Zwei Maß in dreißig Minuten

Während der 18 Tage, die das Oktoberfest in diesem Jahr dauert, werden mindestens sechs Millionen Besucher erwartet. Unter den ausländischen Besuchern sind die Amerikaner die stärkste Gruppe. jetzt-München hat zwei von ihnen begleitet. Angie (33) und Gail (30) kommen beide aus Dallas, Texas. Dort betreibt Gail die, nach eigener Aussage, coolste Bar der Stadt. Angie befindet sich gerade zwischen zwei Jobs. Die beiden sind zum zweiten Mal in München. Diesmal wollten sie auch etwas von der Stadt sehen und haben deshalb im Internet eine Anzeige aufgegeben – auf der Suche nach Einheimischen, die mit ihnen um die Häuser ziehen. Zwanzig Antworten haben sie bekommen, neunzehn davon von anderen amerikanischen Oktoberfest-Besuchern, eine von jetzt-muenchen.
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„Wo kommt ihr denn her?“ – „Aus Dallas, Texas.“ – „Ha ha, George W. Bush.“ – „Wir haben den Deppen aber nicht gewählt!“ Diesen Dialog führen Gail und Angie während des Wiesn-Besuchs bei jeder Begegnung. Irgendwann haben sie genug und behaupten von da an, aus Kanada zu stammen. Die beiden finden, dass eigentlich alles in Europa toller ist, als in Amerika. Auch die Männer. Gegen die Münchner Burschen sähen alle Typen, mit denen sie sich in Dallas abgeben, wie Trottel aus. Trotzdem haben sie Gails Eltern dringend von einem Deutschland-Besuch abgeraten – die vielen barbusige Frauen auf Plakaten würden seinem puritanischen Wesen Schaden zufügen.

Dass Deutsche sich gesünder als Amerikaner ernähren, halten Angie und Gail angesichts des gastronomischen Angebots auf dem Oktoberfest für ein Gerücht. Sie haben die Wahl zwischen Schnitzelsemmel, Bratwurst, Steaksemmel und Pommes. Dass die meisten Europäer trotzdem schlanker sind als der Durchschnittsamerikaner muss als an etwas anderem liegen. Möglicherweise daran, dass viele Menschen zu Fuß gehen. Oder Fahrrad fahren. Für beides ist Dallas sowohl zu heiß als auch zu gefährlich, erklären sie und beschließen, so bald wie möglich nach Europa, wahrscheinlich nach Berlin zu ziehen. Der Luft, des Leitungswassers und der Jahreszeiten wegen.

An ihrem ersten Wiesn-Tag kamen Angie und Gail spät ins Zelt und haben innerhalb von dreißig Minuten zwei Maß vernichtet. Die Folge waren schlimme Kopfschmerzen und – noch viel schmerzlicher – sie haben die „Castle-Tour“ nach Linderhof und Neuschwanstein verschlafen. Diesmal lassen sie es ein klein wenig langsamer angehen. Aber die Leute sind so nett, die Musik ist so ‚cheesy’ und das Bier schmeckt so gut, dass sie ihre guten Vorsätze recht schnell vergessen. Am Ende des Abends kann Gail fast akzentfrei „oans, zwoa, gsuffa“ sagen und hat mit einem Dänen und einem Dachauer geknutscht. Angie haut währenddessen jedem männlichen Lederhosenträger auf den Hintern und ist bester Dinge.

Als sie vor drei Jahren zum ersten Mal das Oktoberfest besuchten, haben Angie und Gail „The Hill“ entdeckt - ihrer Meinung nach eine der größten Attraktionen des Oktoberfestes. „The Hill“ ist allerdings kein verstecktes Fahrgeschäft, sondern die Rasenfläche hinter den Bierzelten, auf der erschöpfte Wiesn-Besucher ihren Bier- und Zuckerrausch ausschlafen. Gail beschließt, dass sie hinter ihrer Bar auch einen Hügel aufschütten lässt, damit ihre Gäste ähnlich komfortabel ruhen können. Aber heute können sie sich noch nicht ausruhen. Schließlich geht es am nächsten Tag gleich weiter nach Berlin und vorher müssen sie noch so viel feiern wie möglich.

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