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Die Alben der Woche: von Timberlake bis Anajo

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The Album Leaf – Into The Blue Again (Cityslang) Die fantastischste aller Platten kommt diese Woche endlich mal wieder aus Island! War ja lange still da. Die großen Sigur Rós- und Múm-Zeiten, als man monatelang gar keine eigenen Gefühle hatte, sondern nur welche aus Island und zwar die schönsten, traurigsten und seltsamsten, diese Zeiten sind schon ein bisschen in sepiabraun getaucht . Jimmy LaValle aber, der seelenwunde Tausendsassa mit Ellenbogen aus Katzengold, bringt das nun alles aufs Trefflichste wieder ins Lot. Schon sein Vorgänger-Album war die Wucht in Mythen, man flüsterte sich zu romantischen Anlässen die irrsten Sachen zu, die seine Musik mit einem gemacht hätte. Was er jetzt anträgt, was jetzt wieder bei Birgir Jon Birgisson im Nordmeer produziert wurde, ist eine Glücksgeburt in Zeitlupe, ein Wonnensprießen mit Streichern, Glockenspiel und allem, was klickt, klingelt und schmust. Harmonia Caelestis plus tausendfach das Geräusch, mit dem ein gelbes Blatt sich langsam vom Ast löst. Kein Lied wie das andere, trotzdem insgesamt ein Fließen und Strömen, wie es ein Flüsschen nicht besser könnte. LaValle singt auch ein bisschen, reiht seine Stimme ein in irgendeine Zwischenebene, eine kleine Spur, ein bisschen Text. Dann wieder Schlagzeug, Klavier und Geraschel von Elfen. Man weiß nicht, wie ein Kalifornier so viel gesunde Melancholie vorrätig haben kann und erst recht versteht man es nicht, wie er dann noch Heimweh nach einem Land entfachen kann, in dem man noch nie vorher war. Es ist die richtige Platte für den September, für den Oktober und für den November.

Justin Timberlake – FutureSex/LoveSounds (Jive) Seit dem Timberlake-Spex-Cover vor ein paar Jahren, gehört es sich für Popstammtische, den Justin T. absolut ernst zu nehmen und in ihm eine Art Messias des Zeitgeistes zu erblicken. Der arme, ehemalige Boyband-Frontbursche entspricht dieser Erwartungshaltung, indem er eine Zeitgeist-Mannschaft zum Produzieren und Liedschreiben bezahlt und sich im Smartdance übt. Das ist alles sehr sexy. Auf Albumlänge funktioniert es aber bei mir nicht so richtig, trotz wilden Durcheinanders von R’n’B, HipStyle, Dancehop, Chees’n’ base und Michael Jackson. Bleibt irgendwie dünn und abgekocht. Bei dem ganzen Runtercoolen ist der Spaß etwas auf der Strecke geblieben, bzw. bräuchte ich vielleicht ein Video, um mich an die einzelnen Lieder zu erinnern. Vielleicht nimmt man den Justin T. aber auch nur allgemein zu ernst.

Charlotte Gainsbourg – 5.55 (WEA) Das ist also die Kelly Osburne für Existenzialisten. Tochter ihrer Eltern und deswegen überreichlich beerbt mit Charme, Erotik, Chansonism und Französischsein. Den Air-Menschen, die hinter ihr Zartbitter-Singen einen weichen Frenchelectric-Sound webten, werfe ich freche Zweitverwertung alter Hitelemente vor. Das ist ihnen aber egal. Schön bleibt die ganze Chose trotzdem und zwar nicht zu knapp, mann kann ihr kaum widerstehen, wenn man nicht gerade einer ist, der mit der Kettensäge Zähne putzt. Zart, zarter, oh lalala. Nicht besonders jung vielleicht, die Gainsbourg kann man problemlos bei einer zünftigen Familiengegenüberstellung hören, ohne dass sich einer altersmäßig ausgegrenzt fühlt. Paolo-Conte-Auge sei wachsam. Aber bitte und sowieso: Arte Soundtrack für die nächsten vier Jahre.

The Mars Volta – Amputechture (Universal) Das Spannende an dieser Band ist die (auch kommerziell) erfolgreiche Verstrickung von absoluter Introvertiertheit und stark konzeptueller Struktur mit so dermaßem handfesten, breiten In-Your-Face-Rock, dass einem dauerhaft der Sombrero hoch geht. Das letzte Album „Frances The Mute“ verkaufte sich trotz absoluter Ungemütlichkeit in der ersten Woche 100.000mal. Es wäre also, streng genommen, nicht unbedingt nötig gewesen, auf „Amputechture“ einfacher und verständlicher zu musizieren, da dies aber geschah, dürften hiermit endgültig Massengeschmack und Rockfeuilleton eine gewaltige Hochzeit feiern. Urgewaltig und tabulos, immer mit Sinn für den Rythmus im Sandsturm und für mexikanische Bohnensuppe feuerrreitet die Band durch ihre Eckzimmerapokalypse. Der von den Chili Peppers ausgeliehene John Frusciante fieselt sich durch die Tonleitern und gibt sein Schärfchen Radio-Groove bei. Es fehlt aber das Breitwand-Gefühl, das die beiden Programm-Alben davor vermittelten, man hüpft hier mehr von Fels zu Fels, als gemeinsam mit der Band auf einen Berg zu steigen. Gestatten, ich bin ihr bekokstes Metaphernäffchen. Und ich verschenke dieses Jahr keine Mars-Volta-Platten, sondern lieber Bananen.

