Die gesunde Mischung: eine Woche zwischen Selbstfindung und Party

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caroline-vonlowtzow

www.common-music.com Jede Woche stellen wir an dieser Stelle einige CDs vor, die diese Woche erscheinen. Nicht unbedingt die besten, nicht unbedingt die schlechtesten - sondern einfach die, die wir erwähnenswert finden. Common - Be (Geffen) Turin Brakes - JackInABox (Labels) Smog - A River Ain’t Too Much To Love (Domino) The Futureheads - The Futureheads (Warner) Madsen - Madsen (Universal) “Ich bin wieder zurück, ich bin wieder bei der Wurzel.“ Das hört sich glatt so an, als hätte sich Rapper Common Jahre lange in ein Erdloch verkrochen und sich nun wieder mühsam raus gearbeitet. Dabei ist seine letzte Platte, „Electric Circus“, gerade mal zwei Jahre alt und wurde noch dazu von Kritikern als grenzensprengendes HipHop-Erneuerungs-Werk gefeiert. Doch an Ladentheke und bei Fans floppte das Album. Vorwurf: Verkauf der puristischen HipHop-Wurzeln an Sonnenschein-Melodien. Mit dem neuen Album „Be“ nun also wieder zurück marsch marsch das Ganze und „back to the roots“. Das Thema der Platte deshalb auch: wie kann man der sein, der man wirklich ist, ohne ständig darüber nachzudenken, was die anderen über einen sagen? Und wie hört sich diese Selbstfindungstherapie an? Unglaublich locker und relaxt. Unglaublich warm und soulig. Von vorne bis hinten durchhörbar mit Symphonien und geschichtenreichem Sprechgesang und vor allem mit einer großartigen, predigtgleichen Black-Pride-Beschwörung am Schluss: It’s your world – mach was draus! Jawoll! Common hat es getan und das hört sich verdammt cool an. Auch die nächste Band zelebriert mit ihrem neuen Album eine Rückbesinnung. „Leise ist das neue laut“ hieß es vor vier Jahren plötzlich und neben den Kings of Convenience wurden die Turin Brakes zu den Haupthelden dieser Hornbrillen tragenden Bewegung ausgerufen. Endlose Tourneen folgten, ein richtiger Single-Hit auch, aber irgendwann hatten die zwei Engländer die Schnauze voll vom Popstarsein. Also wieder ab nach Hause, zurück in den feuchten, staubigen Keller und erst nach einem Jahr mit zwölf schlichten Pop-Songs wieder raus kommen, die den „celebritiy parties“ und all dem urbanen Zeug abschwören. Wie bei Common handelt auch „JackInABox“ vom Leben, vom Sein und davon, sich lebendig zu fühlen. Dieses Gefühl springt einen beim Hören auch geradezu aus den Lautsprechern an. Dabei ist „JackInABox“ keine Friede-Freude-Eierkuchen-Platte, aber sie schafft es, dass ich eine Platte lang Frieden mit der Welt schließe und kurzzeitig begreife, dass das Glück tatsächlich in den viel beschworenen kleinen Dingen liegt. Ach, schön kitschig ist das, vielleicht sollte ich gleich meine Sachen packen und auch aufs Land ziehen – aber auf Dauer wäre das dann doch zu langweilig. Von Landleben und Selbstfindungstrip begeben wir uns nun auf eine Reise ins Ich. In das Ich von Bill Callahan alias Smog. „A river ain’t too much to love“ heißt das elfte Werk dieses genialen Singer/Songwriters und beim Hören fühle ich mich wie in einem Roadmovie. Wie auf einer nie endenden Fahrt durch den Mittleren Westen der USA mit seinen schnurgeraden, verstaubten Straßen, die auch hinter dem Horizont noch endlos weiter gehen, mit vereinzelten Tankstellen am Straßenrand und Einheimischen, die einen wie Fremdkörper beäugen. Alles bei Smog ist in Moll. Immer schon gewesen. Eine Gitarre, mal auch eine Geige oder ein Klavier, spärlich eingesetzt, begleiten seine spröde Poesie. Große Lücken und Pausen bestimmen die Musik, die Smogs Stimme spricht mehr, als dass sie singt. Das Gegenteil von Bombast, aber mit seinen kargen Arrangements zaubert Smog trotzdem unvergleichliche Melodien. Besonders toll der Opener „Palimpsest“ und die Country-Nummer „The Well“. Da klingt Smog schon geradezu fröhlich und lebhaft und man möchte ihm zurufen: nicht noch mehr Antidepressiva nehmen. Ganz anders dagegen The Futureheads. Diesen vier 18- bis 22-jährigen Jungs möchte ich entgegen schreien: Macht auch mal ne Pause, holt Luft, kommt runter. Franz Ferdinand, im 18. Aufguss. Dieses Gefühl habe ich jedenfalls, wenn ich mir diesen neusten Retro-Rock-Post-Punk-New-Wave-Hype von der Insel anhöre. Gestern noch die Vorband des Erzherzogs, nun nach Bloc Party und Maxïmo Park der nächste heiße Scheiß und auf dem Soundtrack von O.C. California vertreten. Ja ok, die rocken schon gut. Man kann zu ihren Liedern singen, tanzen und ausgelassen sein. Und mit ihren treibenden Gitarren