, vor allem aber die Möglichkeit, über die traumatisierenden Ereignisse zu sprechen – in ihrer Sprache, in dem von ihnen gewählten Tempo. „Das ist meist das erste Mal, dass sie die erlebten Demütigungen verbalisieren können, denn häufig fühlen sie sich von ihrem Umfeld nicht ernst genommen.“ ReachOut betreibt auch Bildungsarbeit in Schulen und muss erleben, dass rassistisches Mobbing schon im Grundschulalter dramatisch zunimmt. „Von Seiten der Lehrer heißt es dann aber häufig nur: ‚Das sind doch nur Kinder’ – aber die Opfer sind eben auch nur Kinder. Kinder, die sehr getroffen davon sind, dass sie beschimpft, bespuckt, geschlagen werden“, berichtet Sabine Seyb. Von Kindesbeinen an, seien Menschen, die „anders“ aussehen tagtäglich mit Rassismus konfrontiert. Sprechen die Opfer das Problem an, heißt es häufig nur: „Du bist aber auch empfindlich.“ Sabine Seyb meint: „Ja, zu Recht!“ Das Bewusstsein für rassistische und anderweitig diskriminierende Gewalt zu wecken, ist Ziel sowohl von ReachOut als auch der Registerstellen. „Wir wollen die Menschen dazu bewegen, hinzugucken“, sagt Kati Becker. Denn bei vielen Überfällen gibt es Zeugen der Gewalt, die nicht eingreifen oder wenigstens die Polizei rufen. Sabine Seyb kann dies bestätigen: „Für die Betroffenen selbst ist es traumatisierend zu sehen: da waren ganz viele Leute und keiner hat mir geholfen.“ Statt dem Opfer Tipps zu geben, wie es sich zu verhalten habe, müsse die Gesellschaft lernen, Zivilcourage und damit Tätern ihre Grenzen zeigen. „Das ist auch eine Frage der Moral.“ [i]Foto:ddp[/i]

  • teilen
  • schließen