Zum Geburtstag: Der Abgang des Mainstream-Paten P. Diddy

Sean "P. Diddy" Combs schließt mit "Press Play" ein bedeutendes HipHop-Kapitel
uli-karg

Im März 1997 wurde der New Yorker Rapper Christopher Wallace alias The Notorious B.I.G. in Kalifornien erschossen. Nach Tupac Shakur, der im September 1996 bei einem Drive-By-Shooting ums Leben gekommen war, hatte der Konflikt zwischen den Plattenlabels Death Row (Westküste) und Bad Boy Records (Ostküste) binnen eines halben Jahres sein zweites Opfer gefordert. Dass HipHop just zum Zeitpunkt seiner größten Tragödie zum Massenphänomen wurde, hängt untrennbar mit der Geschichte eines Mannes zusammen, der damals als Chef von Bad Boy Records gerade dabei war, The Notorious B.I.G. zum größten Rapper seiner Generation aufzubauen: Sean Combs. Als Puff Daddy etablierte er HipHop vor neun Jahren mit dem Notorious-B.I.G.-Requiem "I'll Be Missing You" dank eines Samples des Police-Hits "Every Breathe You Take" endgültig im Mainstream.

Jetzt an seinem 37. Geburtstag hat Combs, der sich seit geraumer Zeit P. Diddy nennt, gerade sein letztes Soloalbum veröffentlicht. "Press Play" versteht sich als Endpunkt einer Karriere, die selbst im prosperierenden HipHop-Fach einzigartig ist: Innerhalb von zehn Jahren wurde Sean Combs zum einflussreichsten Akteur seines Genres. Nachdem Combs Solodebüt "No Way Out" 1997 mit siebenfach Platin ausgezeichnet wurde, hatte er sich als massenkompatibler Rapper empfohlen. Es folgten Gold- und Platinstatus für drei weitere Alben, drei Grammies und sechs Grammy-Nominierungen. Mit Bad Boy Records hatte Sean Combs bereits als Produzent von Notorious B.I.G.s Platin-Debüt (es trug den verhängnisvollen Titel "Ready To Die") nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Was dann an Aufträgen folgte, ging weit übers HipHop-Klientel hinaus. "Ich produzierte alles und jeden", sagt Combs. Angefangen bei Mariah Carrey und Sting bis hin zu Justin Timberlake und Janet Jackson. Abgesehen davon hat er sich auch noch mit dem oberbayerischen DJ Hell und Felix Da Housecat aus Chicago getroffen, um an einem House-Album zu basteln. "Es ist halbfertig. Ich bin bis jetzt noch nicht dazu gekommen, es zu vollenden." Zunächst deshalb: "Press Play". Combs erstes Album für ein Majorlabel. Ein 19-Stücke-Album. Ein Tanzalbum. Ein Prominentenalbum. Ein Liebesalbum. Ein Trotzdem-noch-HipHop-Album. Und ein, nun ja, Konzeptalbum. Sean Combs erklärt das so: "Das Album ist ein Konzeptalbum, das von einem jungen Mann handelt, der das Gefühl hat, der mieseste Typ aller Zeiten zu sein. Ich spiele diesen Mann. Dann trifft er dieses Mädchen, sie verlieben sich und dann kommen die Schmerzen. Da merke ich dann, dass ich gar nicht so übel war, wie ich dachte. Jedes Stück ist wie eine Filmszene. Und ich habe quasi die Darsteller für jede Szene gecastet." Bei besagten Darstellern handelt es sich neben Christina Aguilera, Big Boi (Outkast), Jamie Foxx und Mary J. Blige auch um Nas, Cee-Lo (Gnarls Barkley) und Timbaland. Um nur eine Auswahl zu nennen. Die zusammengeklitterte Geschichte des bösen Buben, der das scharfe Luder kennenlernt, ist dabei ohne weiteres zu vernachlässigen. Interessant ist in erster Linie die musikalische Intelligenz, die sich bei "Press Play" auf fast penetrante Art und Weise durch so gut wie jeden Track zieht. Wo zunächst nur großkotzig polierte Oberflächen glitzern, wird schnell offenbar, dass hier mit Kenner-Gestus aus tiefsten Popkultur-Tiefen geschöpft wurde. Das Resultat: Ein gedeihliches Miteinander von Bebop- und Blaxploitation-Zitaten, Elektroloops und 80er-Jahre-Sounds. "Wir haben uns alle wieder auf die 80er besonnen. Vor allem wegen Elektro", sagt Sean Combs, der sich bei diesem Album auch explizit auf Prince beruft. "Mit Elektro kam bei mir eben dieser Eighties-Touch. Und ich wollte HipHop um Elektro-Sounds bereichern, um den Sound von Danceclubs." Es ist ihm gelungen. "Press Play" dürfte neben Madonnas "Confessions On A Dance Floor" zum populärsten Mainstream-Resultat des 80er-Jahre-Revivals werden. Wobei, und darauf legt Mr. Combs allergrößten Wert, diese Platte keinesfalls Retro sei, sondern einfach nur von den 80ern inspiriert: "Es klingt nicht nach den 80ern. Es klingt wie die Zukunft." "Press Play" ist bei Warner Music erschienen. Fotos: Reuters, ap

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