Zusammener wohnen

Eins zum Schlafen, eins zum Arbeiten, eins für Sex: Unsere Autorin lebt in einer WG, in der die Zimmer nicht nach Bewohnern aufgeteilt sind, sondern nach Funktionen. "Funktionales Wohnen" nennt sich das. Und ist die beste Wohnform für alle, die nicht gern alleine sind.
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Ich bin die Letzte, die ins Schlafzimmer kommt. In der Dunkelheit versuche ich auszumachen, wo noch ein Platz für mich im großen Viererbett frei ist. Andi liegt diagonal über der ganzen rechten Doppelmatratze. Luca schläft anscheinend heute mit seiner Freundin im Sexzimmer. Ich kuschele mich also links an die Wand neben Milan und während ich mich von sanften Schnarchgeräuschen in den Schlaf wiegen lasse, nehme ich mir noch ganz fest vor, morgen beim ersten Weckerklingeln aufzustehen – nicht dass ich wieder Ärger kriege, wenn ich eine Stunde lang die Schlummerfunktion benutze und alle aufwachen, außer mir.

Wenn ich anderen davon erzähle, wie ich wohne, blicke ich oft in fassungslose Gesichter. „Was, du schläfst mit allen deinen drei Mitbewohnern in einem Zimmer?!?“ Ja. Und nicht nur das. Wir teilen uns auch ein Arbeitszimmer und ein Wohnzimmer. Außerdem haben wir noch ein Zimmer für Privatsphäre, das wir der Einfachheit halber auch Sexzimmer nennen. „Funktionales Wohnen“ nennt sich das, weil die Zimmer nicht Personen, sondern Funktionen zugeordnet sind.

Beim funktionalen Wohnen teilen alle alles

Wir sind nicht die Einzigen, die das so machen. Ich kenne vier andere WGs in Berlin, die funktional wohnen, und eine Reihe von Leuten, die mal so gelebt haben oder es sich vorstellen könnten. Sehr bekannt ist das Konzept trotzdem nicht. Dementsprechend groß sind oft die Zweifel: Was ist, wenn jemand schnarcht? Wie könnt ihr ruhig schlafen, wenn ihr alle zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett geht? Ist denn niemand von euch in einer Beziehung? Nicht selten wird funktionales Wohnen auch mit 68er-Kommunen-Klischees verwechselt. Ich wurde schon gefragt, ob wir in unserem Gemeinschaftsbett jede Nacht wilde Orgien feiern.

Tatsächlich geht es uns bei unserer Form des Zusammenlebens aber nicht darum, möglichst viel Sex miteinander zu haben. Wir sind alle gute Freunde seit der Schulzeit und unsere WG hat eher etwas von einer Familie – in denen ja im Übrigen auch häufig Wohnzimmer oder Schlafzimmer geteilt werden. Schon am Anfang, als noch alle ihr eigenes Zimmer hatten (bis auf Milan, der schlief hinter einem Vorhang im Durchgangszimmer) haben wir oft in einem Bett geschlafen oder uns zusammen gesetzt, wenn wir für die Uni lernen mussten. Das war nur immer sehr eng und unpraktisch. Dann erzählte ich den anderen eines Abends von einer Begegnung mit einem Bekannten: „Jakob zieht jetzt mit elf Leuten in eine Sechs-Zimmer-Wohnung und die teilen sich alle Zimmer, inklusive Werk- und Tobezimmer!“ Ich hatte nur eine lustige Geschichte von meinem Tag zum Besten geben wollen, doch die anderen waren sofort begeistert von der Idee und zwei Wochen später wurde die Wohnung umgeräumt. Wir haben nicht lange nachgedacht, sondern es einfach mal ausprobiert. Das ist jetzt drei Jahre her und wir haben nicht vor, in absehbarer Zeit etwas an unserer Wohnform zu ändern.

Es ist erstaunlich wie groß eine Wohnung auf einmal wird, wenn man funktional lebt. Der Vorhang im Durchgangszimmer ist weg. Stattdessen ist der große, helle Raum mit Balkon jetzt unser gemeinsames Wohnzimmer. Dort haben schon ein Kleidertausch, Treffen unserer jeweiligen politischen Gruppen und natürlich viele legendäre Partys stattgefunden. Außerdem ist in unserer jetzigen Zimmeraufteilung viel mehr Platz für Besuch: Andis zwei Schwestern mit ihren jeweiligen Partnern und drei kleinen Kindern haben schon bei uns übernachtet. Ein anderes Mal hat ein Wochenende lang ein Seminar mit elf Leuten bei uns stattgefunden. Es ist ein schönes Gefühl, immer sagen zu können: „Komm vorbei, du kannst bei uns schlafen.“ Gastfreundschaft ist für mich ein Luxus, den wir uns in diesem Maße vor allem deshalb leisten können, weil wir funktional leben.

Unsere Einstellung zu Eigentum hat sich verändert

Seitdem wir unsere Zimmer teilen, teilen wir generell viel mehr als früher. Den Drucker im Arbeitszimmer haben wir uns zusammen angeschafft. Unser gemeinsames Bücherregal vervierfacht unsere Auswahl an spannender Lektüre. Und seit kurzem ist auch unser Kleiderschrank funktional: ein Fach für alle T-Shirts, eins für Pullis, eins für Hosen. Als einzige Frau in der WG habe ich zwar noch immer mein eigenes Schrankfach, bediene mich aber gerne mal bei den anderen und bin genauso an der Socken- und Schalkiste beteiligt. Unsere Einstellung zu Eigentum hat sich dabei langsam verändert: Es ist viel selbstverständlicher geworden, einen Laptop aufzuklappen, einen Rucksack zu packen oder eine Jacke von der Garderobe zu nehmen, ohne dass es besonders darauf ankommt, wem das jeweilige Teil eigentlich gehört.

Dass es beim funktionalen Wohnen manchmal auch Probleme gibt, ist klar. Unser Einrichtungsgeschmack ist nicht immer derselbe. Wenn eine Person ihre Sachen herumliegen lässt, betrifft das nicht nur sie selbst sondern alle. Die anderen sind genervt von meinem Wecker, ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ständig jemand im Arbeitszimmer raus- und reinläuft und die Tür offen lässt. Einmal wäre ich fast wahnsinnig geworden, als in der Prüfungszeit wochenlang partyfreudige Leute bei uns herumhingen, die ich kaum kannte. Doch gerade solche Schwierigkeiten sind ein Grund, warum funktionales Wohnen großartig sein kann. Man kann nämlich unglaublich viel dabei lernen. Zum Beispiel, die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen und besser miteinander zu kommunizieren. Solidarisch und tolerant miteinander zu sein. Und vor allem, gut aufeinander zu achten.

Der wichtigste Grund, warum ich funktional wohne, ist aber ein ähnlicher, warum andere heiraten und in ein Reihenhaus ziehen: Weil ich es schön finde, nach einem langen Tag nach Hause kommen und vor der Tür schon zu riechen, dass jemand kocht. Die Tasche fallen zu lassen und mich erstmal zu jemandem aufs Sofa zu kuscheln. Sich im Arbeitszimmer gegenseitig Tee zu bringen und ab und zu miteinander zu raufen, wenn man sich nicht mehr konzentrieren kann. Nicht alleine einzuschlafen. Eine Art von Familienleben eben.

Text: lou-zucker - Illustration: Daniela Rudolf