Die "Dresden Dolls" verabschieden Kurt Weill, Barbara Morgenstern, Schneider TM und Hot Chip elektropoppen

Reingehört und aufgeschrieben - die Alben der Woche
caroline-vonlowtzow

The Dresden Dolls – Yes, Virginia… (Roadrunner Records) Dreigroschenoper, Kabarett und Weimarer Republik – das ist natürlich das erste, was einem einfällt, wenn man eine neue Platte des Bostoner Duos Dresden Dolls in den Händen hält. Sie selbst hatten sich für ihre erste Platte „Brechtian Punk Cabaret“ getauft, trugen Melonen, schwarz weiß geringelte Strapse und weiß geschminkte Gesichter mit dunklen Lippen. Auch das Artwork der neuen CD schlägt wieder diese Richtung ein, doch musikalisch hat sich einiges verändert. Haben mich auf dem Debüt „The Dresden Dolls“ all die ambitionierten Cabaret-Anleihen und das betont Artifizielle manchmal etwas genervt (und das, obwohl ich ein Freund des Künstlichen bin), bin ich von „Yes, Virginia...“ um so mehr begeistert. Die 20er-Jahre und Kabarett sind weniger geworden, dafür wurde diesmal tief in die Rock-Pop-Schubladen gegriffen. Über mangelndes Pathos und über mangelnde Vielfalt kann man sich wirklich nicht beschweren: herzzerreißende, tieftraurige Balladen, Punkrock-Kracher mit Klavierbegleitung und Pophymnen über Nervenzusammenbrüche, den ersten Orgasmus am Morgen, Geschichtsleugner und illegale Abtreibungen. Trotz der abgründigen Themen eine Platte, die die Kraft von Romantik, Liebe und Kunst feiert, denn nur durch sie schafft man es, zum wahren Kern der Dinge vorzustoßen. „Ah, Virginia, in all this world there is nothing else real and abiding“, heißt es auf Seite Eins im Booklet in Bezug auf Liebe, Glaube, Romantik und Poesie quasi als Leitmotiv vorweg. Denn inspiriert wurde die Platte vom Brief der achtjährigen Virginia O’Hanlon, die 1897 in einem Brief an die New York Sun fragte, ob es den Weihnachtsmann geben würde. „Yes, Virginia...“ antwortete der Redakteur. Und die Dresden Dolls rufen uns am Ende der Platte zu: „Life is no cabaret, we don’t care what you say, we’re invinting you anyway...“ Pure Vernunft darf eben niemals siegen.

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Illustration: Julia Schubert

Barbara Morgenstern – The Grass is Always Greener (Monika) „Jeder Tag ist ein Startschuss, weiter geht’s, ich will mehr“ – mit diesen Worten beginnt Barbara Morgenstern ihr neues Album, die Mitte der 90er-Jahre als Star der Berliner „Wohnzimmer“-Szene gefeiert wurde und heute, 10 Jahre später, eine Ikone des deutschen Elektro-Pops ist. Eine schöne Einleitung für das, was auf den zwölf Stücken untersucht wird: Ist das Gras woanders wirklich immer grüner und ist es dort, wo man gerade nicht ist, wirklich immer schöner? Und: welche Veränderung bringt die Zeit mit sich und wie soll man damit umgehen? Entstanden sind die Stücke dieser Platte überwiegend während oder noch unter dem Eindruck einer Welttournee, auf die sie im Winter 2003/4 das Goetheinstitut gemeinsam mit Maximilan Hecker geschickt hat. Der Titelsong ist in San Francisco entstanden, der Song „Mailand“ eben dort, in „Das schöne Einheitsbild“ fragt sich Barbara Morgenstern, warum blonde Frauen und McDonalds weltweit als höchstes Kulturgut gelten und in „Die japanische Schranke“ thematisiert sie das Piepen von Schranken in Tokio beim Öffnen und Schließen. Und wer wochenlang durch Zeitzonen jettet, fängt wahrscheinlich automatisch an, sich über Veränderung und Zeit Gedanken zu machen. Präsentiert werden all diese Eindrücke und Gedanken mit viel Orgel, etwas Elektro-Knistern und jener schönen glasklaren Barbara Morgenstern-Stimme, die diesmal gleich dreisprachig singt. Leicht, luftig, aber nicht oberflächlich, kommt dieses Album daher, und trotz all der Erfahrungen und Erkenntnisse, die Barbara Morgenstern auf ihrer Reise gesammelt hat, hat man nie das Gefühl, hier gibt jemand an oder als Hörer würden einem Dinge aufgedrängt werden. Im Gegenteil. Sehr sympathisch.

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Illustration: Julia Schubert

Schneider TM – Skoda Mluvit (City Slang) „Es ist schade, überhaupt drüber reden zu müssen“ – das heißt der seltsame Albumtitel „Skoda Mluvit“ übersetzt. Es ist eine tschechische Redensart, die die Großmutter von Dirk Dresselhaus aka Scheider TM gerne und oft benutzt – auch im Titelsong der Platte. Ein seltsames Stück ist das übrigens, bei dem der Sprechgesang des Berliner Dichters und Rappers Max Turner und die Andeutung einer funkigen Melodie immer wieder von Elektrogefrickel durchkreuzt wird. Das Prinzip, dass Melodien mehr angedeutet, als wirklich ausgespielt werden oder durch andere Geräusche und Klangeinfälle gestört oder unterbrochen werden, zieht sich durch die gesamte Platte. Dennoch oder gerade deshalb wohnt vielen Stücken wie „Pac Man/Shopping Cart“ oder „Peanut“ ein ganz besonderer Zauber inne. „Das Prinzip Übermaß“ oder vielleicht noch besser „Wahnsinn“ beschreibt das neue Album vielleicht am ehesten, denn Schneider TM hat so viele musikalische Stränge, so viele fein arrangierte und aufeinander geschichtete Details auf dieses Album gepackt, dass man erst mal gar nicht hinterherkommt: Folksongs, Hiphop-Ausflüge, Indie-Gitarrenrock, ausschweifende Gitarren- und filigrane Elektro-Flächen gemischt mit ein klein wenig zuckrigem Pop. Das dauert ein bisschen, bis man sich in diesem Kosmos zurecht findet, aber es lohnt sich. Hier kann man das Video zu “Pac Man/Shopping Cart” ansehen und Audio streams hören.