Anjao – Spätsommersonne EP (tapete) Verflucht will ich sein, wenn ich aus voreiliger Sympathie unentwegt eine Indieband aus der näheren Umgebung in den Himmel über Haunstetten lobe. Aber ich schwöre beim Papstbesuch, dass Anajo zu den talentiertesten und schneidigsten Jungsbands dieses strizziehaften Landes gehören. Das richtige Album erscheint erst im Februar 2007 und jeder sollte beten, dass ihm bis dahin nichts zustößt, denn es wird wirklich sehr gut. Die Vorab-EP „Spätsommersonne“ gibt es nur bei den Konzerten in diesem Herbst zu kaufen und erfüllt ihren Zweck: Sie macht Böcke auf noch mehr. Mehr von dieser herrlichen komischen Knabenstimme, mehr von den schlau verschränkten Texten und mehr präzis gutlauniges Gepope dahinter.

I Am Bones – Wrong Numbers Are Never Busy (Morning Side Rec) Wieder Pop aus Dänemark, diesmal mit besonders interessanter Bandweite. Ein-Mann-Denkerei, vertont mit allem was dem zeitgenössischen Pop an Instrumenten zur Verfügung steht. Verquirlt wie bei Beck, melodiesicher wie bei Semisonic. Mal reinhören in „Built on Sand“ und danach, why not, in einen Dänen verliebt sein. Dänischer Pop ist ja immer ein bisschen verdruckster als die unbeschwerten Schweden, ist das die Nähe zu Deutschland oder nur die fehlende Astrid Lindgren?

Crashing Dreams – Get Somewhere Without Words (Yeah!Records) Instrumentalrock aus Deutschland, gemacht von Menschen, die schon bei den fabulösen Cakekitchen oder bei Babara Manning spielten. Ohne Worte also, aber der Verzicht auf Gesang macht sich in den Stücken irgendwie nicht bemerkbar, sprich: wird durch nichts ersetzt. Sollte aber. Es klingt streckenweise wie solider Indierock, bei dem gleich einer mit lalala anfängt - weil das nicht geschieht, weiß man nicht recht, wohin mit dem Ohr. Die Stücke an sich sind okay, sind aber eben nicht die vielschichtigen Kompositionen, die es im Kreuz hätten, eine Instrumentalrockplatte zu tragen. Empfehle wie stets in solchen Fällen The Low Frequency in Stereo, die können das.

Junior Boys – So This Is Goodbye (Domino) Hm, wenn das Rocklabel Domino (Franz Ferdinand / Arctic Monkeys) ein Band anbietet, deren erster Track ziemlich eindeutig House ist, muss das doch irgendwie eine Finte sein. Es finten in diesem Fall zwei Kanadier, die sich nicht nur einen schlappen Namen sondern auch leicht blutarme Musik ausgedacht haben. Kraftloses, zweistimmiges Pathosgesäusel der 80er-Jahre und darunter Drop-, Drum- und Housebeats der 90er. Das sphärt einen einigermaßen sicher in den Halbschlaf. Yo La Tengo –I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass (Matador) Lag leider noch nicht vor. Wird nachgereicht. Außerdem erscheinen diese Woche: Camouflage – Relocated (Polydor) So eine Art elektronische Kultband aus dem düsteren Bietigheim-Bissingen. The Draft – In A Million Pieces ( Epitaph) Mitglieder von Hot Water Music machen genau das wieder. Irving – Death in The Garden, Blood On The Flowers (Eenie Meenie Records) Gutes Indiegenuschel. V.A. – In Prison - Afroamerikanische Prison Music (Trikont) Hochinteressanter Sampler mir rarem Zeug, sollte Pflichtprogramm für Hiphop-Kids werden. Papa Roach – The Paramour Sessions (Geffen) Wahnsinnig bulliger Crossoverkrampf. Für Leute mit dicken Nacken. Profession Reporter – The Lipstick Durability Test (Unter Schafen Records) Heavens – Patent Pending (Epitaph) Max Sedgley – From The Roots To The Shoots (sundaybest) Mummer – SoulOrganismState (klein) Markus Enochson – In Steps And Sequences (Sonar Kollektiv)

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