Zwischen Daumen und Zeigefinger verrinnt die Zeit

Eigentlich war Volker Gerling auf dem besten Weg, nach Hollywood. Stattdessen wandert er durch Deutschland und macht Daumenkinos.
matthias-leitner

Volker Gerling drückt auf den Auslöser. Die Kamera beginnt, in mechanischem Rhythmus die Zeit zu zerteilen. Klack, klack, klack. Die Spannung im Raum ist greifbar. Immer wieder und unbarmherzig löst die Kamera aus, bannt das Licht auf Fotopapier. Klack, klack, klack. Unweigerlich reagierst du wie aufgescheuchtes Wild auf die Laute. Es entwickelt sich ein intimes Verhältnis zur Kamera, du wirfst dich in Pose, entfernst dich gewollt unbeeindruckt. Und plötzlich ist es wieder ganz still. Der Spuk ist vorbei, Volker verstaut seine Gerätschaften sorgfältig in seinen Taschen und macht sich auf den Weg ins Labor. Am Ende des Prozesses, wenn die einzelnen Bilder entwickelt sind und Volker die Einzelbilder zu einer Serie zusammengefügt hat, steht ein fertiges Daumenkino. Zwischen Daumen und Zeigefinger verrinnt im Daumenkino die Zeit. Der bereits vergangene Moment wird wieder greifbar. Oder ist der Moment vielleicht gar nicht vorbei, passiert alles gerade jetzt, und zwar immer und gleichzeitig? „Möglicherweise ist die Zukunft genauso real wie die Gegenwart und die Vergangenheit“, meint Volker, lacht verschmitzt und lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Form eines Daumenkinos durch seine Finger gleiten. Eigentlich war Volker auf dem besten Weg nach Hollywood, oder zumindest in die Bavaria Studios. Er hat zunächst Regie in Berlin studiert, dann Kamera an der HFF in Babelsberg und natürlich regelmäßig Filme gedreht. Doch ganz plötzlich hat den Kameramann beim Filmen eine fixe Idee gepackt: „Es viel mir ganz spontan ein, ob man nicht eine Spiegelreflexkamera mit Motor als Filmkamera benutzen kann. Den konkreten Auslöser kenne ich nicht.“ Der Daumenkinograf war geboren. Aus einem spontanen Einfall ist ein Lebenswerk geworden. 1998 war das, seitdem widmet sich Volker voll und ganz dem Daumenkino.

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Regelmäßig ist er auf der Suche nach Motiven, organisiert Ausstellungen und hat mit „Der Mantel der Eigenzeit“ auch ein Buch über seine Erfahrungen und theoretischen Überlegungen zur Daumenkinografie geschrieben. In seiner Bühnenshow „Bilder, lernen laufen…“ präsentiert er sich und das Daumenkino in einer Art Performanceprojektionsvortragsspektakel und zeigt sich als souveränen, mitreißenden Entertainer. Besonders wichtig sind ihm aber seine regelmäßigen Wanderungen. Eines Tages ist Volker einfach mit einem Bauchladen, auf dem er eine Auswahl seiner Daumenkinos arrangiert hat, aufgebrochen und raus aus der Stadt aufs Land marschiert. Von Berlin nach Basel oder von Berlin nach Köln ist er schon gewandert. Auf Marktplätzen, in Cafes und überall da, wo einer neugierig stehen geblieben ist, hat er seine kleine Werkschau präsentiert. „Es ist schön, dass Menschen die Daumenkinos anfassen müssen. So kann ich sie dabei beobachten, die Hände und die Art, wie sie die Daumenkinos anfassen erzählt einiges über sie. Ich komme ihnen auch physisch recht nahe, oder sie mir, da sie nah an mich herantreten müssen, um die Daumenkinos vom Bauchladen zu nehmen. Die Reiselust ist eher als Neugierde auf Menschen zu beschreiben, denn als reine Reiselust. Die Wanderlust ist erst mit meiner ersten Wanderschaft gekommen.“ Noch in diesem Jahr soll es Richtung Russland gehen, soweit wie möglich. Wann es genau losgeht und was ihn erwarten wird, weiß er noch nicht. Bevor es losgeht macht er noch mal in München halt: Am Sonntag, den 13.04 im Glockenbachviertel. Sein Bühnenprogramm „Bilder, lernen, laufen…“ im Fraunhofer Theater beginnt um 20.30, der Eintritt kostet: 12 EUR (ermäßigt 8 EUR).

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