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Illustration: Julia Schubert

Hot Chip – The Warning (Labels) Heute wird aber elektrogepoppt. Hot Chip veröffentlichten 2004 ihre erste Single "Down With Prince" und erhielten für ihr Debütalbum "Coming On Strong", das in Deutschland erst Anfang dieses Jahres erschienen ist, jede Menge Lob. Nur wenige Monate später beglücken uns die beiden Londoner Keyboard-Fans Joe Goddard und Alexis Taylor erneut mit großen Popmelodien und seltsamen Geräuschen. Allerdings lange nicht so seltsam wie die Geräusche von Schneider TM. Kann es einem bei Schneider TM doch mal passieren, dass man die Melodie aus dem Ohr verliert, tragen sie Hot Chip um so offensiver vor sich her. Obwohl sie sich bemühen, anders zu klingen, hat man bei Hot Chip nie das Gefühl, hier versucht jemand Avantgarde zu machen (bei Schneider TM übrigens auch nicht, nur dass keine Missverständnisse aufkommen), sondern alles hört sich so selbstverständlich an, dass einem die seltsamen Geräusche manchmal gar nicht auffallen. „Die beste Popmusik hat immer etwas Gewagtes und Experimentelles an sich, aber ist gleichzeitig einfach und leicht zu konsumieren“, sagen sie denn auch in einem Interview. „Zum Beispiel Prince, Kraftwerk oder Brian Wilson, die schreiben auch Popmusik und experimentieren gleichzeitig innerhalb des Genres. Wir mögen melodiösen Pop und experimentelle Musik, beides zu verbinden ist für uns ganz natürlich.“ Beim Hören besteht allerdings Beinbruchgefahr, weil man auf keinen Fall still sitzen bleiben kann. Aber davor wird ja mit dem Albumtitel und dem Opener „Careful“ gewarnt. Hier (Real Hi) oder hier (Win Hi) könnt ihr das Video zur Single "Over and Over " sehen. Hiphop mit hannes-kerber: Clueso – Chicago (Four Music) Der Album-Vorbote ist ein altbekannter, doch bisher unveröffentlichter Konzertklassiker, der Gänsehaut-Drogen-Sehnsuchtssong „Chicago“. Wer Clueso noch nicht kennt, kann sich unter ihm etwa den deutschen Jack Johnson vorstellen. Bester Vers: „Auch wenn sie sich selbst nicht ganz so pflegt / pflegt sie zumindest den Kontakt.“ T. Wonder – 3Komma5Promille (Neo) Tipp des Monats: Mit der Hiphop-Superstar-Karriere wird es nix, wenn man aus Dresden kommt und dann auch noch Raps macht, die sich so anhören – „Ich könnte Nazi-Rap machen und es käm’ Gold raus – oder sogar Platin! / Ey, bevor Du mich verstehst, musst du erst den Stock ausm Arsch ziehn!“ The Coup – Pick A Bigger Weapon (ShoYoAss/Epitaph) “The Coup is: Boots Riley on vocals, Pam The Funkstress on turntables and various frieds with things that make noise”, so stellen sich The Coup vor – deren inoffizielles Motto lautet: “I’m here to laugh, love, fuck and drink liquor/ And help the damn revolution come quicker!” Relaxter, runder, erwachsener Rap der alten Schule – ohne Battle-Beef und Gangsterrap dafür aber mit einem guten Schuss Politik (der Track “Head Of State” gehört zu den absoluten Highlights des Albums und beschäftigt sich kritisch-ernsthaft mit der Vergangenheit von George W. Bush). Jamie Foxx – Unpredictable (J Records/Sony BMG) Man sieht die Photos und denkt: R. Kelly; dann ließt man den Name Jamie Foxx und denkt an Ray Charles. Danach hört man die 15 Lieder mit der tollen Stimme von Foxx und denkt wiederum an R. Kelly, weil sich die Musik so sehr nach dessen R’n’B anhört. Außerdem enthält die CD ein foldout poster mit den Foxxschen Bauchmuskeln (hier denkt man dann an Usher). Den Höhepunkt des Albums bildet „With You“ (mit The Game und Snoop Dogg). Außerdem erscheinen diese Woche: Sondre Lerche and the Faces Down Quartett - Duper Sessions (Virgin) The Charlatans – Simpatico (Sanctuary) Raconteurs - Broken Boy Soldiers (XL Recordings) Trost – Trust Me (Four Music) Attwenger – Dog 2. Rmixes (Trikont) V.A. – From the Closest To The Charts. Queer Noises 1961 – 1978 (Trikont) Mark Knopfler & Emmylou Harris – All The Roadrunning (Mercury) Robbers On High Street – Tree City (DevilDuck Records) Roger Stein & Sandra Kreisler – Lieder eines Postmodernen Arschlochs (Wortfront) Nits – Les Nuits (WERF Records) Salim Nourallah – Beautiful Noise (Tapete Records) They Live By Night - They Live By Night (Razziarecords)

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