und den 15 atemlosen Stücken kann man auch bestimmt jede WG-Party anheizen. Und gegen das Konzept, dass alle Lieder gleich klingen, ist ja auch nichts einzuwenden. Lieber ein gutes Lied 15 mal auf einer Platte als 15 schlechte. Trotzdem, irgendwie langweilen mich die Futureheads mit ihrem gleichnamigen Debüt, auch wenn sie vierstimmig singen und mit „Alms“ sogar ein A capella-Stück auf ihre Platte gepackt haben. Aber ehrlich gesagt, kann ich mit diesem ganzen Retro-Rock-Hype sowieso wenig anfangen. Wer’s also mag, der ist bei den Futureheads bestimmt ganz gut aufgehoben. Mit der nächsten Platte würde ich viel lieber meine Party-Gäste zum Tanzen bringen. Mit aufgedrehtem Lautstärkeregler und der Band Madsen aus dem Wendland geht die Reise von höchsten Höhen in tiefste Tiefen und wieder zurück und das in weniger als drei oder vier Minuten. Rebellenpose, Selbstzweifel, Liebeskummer, banale Glücksmomente und Weltschmerz inklusive. Drei Brüder und zwei Freunde, die rausschreien, was ihnen passt und was nicht. Und das schnörkellos und gerade heraus mit der Stimme von Sebastian Madsen, die sich bei den Refrains vor lauter Brüllen zu überschlagen scheint. Nur manchmal kommt mir die Madsen-Rhetorik ein bisschen zu banal und schülerbandmäßig daher und auch beim Bandnamen hätten sie sich schon ein bisschen mehr einfallen lassen können (überhaupt scheint bei deutschen Bands in Sachen Namensgebung Fantasie nicht gerade angesagt zu sein: neuerdings heißen sie Mon)tag oder Katze oder eben gerne mal nach den Bandmitgliedern), aber egal: Madsen machen trotzdem Spaß. Außerdem erscheinen diese Woche: The Broken Beats – them codes ...them codes (Hazelwood) Ein Meisterwerk der Vielschichtigkeit, das diese vier- bis elfköpfige dänische Band hervorgezaubert hat. Man nehme eine Prise Pavement, jede Menge Beck, etwas Lambchop, orchestrale Rufus Wainwright-Anleihen sowie die bewährten Beatles-Zutaten und man ist noch immer nicht ganz im Broken Beats Kosmos. Beim ersten Hören noch eigenwillig und verschroben, wird „them codes ... them codes“ mit jedem weiteren Hören immer großartiger und entführt in seltsame neue Welten. Oasis – Don’t Believe the Truth“ (SonyBMG) Viele sagen mit „Don’t Believe the Truth“ fänden Oasis zur Form der frühen Jahre zurück. Nur fünf der elf Songs stammen noch aus Noel Gallaghers Feder, Bruder Liam, Andy Bell und Gem Archer haben den Rest beigesteuert. Aber auch bei der sechsten Oasis-Platte habe ich das Gefühl: dieser Band sind die Melodien abhanden gekommen. Klar, die Single „Lyla“ ist super, weil sie nach Beatles klingt, und auch bei „Part of the queue“ hat man das Gefühl, ach, sie können es ja doch noch, aber dann ist auch schon wieder Schluss. Bus feat. MC Soom-T – feelin dank (scape) Super Titel finde ich, den sich die beiden Berliner für ihren neuen Dub-Entwurf ausgedacht haben. Und die Stücke, auf denen Rapperin Soom-T aus Glasgow mit ihrer gefühligen, weichen Stimme emceet, mag ich auch. Die klingen sonnendurchflutet und zeigen: HipHop kann auch ganz anders und neu tönen. Der Rest ist mir zu technoid, zu spröde. Lee Buddah – Frühjahrschronik (The A-Label) Nach seinen diversen Soundtracks (zuletzt „Kammerflimmern”) ist das neue Album von Lee Buddah ein Soundtrack ohne Film. Es handelt von Andy und Julia, ihrer Liebe, der Zeit danach, den Grübelein und dem Weitermachen. Naja. Die Texte liegen zwischen nett, belanglos und peinlich, die Musik schaukelt zwischen Akustik-Gitarre, 80er-Disco und Schlager. Eine Platte für die Sommerferien und für Fahrradtouren zwischen goldenen Weizenfeldern. Black Eyed Peas - Monkey Business (Interscope) Nach dem Mega-Seller „Elephunk“ und meiner Lieblings-Single „Shut Up“ nun ein weiteres Album des Multikulti-Trios mit Sängerin Stacey Ferguson. Die Single "Don't Phunk With My Heart" knüpft denn auch nahtlos an die Ohrwurm-Qualitäten des Vorgänger-Albums an. Ansonsten leicht verdauliche funky Tanz-Mukke, aber insgesamt weniger Hits, die einen auf Anhieb anspringen. At the Drive-In – Anthology: This station is non-operational (V2) Für die, die noch mal nachhören wollen, wie viel toller die beiden Bands Mars Volta und Sparta klangen, als sie noch vereint als At the Drive-Iny unterwegs waren. Allerdings keine Best of-Platte, sondern ein kurzer Querschnitt durch die siebenjährige Schaffensperiode mit seltenen B-Seiten-Perlen, der vergriffenen Split EP mit Sunshine und unveröffentlichten Coverversionen von The Smiths und Pink Floyd.

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