Die Envelopes machen alles richtig und Frank Black wartet ganz schön lange auf Kühe

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Envelopes – Demon (Labels/EMI) Vier junge Schweden und eine Französin hängen einen Sommer lang im Sommerhaus von der Mutter von dem einen Schweden rum. Machen so Musik. Nehmen sie auf. Und jetzt ist das, was eigentlich als lo-fi rumpelndes Demo gedacht war, plötzlich eine der tollsten Platten des Sommers. Bislang hält sich der Hype noch in Grenzen: Ein guter Auftritt beim legendären South-By-Southwest-Festival im texanischen Austin hat die US-Collegeradios Blogger bereits angefixt, aber da geht sicher noch mehr. Denn die Envelopes dürften bei den musikalischen Gatekeepern derzeit erwartungsgemäß eher leichtes Spiel haben, schließlich gibt es genügend Überschneidungspunkte mit Kritikerlieblingen der jüngeren wie älteren Pop-Historie. Im derzeitigen Referenzkosmos halten sie sozusagen mit Clap Your Hands Say Yeah, Architecture in Helsinki oder Arcade Fire Händchen – und wenn man ins Vergleiche-Archiv geht, kommt man mit Tönen von Pixies, Pavement und immer wieder Velvet Underground fröhlich wieder die Treppe hochgehüpft. Beeindruckend an „Demon“ ist neben dem ungeheuer lässigen und weit verzweigten Songwriting die Vielfalt an Gitarrensounds, die die Envelopes teilweise in einem einzigen Song durchexerzieren wie die Gänge eines Formel-Eins-Wagens. Das Schlagzeug raschelt derweil präzise und zurückgenommen im Hintergrund, Moog und Vibraphone streicheln einem über die Wange und der wechselseitige Mädchen-Junge-Gesang kommt und geht immer genau zur richtigen Zeit. Trotzdem klingt das alles nie nach überambitioniertem Muckertum von der Schwedenpop-Streberakademie, sondern oberangenehm mühelos und so kinderleicht, als könne man sich jederzeit selbst in eine Fjordhütte einmieten, die Gitarren notdürftig stimmen und loslegen. Perfekte Rezensentenphrase: Von denen wird man noch viel hören.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Les Claypool – Of Whales And Woe (Prawn Song / Rough Trade) „They call me Mr. Knowitall, I will not compromise“ – die nasalen Einlassungen von Bassist Les Claypool, die seine furiosen Slap-Attacken begleiteten, machten Primus in den Neunzigern und einem der wenigen erträglichen Beiträge des insgesamt höchst unseligen Crossover-Trends. Crossover waren die mit den Bärtchen und den US40-Klamotten, die immer „Niggerniggernigger“ rufend auf und ab hopsten. Primus tourten zwar auch diesen Circuit, waren aber immer ein wenig schaluer. In den letzten Jahren war Claypool dann mit wechselnden Projekten unterwegs, die allesamt geil ausgedacht wirkende Namen wie Sausage, The Holy Makarel oder Frog Brigade haben. Vielleicht bekanntestes Opus aus jener Zeit: Das „South Park“-Titellied. Auf dem bestimmt Moby-Dick-beeinflussten „Of Whales And Woes“ hat Claypool jedoch zum ersten Mal so gut wie alles selbst gemacht – und wem die stets leicht anstrengende Mischung aus Funk und Comedy-Metal, aus Butthole Surfers, Faith No More und Ween gefällt, wird - perfekte Rezensentenphrase: auch diesmal wieder seine Freude haben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Frank Black – Fast Man, Raider Man (Cooking VI/Indigo) Doppel-CD, die da anknüpft, wo der als Band-Diktator bekannte Pixies-Sänger letztes Jahr mit dem vielgelobten „Honeycomb“ aufhörte: Gemütlicher Heartlandsound zwischen Heuballen und Front Porch. Wieder in Nashville aufgenommen, wieder mit allerlei legendärer Verstärkung an Bord. Wieder mit lauter Namen, die ich nicht kenne, die aber für Stax Records, B.B. King und andere Household-Names Großes geleistet haben. Die Aeronauten beschrieben Countrymusik in einem Lied mal so: „Sie wengeln den Akkord / In einem fort / Bis die Kühe nach Hause kommen“. Meine Welt war das nie so, dieses Wengeln im Staub, aber in geringen Dosen kann ich es durchaus goutieren. Und wären es nicht 26 Lieder, würde ich meine Arme noch enthusiastischer um diesen Honkytonkmann werfen. So dauert’s mir mit den Kühen manchmal ein bisschen zu lang. Perfekte Rezensenten-Phrase: Der Altmeister hat's nicht verlernt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Transglobal Underground – Impossible Re-Broadcasts (Skycap / RTD) Remix-Version des 2004er-Albums „Impossible Broadcasts“, die dem Transglobalitätsgedanken gerecht wird: ein moderner Weltmusik-Mix aus Breakbeat, Acid House, Bollywood, Downbeat, Drum’n’Bass, Arabesk und Electro – gemixt von teils unbekannten, teils namhaften Produzenten wie Thievery Corporation (Washignton DC) oder DJ Rocca (Italien). Perfekte Rezensenten-Phrase: Globalisierung zum Anhören. Außerdem sind erschienen: 3 Colours Red- Nuclear Holiday ( Red Snapper) Bad Manners – Can Can (Red Snapper) Barry Adamson – Stranger On The Sofa (Central / Al!ve) Deltahead – Deltahead (Cooperativ / RTD) Dixie Chicks – Taking The Long Way (SonyBMG) Don Peris – When The Morning Shineth (Badman / Cargo) Huss – Huss (Trikont) Isan – Plans Drawn In Pencil (Morr / Indigo) Junkie XL – Today (Roadrunner) King Syze – Syzemology (Brick / Groove Attack) Linus Loves – Stage Invader (Breastfed / RTD) Mojave 3 – Puzzles Like You (4AD / Beggars) Oakley Hall – Gypsum Strings (Brah / Cargo) Poison Idea – Latest Will And Testament (Farewell / Cargo) Richard Dorfmeister & Madrid de los Austrias – Grand Slam (G-Stone) Streetrunner – Run The Streets Vol. 1 (Counterflo) Thee Headcoats – Deerstalking Men (Damaged Goods) Woven Hand – Mosaic (Glitterhouse /Indigo) Zimpala – Honeymoon (Légére Recordings)

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